Nr. 24. Gießen, Sonntag 2. nach Trinitatis, den 17. Juni 1917. 6. Jahrgang
Luther vor dem Reichstag zu Worms.
Apostelgeschichte 5, 38 und 40. Ist der Rat oder das Werk aus den
Menschen, so wird es unlergehen, ist es aber aus Gott, so könnt
ihr es nicht dämpfen.
Km 2. April 1521 brach Luther VON Wittenberg auf, um nach Worms zu ziehen, wenige Freunde begleiteten ihn. Zeine Fahrt durch Thüringen glich einem Triumphzug. Erfurt überbot sich selbst. Der Humanist Toban Hesse pries ihn bei seinem glänzenden Eintritt in einem überströmenden Gedicht. Km 7. hielt er eine ergreifende predigt über das Jesuswort: „Friede sei mit euch". Dann fuhr er am 8. über Gotha nach Eisenach, von vielen Schmerzen geplagt, nach Frankfurt a. M., wo er am 14. eintraf. Im Gasthof zum Ztraußen am Kornmarkt übernachtete er und abends hat er, frohen Gemüts, „hell die Laute geschlagen." Km 15. Kpril stieß Martin Butzer, der spätere Straßburger Keformator, in Oppenheim zu ihm, gesandt von den Getreuen Hutten und Zickingen, ihm Schutz auf der Ebernburg anzubieten. Luther lehnte ab. Dem schlauen päpstlichen Nuntius Glapio, der die Freunde bange gemacht hatte, erwies er den Gefallen nicht, von Worms wegzubleiben. Und dem getreuen Spalatin, der ihm das Schicksal von hus in einem Briefe aus Worms vor Kugen Hielt, schrieb er gleichzeitig das berühmte Wort: ,,Er wolle gen Worms, wenn gleich so viel Teufel drinnen wären, als Ziegeln auf den Dächern,' ob auch hus zu Feuer verbrannt worden, so sei doch die Wahrheit nicht mit verbrannt."
Nach kurzer Bast unter der vielgerühmten Ulme zu pfiffligheim hielt Luther am 16. Kpril um die Mittagessenszeit — sie war damals 10 Uhr vormittags — seinen Einzug in Worms — wie ein Fürst, hundert Berittene, darunter zahlreiche Edelleute, gaben das Ehrengeleit, 2000 Menschen folgten ihm zur Herberge im Johanniterhaus. „Gott wird mit mir sein," rief ihnen Luther zu, und sein schwarzes Kuge leuchtete schier überirdisch. Entsetzt schrieb Kleander dem Papst über die Deutschen: „Jetzt weiß ich nicht, wer für uns jsj- — außer dem Kaiser — , sonst ist alle Welt wider uns. Und diese tollen Hunde sind gewappnet mit Wissenschaft und mit Waffen und brüsten sich damit, daß sie nicht mehr Bestien ohne verstand seien wie ihr- Vorfahren: Italien sei
nicht mehr das Land der Wissenschaft, der Tiber sei in den Uhein geflossen. Das macht sie noch übermütiger und unverschämter, als sonst ihre Krt war, so daß sie nun tun, was vor Kugen ist."
Km Mittwoch, den 17. Kpril, erschien Luther 4 Uhr nachmittags vor einer der glänzendsten Ueichstagsversamm- lungen, die je stattgefunden. In diesem Kreise ungewohntester Pracht ward Luther doch verlegen, vollends, als der Offizial des Trierer Bischofs, der merkwürdiger weise auch Johann Eck hieß, ganz gegen die Kbmachung ihn fragte, ob er die aufgestapelten Bücher verfaßt und ob er sie widerrufen oder darauf beruhen wolle, hieß das, „seiner Lehre und Bücher halben Erkundigung empfahen", wozu er schriftlich geladen war? Luther erbat sich vom Kaiser Bedenkzeit, „damit ich ohne Verletzung des göttlichen Wortes und ohne Gefahr für meine Zeele antworten kann." Und sie ward ihm bis andern Tags nachmittags 4 Uhr. Kber er mußte bis 6 Uhr abends warten, schon zündete man im großen 5aal des Bischofshofes die Fackeln an. Diesmal war von Luther alle Zchüchternheit und Befangenheit gewichen. Erst lateinisch, dann deutsch widerstand er dem Ueichssprecher Johann Eck unter immer gewaltigerer Zpannung der Fürstenversammlung und des hin- zuströmenden Volkes, bis er schließlich auf dessen Frage nach widerruf laut antwortete: „weil denn Ew. Kaiserliche Majestät eine schlichte Kntwort begehren, so will ich eine schlichte Kntwort ohne Hörner und Zähne geben diesermaßen: Es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Zchrift oder durch Helle Gründe überwunden werde — denn ich glaube weder hem Papste, noch den Konzilien allein, dieweil am Tag liegt, daß sie öfters geirrt haben und sich selbst widersprochen — so bin ich überwunden durch die von mir angeführten heiligen Zchriften und mein Gewissen gefangen in Gottes Wort,' widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, dieweil wider das Gewissen ni handeln unsicher und gefährlich ist." Der Kaiser traute seinen Ghren nicht, er ließ Luther nochmals fragen, ob er glaube, daß ein Konzil irren könne. Und als Luther jetzt noch „verharrte als ein harter Fels", da erhob sich der 2Ojährige Kaiser, zornig aufgebracht über die unerhörte Bede des Ketzers; die ungeheure Spannung löste sich in noch größere Aufregung auf, ein Unbeschreibliches Getümmel entstand, ulles verließ den Baum. Luther aber jubelte, in seine Herberge


