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die Briefe, die die Mutter schreibt. Und diese Briefe sind mir sehr wertvoll gewesen. Sie haben mir gezeigt, welch ein guter Kern doch eigentlich in den meisten Barmer Frauen steckt. Man muß daneben auf die Zachen schauen, die sie dem Kinde mitgegeben haben. Wie sauber und reinlich sind die Kleider, die Strümpfe, die Hemden gehalten! Me besorgt schreiben die Mütter! Wie viele christliche Gedanken stehen in den Briefen! Wahrlich, daß sich so manche Frau der Stabt dieses Wesen bewahrt hat, das läßt uns die Großstadt weniger pessimistisch ansehen. Freilich mitunter sind die Mütter auch anderer Rrt. Einige ganz wenige Kinder kamen mit zerrissenen Strümpfen an, mit Kleidern, an denen Knöpfe fehlten, mit Schuhen, die nicht geflickt waren. Und bei einem Kinde hat man es gar erlebt, daß ihm das Essen nicht gut genug war und daß es das „Leckre", die gewohnte ,,Torte" am Sonntag nachmittag vermißte. Und das bei zerrissenen Strümpfen und noch anderm schlimmeren Zubehör.
Ruch von diesem letzteren muß man hier reden. Seitdem unsre Feldgrauen leider so intime Bekanntschaft mit diesem Tiervolk machen mußten, ist es ja auch anständig geworden, davon zu reden und zu schreiben. In früheren Jahrhunderten war das Land die Heimat der Läuse, heute scheinen sie in der Industrie und Großstadt ihr hauptlager zu haben. Zwar hat die Stadt viel getan, dem Lande nur kopfreine Kinder zu schicken. Sie werden vor der Rbreise auf das Vorhandensein dieser „Gäste" untersucht und unbarmherzig von der Fahrt auf das Land ausgeschlossen, wenn ihr Vorhandensein festgestellt ist Rber trotzdem kommt doch noch hier und da eia Kind mit solchen „Waldbewohnern" durch. Ls ist ein Kreuz, daß hier und da die Gastfreundschaft mit solchem Kinde beglückt wird. Da die Reinigung schwierig ist, schickt man die Kinder meist gleich zurück. Ts ist erfreulich, daß im ganzen doch von Barmen nur wenige Kinder mit solcher Einquartierung kamen. verwunderlich ist es ja kaum, daß unter den kleinen Leuten der Großstadt dieses Uebel häufig ist. Man denke einmal an das enge Zusammenwohnen in den hohen Häusern, wo man auf Treppen und Fluren gar nicht von solchen fern bleiben kann, die man als unreinlich und unordentlich kennt. Buch das ist ein freilich ganz kleiner Grund mit dafür, die hohen Mietshäuser der Stadt zu verwünschen und zu helfen, daß möglichst jeder Arbeiter sein eigen kleines Haus mit Garten bekomme, von der Bazillenübertragung und anderem ganz zu schweigen. _
Allzu scharf macht schartig.
Man hört jetzt beweglich klagen über die allzu eifrige Härte, mit der, als ob sie nichts Wichtigeres zu tun hätten, die bewaffneten Hüter der öffentlichen Ordnung unseren harmlosen Rusflüglern jegliches Mitgebringe, ein paar Lier und Speck und den bescheidensten Butterweck, abnehmen, daß Vater und Mutter den wartenden Kleinen nicht einmal ein bißchen vögelchesbrot (da die Vögel drüber gepfiffen) mitbringen dürfen, während so mancher Kenner des § N Millionen einheimst. (?) Da erinnere ich mich einer alten Geschichte, davon ich früher gehört habe:
Es war kurz vor der Zeit, als der hessische Minister du Thil mit kühnem Wagemut den Zollvertrag mit Preußen abgeschlossen und damit den Rnstoß zum Zollverein und zum Rufsteigen der ersten Morgenröte über Deutschland gegeben hatte, das nach den „Freiheitskriegen" erst recht reingefallen w-ar. Damals zog der Lehramtsbeflissene S. von J.. der auch mich noch in die Geheimnisse des RBT und in den Vorhof der Wissenschaft einführen sollte, mit noch fünf Genossen aus dem
linksrheinischen Neuhessen hinüber, um im neuen Friedberger Lehrerseminar sich für ihren Beruf fertig zu machen. Darunter fand sich auch einer, dessen Mutter dem „Buchfinkenland" nicht allzuviel zutraute, weshalb sie ihrem Einzigen vorsorglich einen geräucherten Schwartemagen mitgegeben hatte, der wohlverpackt als Handgepäck mitging.
Wie dann die Reisegesellschaft von Frankfurt nach Norden sich wendend nach Bockenheim ins Kurhessische kam, mußten sie Uebergangssteuer für die Wurst bezahlen, und nicht besser ging es, wie sie bei Vilbel ins Darmstädtische kamen. Rls sie auf der Weiterfahrt nassauisches Gebiet berührten, forderten auch dort die Oranier ihren Zoll, und so ging es denn weiter auf der bunten Landkarte. Beim fünften Male aber ging ihre Geduld zu Ende,- da zog einer sein Messer und teilte den ganzen Schwartemagen in sechs gleiche Teile, die dann alsbald vor den Rügen der geprellten Zöllner in den sechs jungen Mägen ohne Rot und auch ohne Brot ihre letzte Ruhe fanden. Ts ist doch alles schon einmal dagewesen. Dr. Kappesser.
Aus der Zugendzeit eines deutschen Mannes.
(Fortsetzung.)
Das waren die Personen, an die mich das Schicksal kettete; ich sollte sie aber erst kennen lernen. Noch war mir alles zu fremd, als daß ich schon hätte reflektieren können; der erste Eindruck war indes kein freundlicher. Rls Schlafstelle wurde mir der schon erwähnte finstere Verschlag angewiesen, in den ich mein Bett stellte. Es kam mir alles kalt und öde vor, ganz anders, als ich es mir gedacht hatte. Rber in dem verschlage fand ich eine Reihe von etwa zwei Dutzend Büchern verschiedenen Inhalts, und so erblickte ich doch einen Trost. Sobald es tunlich und schicklich war, begann ich zu lesen. Doch konnte ich nur den Rnfang machen,- denn es kam zuerst darauf an, mich in der nächsten Nachbarschaft in der Stadt zu orientieren, damit ich die nötigen Gänge besorgen könnte. Dies war bald geschehen,- dann schrieb ich an meine Eltern, und am nächsten Tage sah ich teils der Rrdeit meines Oheims zu, teils benutzte ich die Zeit, mich vorläufig mit dem Inhalt der Vorgefundenen Bücher bekannt zu machen. Gesellen hatte mein Oheim nicht,- er arbeitete allein; es war also nur eine kleine Werkstatt. Gleich in den ersten Tagen verdarb ich es mit meiner Tante und ihrer Mutter dadurch, daß ich von dem „Handwerke der Goldarbeiterei" sprach. Da kam ich schön an! Sie fuhren auf, als hätte sie eine Wespe gestochen. Ts sei kein Handwerk, hieß es, sondern eine „Kunst" oder ein „Rmt". Die Goldarbeiter seien Künstler; es gäbe darin keine Meister, sondern Herren; denn wenn ein Geselle sich seßhaft mache, werde er Herr, und wenn die Herren zu einer Beratung zusammenberufen würden, hieße es: das Rmt komme zusammen. Wie ich ferner den Rusdruck „Goldorbeiterei" gebrauchen könne? Das sei herabwürdigend; es gäbe wohl eine Schinderei, aber keine Goldarbeiterei; meine Reußerungen seien ganz unbesonnen. Mein Oheim trat dem meist stillschweigend bei; auch ich schwieg, und mußte mir das meinige denken.
Rm vierten Tage nach meiner Rnkunft fragte mich mein Oheim mit sehr finsterem Gesichte: ob ich denn nicht anfangen wollte zu arbeiten? Zum Lesen sei ich doch nicht hergekommen? — Ich war dazu sofort erbötig, und wurde mir meine Stelle am Werkbrette eingerichtet. Ich fing wie gewöhnlich mit den rein mechanischen Manipulationen des Schleifens und Polierens an, allein meine Rrbeit wurde mit jedem Tage


