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Gemeinöeblatt smüie evangelische kirchengemeinöe Gieszew

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MH

Nr. 25.

Bietzen, Sonntag 3. nach Trinitatis, den 24. Juni 1917.

6. Jahrgang

Die vermißten.

2. Brief des flpojtels Paulus an Timotheus 2, 19. Der Herr kennt die

Seinen.

Ich blättere in den neuesten Ausgaben der deutschen Ver­lustliste. Vis der Krieg einmal sein Ende erreicht haben wird, wird diese Liste zu einem sehr umfangreichen Bande angewach­sen sein. Sie wird für alle Zeit eins der Bücher deutscher Ge­schichte sein, das die Seele auf das tiefste ergreifen wird. Bur Namen und Zahlen enthält sie, aber wieviel flutendes Leben ist in diesen Namen und Zahlen enthalten, wieviel Herzeleid offenbaren sie, wie reden sie von dem Untergang des Glückes so vieler deutschen Familien, wie künden sie uns deutsche Treue, Treue bis an den Tod! Besonders ergreifend sind die Bildertafeln, die den Verlustlisten beigegeben sind. Uuf ihnen werden Gerätschaften, Uhren, Uhrketten und Photographien abgebildet, die man bei solchen deutschen Soldaten gefunden hat, die man unerkannt in fremdem Lande zur Erde bestattet hat. Diese Abbildungen sollen dazu dienen, die Namen der unerkannt Bestatteten zu ermitteln. Eingehend werden die abgebildeten Uhren und Netten beschrieben. Frauenbilder, die man in Medaillons gefunden hat, Kinderbilder, die die Gefallenen auf Postkarten bei sich getragen haben, werden wiedergegeben. Ich finde hier das Bild eines kleinen Knaben. Das Kind trägt ein weißes Mützchen. vermutlich hat der Vater des Kleinen das Bild bei sich getragen. Auf einer an­deren Photographie steht ein etwa fünfjähriges Mädchen mit­ten in einem Garten, darunter steht geschrieben: ,,Onkel, kennst du mich?" Wieder auf einem anderen Bilde sehe ich ein ungefähr sechsjähriges Mädchen. Das Kind trägt einen Spitzenkragen, hat eine weiße Schleife im haar und trägt einen Blumenstrauß in der Hand. Die Unterschrift, wohl von einer Frauenhand herrührend, lautet:Deine dich inniglich liebende Inge." hierzu wird bemerkt, daß der betreffende Krieger im März 1917 in Jaroslau umgebettet worden ist.

Zweierlei künden uns diese Bilder und diese schriftlichen Zusätze. Einmal das reiche Familienglück, das, Gott sei Dank, bis auf diesen Tag im deutschen Volke zu finden ist. wie innig sind die Beziehungen, die zwischen den in das Feld gezogenen Vätern und ihren kleinen Kindern obwalten! wie ist es un­

seren deutschen Männern bei allem Pflichtgefühl und allem Opfermute doch so schwer geworden, von den lieben Kleinen zu scheiden, sie unversorgt zurückzulassen! wie sehnsuchtsvoll mögen ihre Gedanken beim Vormarsche, in der Grabenstel­lung, beim furchtbaren Feuerüberfalle immer wieder nach Hause zu den Kindern gegangen sein! Und wie innig haben die Kleinen für den abwesenden Vater gebetet, daß Gott ihn wieder gesund nach Hause möge gelangen lassen! Uber die Bildertafeln der Verlustliste berichten uns auch von großem Jammer. Vieser Krieg hat die Zahl der vermißten zu einer früher nie erhörten höhe anschwellen lassen. Die Niesen­schlachten, die ungeheuer ausgedehnten Schlachtfelder, die furchtbaren Zerstörungen, die die modernen Waffen Hervor­rufen, die große Zahl der in das Feld gezogenen Streiter haben es bewirkt, daß so viele spurlos verschwunden sind. Einst sind sie Tag für Tag mit den Ihrigen zusammen ge­wesen. Mußten sie einmal abwesend sein, so kam jeden Tag ein Brief, eine Karte, ein inniger Gruß. Und nun sind sie verschwunden, als ob sie vom Erdboden weggeweht wären. Ihre Spur ist mit einem Male vergangen. Die zu Hause lassen sich keine Mühe verdrießen, um nach ihnen zu forschen. Nengstlich fragen sie bald hier bald dort bei den Behörden, bei den Kameraden, sogar bei den Kommandanten der feind­lichen Gefangenenlager. Uber die Spur ist nicht mehr auf­zufinden. wo sind sie hingekommen ? wo haben sie den letzten Seufzer ausgehaucht? wo ruhen sie in der Erde? wer stand neben ihnen, als das irdische Leben entfloh? wann war ihre Sterbestunde ? Das sind die quälenden Fragen, die das bange Herz bei Tag und Nacht bewegen, Fragen, die selten Lösung finden, Fragen, die so lange auftauchen werden, bis Sorge, Oual und Ungewißheit gleich dem Treibriemen in einer Ma­schine sich müde gelaufen haben.

wir wissen nicht, wohin unsere vermißten gelangt sind. Uber einer ist, der das weiß. Vas ist der, von dem die Schrift sagt: Der Herr kennt die Seinen. Gottes Buge ruht auf allen seinen Menschenkindern, er verfolgt ihr Ergehen, er leitet sie an seiner Hand, er führt sie aus und ein. In dieser harten Zeit sollten wir alle darnach trachten, daß wir die Seinen seien, daß wir lebend und sterbend ihm angehören. Dann dürfen wir auch hoffen, die, die unerkannt von den Menschen aber im Glauben an den Herrn auf ferner Flur aus dem

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