— 96 —
und der anderen Türen ein geschickter Meister aus Emmenhausen bei Cassel Schlüssel verfertigt. Hans Nommel war dafür, daß die Flucht bei Nacht geschehen müsse, aber Philipp, verwarf diesen plan wegen der scharfen Nachtwachen der Spanier, der verschlossenen Stadttore, der engen Stiegen und der hunbe, die zuviel Lärm machen würden. Die Sache ruhte nun eine Meile, bis Hans Nommel einen in Mecheln geworbenen Kurt Dreidenstein, der als Nntwerpener Kaufmann mit allen Degen bekannt war, dem Landgrafen Dilhelm, dem Sohne Philipps, zuführte. Mit Dreidenstein hatte Philipp die Flucht verabredet, den Mondschein für Nnfang Dezember berechnet und für sich ein besonderes Pferd aus Cassel bestellt. Die Gemahlin Philipps mahnte ab, aber der Landgraf, drängte. So zogen dann Hans Nommel und Kurt Vreiden- jtein Ende Dezember ab. Das Gerücht ihres Unternehmens hatte sich aber in Cassel verbreitet und war sogar nach den Niederlanden gedrungen. Dort hieß es, Landgraf Wilhelm komme, um seinen Vater zu befreien, mit 30 000 Hessen. Man hatte die Pferde, die man zur Flucht des Landgrafen benützen wollte, teils in zu großen Haufen nach Cöln geführt, teils zu früh bestellt, sie standen fast 12 Tage an bestimmten Grten umsonst. In Mecheln traf man alle Vorsichtsmaßregeln, um das geplante Unternehmen zu verhindern. Die Schleusen der Stadt wurden ausgezogen, eine Schleuse führte zwischen dem Stadttor und dem Garten, von dem aus die Flucht erfolgen sollte, vorüber. Außerdem hatte ein starker wind den Zaun neben der Pforte des Gartens und die Planken um- geworfen,' die Folge war, daß viele Arbeiter herbeigeführt wurden und ein Entweichen unmöglich war. Um 22. Dezember, also mitten im Winter, sollte der Anschlag ausgeführt werden. Ein seltsamer Vorgang verriet alles. Landgraf Philipp hatte nach der fürstlichen Gewohnheit seiner Zeit einen Hofnarren, diesen hatte er sogar mit in das Gefängnis genommen. Im allgemeinen waren diese Hofnarren sehr schlaue und geriebene Burschen. Das scheint auf diesen Hofnarren nicht zugetroffen zu haben,- denn er bot in der Herberge ,,Zum Noß", wo Nommel abgestiegen war, dem Hausknechte seine Kleider zum verkaufe an und rief laut, er wolle auch mitreiten. Der Hausknecht, dem die im Stalle stehenden, gesattelten Pferde auffielen, entdeckte den Nnschlag. Als der Zeugmeister Nommel zur rechten Zeit am angegebenen Grte bereit stand, erschien plötzlich ein spanischer Hauptmann mit der wache. Der Hauptmann rief: schut, schut, schut, aber seine Leute vergaßen, in dem entstandenen Tumult zu schießen, und Nommel, von vier Spaniern verfolgt, entkam mit Kurt Dreidenjtein. Zwei ihrer Begleiter wurden erschossen. Philipp, dem nunmehr die deutschen Diener genommen wurden, wurde durch diesen Vorfall so tiefsinnig, daß man für seinen verstand fürchtete. Gewöhnlich kamen Sonntags vor sein Fenster arme Leute, denen er Almosen
austeilte. Als sie am nächsten Sonntag kamen, rief er ihnen zu, sie möchten Weggehen, er habe nichts mehr. Nun ließ ihn der Kaiser in eine zehn Schuhe lange Kammer verbringen, deren Fenster zugenagelt waren. Crst am 4. September 1552 ließ sich der Kaiser auf die nachdrückliche Fürsprache der deutschen Fürsten bewegen, ihn freizulassen. Am 10. September kam er in Marburg an, am 12. September in Cassel. Cs war gerade ein Sonntag,- als das Volk von der Freilassung seines Landesfürsten hörte, strömte es in die Martins- Kirche, wo Philipp am Grabmal seiner während seiner Gefangenschaft verstorbenen Gemahlin niederkniete. Obwohl er erst 48 Jahre alt war, war er doch alt und grau geworden. Durch das Leiden gereift, regierte er noch 15 Jahre lang über sein Volk und entschlief am Ostermontag, dem 31. März 1567, mit den Worten: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!
ttirchliche Anzeigen.
Sonntag, den 17. Juni, 2. nachTrinitatis.
Gottesdienst.
In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde. pfarrassistent Liz. Neuning. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Mahr, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer Mahr. Mittwoch, den 20. Juni, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Mahr.
In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannes- gemeinde. Pfarrer Ausfeld. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Dechtolsheimer. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Dechtolsheimer.
* *
*
Wartburg, evangel. Jünglinge und Männer-Verein,
Diezstr. 15. Sonntag, den 17. Juni, abends 8 Uhr: Vortrag. Mittwoch, den 20. Juni, abends 87 4 Uhr: Leseabend. Gäste stets willkommen.
* *
*
Vibettränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Jeden Mittwoch von 6—7 Uhr für die jüngere Abteilung. Jeden Samstag von 6—7 Uhr für die ältere Nbteilung im Johannessaal.
Vibellränzchen für Mädchen aus der Johannesgemeinde.
Jeden Dienstag von 6—7 Uhr im Johannessaal.
£ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j
Carl Loos
Kirchenplatz 13 Telephon 79
Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleide
Heinrich Noll
7 Mftusburg Nr. 7 Telephon Nr. 292
Spezial-Geschäft für Bureaubedarf * Schreibmaschinen Papierhandlung, Buchbinderei, Gesangbücher. Moderne r Kunstarbeiten. Photographische Apparate und Zubehöre
§. Stöver, Gießen
Seltersweg 16
Uhren, Gold- u. Silberwaren Destecke
Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig
verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheim er. für den Anzeigenteil 6- Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-
Buch- und Zteindruckerei R. Lange sämtlich zu Gießen.


