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Leben geschieden sind, dermaleinst in einer schöneren und besse­ren Welt wiederzufinden. Der Herr kennt die Zeinen, und ihm leben alle, die unter der Erde in ihren Kammern ruhen.

_ h. B.

StöMflnöer aus dem Lande.

von Pfarrer Otto Schulte in Großen-Linden.

In unseren Ortschaften erklingen Laute, die wir bisher noch nicht in ihnen gehört haben. Kinder aus den Industrie­gebieten aus Bochum, Barmen, Herne und wie die Orte alle heißen, sind unsere Gäste geworden. Fast überall in Ober- hessen sind sie zu finden, zuweilen zu 70, 60, oft zu 20 und weniger. Und zu den Westfalen und Bheinländern haben sich Darmstädter, Mainzer, Offenbacher Kinder gesellt, oft in einem Orte, wie in Großen-Linden, Kinder aus Barmen, Hagen und Mainz nebeneinander. Nach Tausenden muß ihre Zahl betragen. Die Barmherzigkeit und Vaterlandsliebe des oberhessischen Landmanns hat sich in glänzendstem Lichte gezeigt.

Ich vergesse nicht, wie die erste Schar der Stadtkinder aus Barmen auf unserm Bahnhof ankam. Junge Damen hatten sie gebracht. Ts waren zum größten Teile Mädchen. Da standen sie auf dem Bahnsteige in ihren besten Kleidchen, sie hatten Schachteln und Schächtelchen mit Wäsche bei sich. Obgleich fast kein Kind das andere aus der großen Stadt kannte, hatten sie sich doch fast ängstlich zusammengedrängt und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Um Zaun des Bahnhofs stand dichtgedrängt die Großen-Lindener Jugend, die Bnkömmlinge in die Ouartiere zu geleiten und ihnen das Gepäck tragen zu helfen, viele der Kinder sahen nicht unter­ernährt aus,' aber bei manchen konnte man sich doch kaum des Mitleids enthalten. Diese dünnen Bermchen und hervor­stehenden Backenknochen! Fast alle hatten eine mehr ober minder bleiche Gesichtsfarbe. Fast alle wohnten in Barmen mit den Eltern und Geschwistern in einer Zweizimmerwoh­nung. Kur ein einziges hatte Eltern, die ein kleines Gärt­chen besaßen. Die jungen Mädchen, die sie begleiteten, er­zählten von dem schweren Winter, den sie erlebt, wie man fünf Wochen lang keine Kartoffeln bekommen, wie man Steckrüben am Mittag und Übend gegessen, wie manches von den Kindern des Morgens an manchen Tagen ohne Brot, nur mit einer Tasse schwarzen Kaffee zur Schule marschiert sei und wie heldenhaft oft die Mütter ihr Brot noch mit den Kindern geteilt hätten. Basch wurden die Kinder nach einer vorher aufgestellten Liste in die einzelnen Däuser verteilt, und dann ging es in den Ort.

Uuf dem Wege zeigten sich die ersten Schwierigkeiten. Die Barmer Kinder verstanden unsere nicht, und unsere nicht sofort diese, obgleich sie hochdeutsch sprachen. Es ist eben nicht nur die Mundart, die trennt, sondern auch die Brt und Weise, wie man das hochdeutsche spricht. Man muß sich an das Singende der niederrheinischen Mundart gewöhnen, an die Modulation, die der Barmer einzelnen Worten gibt,- z. B. würde der Gberhesse das Wörtchen ,,sicher" als Bejahung in seinen beiden Silben in derselben Tonhöhe aussprechen, das Barmer Kind spricht die erste Silbe hoch und die letzte tief. Über der erste Eindruck wurde bald durch das Neue, das die Kinder sahen, zurückgebrängt. Großes Interesse erregten die Ställe mit Vieh und die Scheuern. Ein kleines Mädchen war zwei Tage lang aus dem Stall kaum herauszubringen, so hatte es ein Kälbchen und ein Ziegenlämmchen in sein Herz geschlossen. Ein anberes wollte immer und immer wieder in die Scheuer, um auf Leiter und Heuboden herumzuspringen.

Ein Junge hatte seine besondere Freude an dem Pferde und verfolgte alles, was es machte, und mit ihm gemacht wurde, mit der größten Aufmerksamkeit. Über noch mehr waren sie mit ihren Herzen beim Esien. Es gab Milch zu trinken, sie be­kamen Eier zu essen oder gar den goldgelben Eierkuchen, der oberhessische Spezialität ist, und sehr bald auch von den frem­den Kindern nach Verdienst gewürdigt wurde. Ein Mädchen weinte nach dem Essen. Bls es nach dem Grunde gefragt wurde, sagte es, es müsse weinen, weil es so gut zu essen hätte und seine Mutter und seine Geschwister daheim gingen nur halbsatt zu Bett. Bls man schlafen ging, hatten die Stadt­kinder eine Ueberraschung. Die meisten kamen auf Stroh­säcken zu liegen, und sie waren gewöhnt, auf Federn oder Keilen mit Haarfüllung zu schlafen. Denn noch sind bei uns in den meisten Häusern Strohsäcke oder -Matratzen das Ge­wöhnliche. Die Kinder haben sich aber bald darein gefunden, und nur einigemale mußte eine verständige Frau ein Kind darauf aufmerksam machen, daß ein Strohsack, dessen Inhalt von Zeit zu Zeit erneuert wird, doch etwas viel Beinlicheres ist, als ein Federbett, das viele Jahre lang nicht umgefüllt wird.

Bm folgenden Tage wurde das Neue aber nach und nach alt, und da kam das erste Heimweh.Ich will nach Haus, ich will nach Haus," so jammerte das erste Kind vor dem Pfar­rer, der die Kinder an der Bahn geholt und in die einzelnen, Häuser verteilt hatte. Und dann kamen all die Beschwerden und Gedanken der kleinen Menschen, wie sie die Leute nicht verstünden, wie sie so hart lägen und wie ihre Mütter gesagt hätten, wenn sie Heimweh kriegten, dann dürften sie gleich nach Hause. Es galt zu trösten, zu beschwichtigen. Über nach kurzer Zeit kamen wieder einige und klagten,' denn Heimweh ist eine ansteckende Krankheit. Die Stadtkinder hatten sich von selbst aneinander angeschlossen und gaben nun ihren Schmerz wei­ter. Zuweilen kamen vier, fünf Kinder in meinen Garten und klagten. Bei den meisten legte sich das Heimweh bald, besonders, wenn die Mutter aus Barmen geschrieben, der jedes Kind gleich am Bbend die Ankunft mitgeteilt hatte. Über einige Kinder mußten wir doch wieder Heimreisen laffen Sie weinten den Tag über und oft ein gut Stück in die Nacht hinein. Ist ein Kind einmal acht Tage hier, dann hat man mit dem Heimweh keine Last mehr.

Natürlich müssen die ftemden Kinder auch die hiesigen Schulen besuchen, viele Mädchen machten vor dem Lehrer, wenn sie in die Klasse eintraten, ihren Knix und gaben ihm die Hand. Offenbar waren sie es so gewähnt worden. Es war ihnen seltsam, daß in derselben Klasse Knaben und Mäd­chen beieinander saßen. Bei manchen zeigte sich der gute Un­terricht, den sie in der Stadt gehabt hatten. Sie antworteten in ganzen Sätzen, sie sprachen laut und deutlich und warfen mitunter, nachdem sie den Finger gehoben und gefragt waren, dieses und das ein, das ihrer Meinung nach mit dem Gegen­stand in Beziehung stand, ein. Einige hatten Banzen und Bücher mitgebracht, aber leider paßten die Bücher nicht. Ein großes Aufsehen erregte unter ihnen die Tatsache, daß hier als drittes Gebot gelehrt wird:Du sollst den Feiertag heiligen." Sie selbst nannten unser zweites Gebot das dritte. Die Kinder stammen aus reformierten Gemeinden, die be­kanntlich die Gebote anders zählen. Beim Spielen auf dem Schulhofe zeigte sich, daß die Barmer Kinder sich immer zu­sammenfanden. Ein rechter Spielverkehr mit den hiesigen Kindern bahnt sich erst allmählich an.

Ein großes Zutrauen bringen die fremden Kindern dem Pfarrer entgegen. Cr ist derHerr Pastor". Sie zeigen ihm