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Feuer melden. 3n Großen-Linden läuten drei Glocken, wenn Feuer in einer benachbarten Ortschaft ausgebrochen ist, aber alle vier, wenn es Hierselbst wütet. wer einmal in der Nacht von diesem Feuerläuten, bei dem so rasche als möglich die Glocken gezogen werden, aufgewacht ist, der vergißt den schrecken so bald nicht. Im Nu ist man aus dem Bett, hat sich angezogen und springt heraus. Ueberall auf den Straßen trifft man unruhige, halb angekleidete Leute und hört ftagen: wo brennt es?

Jede einzelne Glocke hat daneben noch ihren besonderen Dienst. Mit unserer größten Glocke wird allwerktäglich mit Ausnahme von Samstag und Sonntagzu Nacht geläutet", also ein Gebetszeichen gegeben. Man trifft nur noch sehr wenig Leute, die dem Nus folgen und für sich ein Vater­unser oderNch bleib bei uns Herr Jesu Thrist usw." oder Liebster Gott, was will's bedeuten, daß man hört die Glocken läuten usw." beten. Meistens sind es Frauen. Daß Männer auf der Straße still standen, den Hut zogen und beteten, habe ich hier noch nicht gesehen, wohl aber im vogelsberge. Man versucht heute, dieses Beten bei den Glockenzeichen wieder zu Ehren zu bringen, eine meines Erachtens vergebliche Mühe, schon deshalb, weil manche unserer Grte so groß geworden sind, daß die Glocke bei gewissen Windströmungen gar nicht mehr in allen vierteln gehört wird, aber vor allem des­halb, weil in den Deutschen eine gewisse Unlust gekommen ist, seinen Glauben öffentlich einzeln zu bekennen. Daneben gibt die große Glocke Sonntags morgens um 7 Uhr und nach dem Gottesdienst um 11 Uhr die ersten Zeichen zu den Gottes­diensten. weiter klagt sie um die Toten. Sfe begleitet mit der zweitgrößten Glocke zusammen den vom Hause auf­brechenden Leichenzug bis zum Friedhofe. Endlich läutet sie vormittags um 10 Uhr. Es gilt als ein Gebetszeichen, das aber nur noch von ganz wenigen als solches verstanden wird. Ich habe es nur ein einziges Mal hier erlebt, daß bei ihm ein Vaterunser gebetet wurde. Man führt es oft auf eine landgräfliche Verordnung von 1663 zurück, die so lautet: Beim ordentlichen Geläut zum Gebet um 10 Uhr und 5 Uhr (in Großen-Linden ist dieses letztere Glockenzeichen verschwun­den, aber in vielen anderen oberhessischen Gemeinden noch erhalten) kann nächst anderm gewöhnlichen Gebet jedesmal auch ein kurzer Seufzer zu Gott um Abwendung der drohen­den Türkengefahr abgeschickt werden." Uber mit Necht führt Boßler in denhessischen Blättern für Volkskunde" Bd. X, 5. 127, wie auch aus dem Wortlaut der Verfügung an sich jchon ersichtlich ist, es in eine ftühere Zeit zurück, und er er­wähnt eine in Klein-Linden herrschende Meinung, daß das 10-Uhr-Läuten dem Friedensschlüsse nach dem 30jährigen Kriege seine Entstehung verdanke. Der Glaube von heute deutet das 10-Uhr-Läuten als das Zeichen, in der Arbeit eine Frühstückspause eintreten zu lassen. Er deutet um, was er nicht mehr versteht und woran er nicht mehr erinnert wird.

Die zweitgrößte Großen-Lindener Glocke wird um 4 Uhr morgens gezogen, und nicht vom Glöckner, sondern vom Nachtwächter. Schon das zeigt an, daß dieses Läuten ein rein weltliches ist. Das 4-Uhr-Läuten ist das Zeichen, daß der Nachtwächter seinen Dienst beendet hat und nach Hause geht. Um 4 Uhr begann die Tageswacht, für die es früher einen eigenen Wächter gab (vgl. die Ordnung der Stabt Großen- Linden von 1641). Um diese Zeit standen früher in der Win­terszeit die Leute auf, um die Frucht zu dreschen, eine harte, mühselige Arbeit, die bei einem großen Gute viele Wochen in Anspruch nahm. Im Sommer fällt 4 Uhr mehr oder we­niger mit Tagesanbruch zusammen.

Ich möchte fast vermuten, daß dieses 4-Uhr-Läuten wohl alte, aber nicht uralte Sitte ist. Ts fehlt hier in Großen- Linden das Gebetszeichen bei Tagesanbruch. Zollte das 4-Uhr-Läuten dafür eingetreten sein oder es verdrängt haben?

Ueber die Bedeutung des vormittags-11-Uhr-Läutens,. das gleichfalls mit dieser Glocke geschieht, bin ich nicht sicher. Man hat es schon einmal ausgelegt als ein Gebetszeichen, das auf eine kaiserliche oder landgräfliche Verordnung zurück­ginge. Uber welche, habe ich nicht erfahren. Jedenfalls fällt 11 Uhr in die Zeit, da früher allgemein und auch> heute noch viel auf dem Lande zu Mittag gegessen wurde. Als Mittag­läuten würde dieses Zeichen sich sinnvoll mit dem Morgen- und Abendläuten zusammensügen.

Tinen ganz absonderlichen Zweck legt man dem Läuten mit dieser Glocke, das im Winter abends 9 Uhr geschieht, bei. Ts soll der Ueberlieferung nach in eine Zeit zurück­führen, in der man noch keine Eisenbahnen kannte und in der die Landstraßen noch nicht das waren, was sie heute sind. Damals war die Gefahr, daß sich Wanderer verirrten, weit größer als heute, und zumal, wenn Dunkelheit herrschte, Schnee lag undWooswetter" dabei stürmte. Da sollten die Glocken den in Feld oder Wald Umherirrenden ein Zeichen sein, wo Wohnungen der Menschen zu finden seien. Ich weiß nicht, ob diese Deutung richtig ist. Das steht allerdings fest, daß früher dieses Irregehen für den Menschen eine große Gefahr bedeutete, und ich habe schon mehr als einmal davon sagen hören, wie der Glockenklang um 9 Uhr diesen oder jenen auf den rechten weg gebracht, vielleicht aber reicht dieses 9-Uhr-Läuten in Wirklichkeit noch über jene Verord­nung hinaus, die der Landgraf Georg von Hessen erlassen hat und die wir in derOrdnung der Stadt Großen-Linden" von 1641 also finden:Es soll sich keiner nacher 9 Uhr uff der gassen ohne erhebliche Ursachen betretten lassen bei) straft der höchsten Buß." Gb es 9 Uhr war, das konnte ftüher der einzelne Bürger, der noch keine Taschenuhr oder dergleichen hatte, nur erfahren, wenn eine Glocke dafür ein Zeichen gab.

wir kommen mit dieser letzteren Bemerkung in eine Zeit hinein, in der ganz anders, als wir Kinder von heute denken, die Glocken als Zeichen der Zeitangabe für den ge­wöhnlichen Mann verstanden wurden. Die Glocken ersetzten die Uhren, die ja, auf dem Lande wenigstens, sich spät ein­gebürgert Haben. Sie regelten das tägliche Leben, und heute noch wird, zumal in entlegenen Dörfern, die Zeit nach diesen Glockenzeichen bestimmt.Ls hat Mittag, es hat zu Nacht geläutet, es hat 10 Uhr geläutet", wie oft hört man das sagen, wenn man nach der Uhr ftagt!

(Schluß folgt.)

Geschichten und Anekdoten aus dem Leben Philipps des Grohmütigen.

(Fortsetzung.)

5.

Die Unsicherheit auf den Straßen ist im 16. Jahrhundert sehr groß gewesen, darum ging Landgraf Philipp gegen die Straßenräuber mit strengen Strafen vor. Tin Hirte aus Nieder-Zwehren, der 1558 einen vom Martinimarkt in Tasse! heimkehrenden Kölner Cisenhändler mit dem Spieße nieder­schlug und ihm einen Goldgulden abnahm, wurde mit dem Schwerte hingerichtet. Gleiche Strafen erlitten in dem nck«- lichen Jahre Näuber, die dem Beraubten das Gelübde des Schweigens gegen jedermann abgenommen hatten,' der Mann aber hatte darauf in einem wirtshause die Geschichte seiner