mtltc Überwerfen würde, war vorauszusehen, und ich hätte das nicht einmal veranlassen mögen. Ich hatte von der brüderlichen und von der Verwandtenliebe einen so hohen Begriff, daß ich mich sogar gewaltig wunderte, als ich bemerkte, mein Oheim lasse sich von seinem Bruder für ihm gelieferte Arbeiten bezahlen. Mein Herz war weit, und hier war alles so übermäßig engherzig; alles unterlag der Berechnung; alles war kleinlich und gedrückt. Ls war eine traurige Existenz.
Gearbeitet wurde im Sommer von des Morgens 6 Uhr bis abends um 7 Uhr, im Winter von des Morgens um 7 Uhr bis abends 8 Uhr, also 13 Stunden ohne Unterbrechung. Des Morgens erhielt ich zwei Lassen Baffee, mittags um 12 Uhr wurde ein Gericht, meistens mit etwas Fleisch, genossen,' doch öfters mußte ich. mir, um satt zu werden, noch ein Stück Brot erbitten, das mir sehr unwillig und meist mit spitzen Bemerkungen über meinen guten Bppetit gereicht wurde. Um 4 Uhr durfte ich mir zur Vesper ein Stück Brot abschneiden und Salz darauf streuen. Um 8 Uhr wurde zu Übend gegessen, zwei „Stullen" (Schwarzbrot) mit wenig Butter oder „Pellkartoffeln" mit einer Probe von Butter und Salz. Nur beim Mittag- und Bbendbrot saß ich am Tisch, doch nicht früher, als bis das Essen darauf stand, und sobald der letzte Bissen genommen war, ging es wieder an den Werktisch. Frühstück und Vesper wurde an dem Werktische verzehrt, ohne die Brbeit zu unterbrechen, war viel zu tun, so wurde in die Nacht hinein, nicht selten auch des Sonntags gearbeitet. In der Begel aber war der Sonntag ffei, und bei schönem Wetter wurde eine Landpartie auf einen ganzen oder halben Tag gemacht, wobei ich mit hinzugezogen wurde, nicht meiner Person wegen, sondern weil ich den Korb mit Lebensmitteln tragen mußte. Eine genaue Einteilung und schmale Bissen waren im Hause meines Oheims aller^ngs notwendig,' denn er brachte seine reine Iahreseinnahme selten auf 400 Taler, von denen 90 Taler allein für Miete abgingen.
Ich sehnte mich nach einem Freunde, doch wo sollte ich ihn in dem weiten Berlin sinden? Hlle Menschen sahen mich so fremd an; ich las auf keinem Gesichte Teilnahme und war dabei so arm, daß ich mich nicht getraute, das Geld für ein Glas Bier auszugeben. Da kaufte ich mir wohl für einen Groschen Gbst und wunderte zum Tore hinaus, um die einsamsten Gegenden, die Jungfernheide, den Wald gegenüber von Treptow, den Busch vor dem Schlesischen Tore aufzusuchen, wo ich nicht auf Menschen stieß. Ich war nahe daran, ein Menschenhasser zu werden und in völlige Schwermut zu verfallen.
Die Tage wurden unffeundlicher und kürzer,' ich saß des Sonntags zu Hause, betrachtete nachmittags aus der Hinterstube meiner hohen Wohnung über dem rauschenden Wasser das blitzende Schieferdach der damaligen Petrikirche,
blies die Flöte oder las. In den Büchern fand ich eine Welt, die mir zusagte,' die wirkliche stieß mich ab oder ließ mich kalt. Ein Buch über Logik, ein anderes über deutschen Stil zogen mich sehr an. Meine Tante sagte: sie begriffe mich nicht. Bndere junge Menschen gingen doch des Sonntags aus, suchten sich Bekannte, tränken Bier und machten sich mit ihnen lustig,' ich aber säße immer zu Hause und über den Büchern. Buch mein Gnkel meinte: das könne mir zu nichts helfen, ich würde doch im Leben kein Gelehrter werden,' ich sollte lieber zeichnen. Meine Tante fügte hinzu: sie würde es für viel klüger halten, wenn ich statt dessen Französisch triebe; denn bas könnte mir doch einmal etwas helfen. Dieser letztere Bat schien mir gar nicht unrecht. Ich ging noch in derselben Woche hin und kaufte mir die damals allgemein beliebte Meidingersche Grammatik der französischen Sprache.
Mein Oheim legte mir vor Weihnachten die Frage vor: ob mir das Geschäft gefiele, ob ich mich entschließen wolle, auszulernen, oder ob ich etwas anderes werden möchte? Jetzt könne ich mich noch darüber entscheiden. - Die Frage überraschte mich, denn er wußte recht wohl, daß ich keine Wahl hatte. — was sollte ich wählen? — hatte ich doch nichts anderes kennen gelernt, und es ist kaum möglich, zwischen dem Bekannten, auch wenn es schlecht ist, und dem Unbekannten eine Wahl vorzunehmen,' man wird gezwungen, das erstere zu wählen. Zudem sagte ich mir, daß es meine Mutter kränken würde, wenn ich den Platz bei ihrem Bruder aufgäbe, bei welchem sie mich am besten aufgehoben glaubte, nicht zu gedenken, daß jede andere Wahl neue Bosten veranlassen mußte, die vielleicht für meine Eltern unerschwinglich wären' wußte ich doch nur zu wohl, daß sie sich jeden Pfennig, den sie mir schickten, vom Munde abdarbten.
(Fortsetzung folgt.)
ttirchliche Anzeigen.
Sonntag, den 1.Juli, 3. nach Trinitatis.
Gottesdienst.
In der Ztadtlirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Thristen- lehre für die Ueukonfirmierten aus der Markusgemeinde, pfarrassistent Liz. Be uning. vormittags 9'/. Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Binderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. — Mittwoch, den 4. Juli, abends 8 Uhr: Briegsbetstunde. Pfarrer Mahr.
In der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde. Pfarrer Busfeld, vormittags 9V2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Binderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Bbends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal.
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