Ausgabe 
10.6.1917
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Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirchengemeinoe

Gieszew

Nr. 23.

Bietzen, Sonntag 1. nach Trinitatis, den 10. Juni 1917.

6. Jahrgang

ZmElende".

Psalm 119, 92. wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, jo

wäre ich vergangen in meinem Elende.

vom Bahnhof Kommt ein Trupp gefangener Männer und zieht, von feldgrauen, deutschen Soldaten geleitet, durch die Stadt. Man sieht schon von weitem an den langen grau­blauen Mänteln, daß es Franzosen sind. Sie kommen direkt von der Front; denn Mantel und Stiefel sind mit Lehm be­deckt, die Leute sind völlig ohne Gepäck, nur einige haben den Brotbeutel umgehängt. hier und da einer, der am selbst­geschnitzten Wanderstabe seinen weg zieht. Schweigend, wege­müde gehen sie dahin.

Cs ist ein ergreifender Rnblick, diese Kriegsgefangenen durch unsere Straßen ziehen zu sehen. Sie gehen und wissen nicht, wohin, was die nächste Zukunft ihnen bringt, ist ihnen ungewiß. Sie müssen auf jede persönliche Frecheit verzichten, können nicht im geringsten über sich selbst bestimmen. Sie sind Pilger, die in das Glend ziehen. Jetzt verstehen wir das WortGlend" wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung. Glend" heißtaus dem Lande"; in das Glend gehen heißt, in die Fremde, in die Verbannung gehen, und weil die Flüchtigen, die vertriebenen allen Plagen und Unbilden des Schicksales ausgesetzt sind, so hat man im Lause der Zeit unter dem WorteGlend" allen Jammer, alle Trübsal verstanden.

Schweigend läßt die Bevölkerung unserer Städte feind­liche Kriegsgefangene an sich vorüberziehen. Niemand denkt daran, diese Männer durch- Hohnworte zu kränken, nirgendwo sieht man, daß sich drohende Blicke auf sie richten und ge­ballte Fäuste auf sie hindeuten. Jedem unter uns ist es be­wußt, daß auch Züge unserer lieben Landsleute, die das Un­glück hatten, in Kriegsgefangenschaft zu geraten, so dahin­marschieren. Gerade die Tapferen ereilt manchmal dieses Schicksal. Sie halten zähe und standhaft im vordersten Gra­ben aus, da werden sie von dem anstürmenden Feinde über­flügelt, das feindliche Sperrfeuer schneidet ihnen den Rück­zug ab, so geraten sie in die Hand des Gegners. Durch die Straßen der Städte Rouen, Orleans, Lyon, London und Gan- terburp ziehen gefangene deutsche Männer und Jünglinge dahin. Ruch an ihren Kleidern und Schuhen kleben Kalk und Lehm, auch sie sind wandermüde und ohne Gepäck.

Manch einer von ihnen trägt einen verband um die Stirn. Ruch sie wissen nicht, wohin ihr weg sie führt. Gins wissen sie nur, daß sie ihrer Freiheit beraubt, von ihren Lieben ge­trennt und zur Untätigkeit verurteilt sind. Sie wissen, daß nur spärliche Rachrichten aus der Heimat zu ihnen kommen, daß insonderheit über den Fortgang unseres Verteidigungs­kampfes ihnen nur Unvollständiges und Unrichtiges mit­geteilt wird. Sie lernen jetzt kennen, wasGlend" ist.

Wohl denen unter ihnen, die jetzt mit dem psalmisten sprechen: Wo dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Glende. Der RusdruckGottes Gesetz" bedeutet im Riten Testament allemal so viel als Gottes Wort". Die Zahl unserer in Kriegsgefangenschaft ge­ratenen Landsleute, die sich in ihrer schweren Lage an Gottes Wort halten, aus ihm die Kraft nehmen, auszuhalten, ist ge­wiß nicht klein. Man sollte deshalb nicht vergessen, ihnen Bibelausgaben in das Feld zu schicken, vor einigen Wochen schrieb mir ein früherer Konfirmand, der mit l6 Jahren frei­willig in das Feld gezogen ist und in Ost und West mitge­kämpft hat, aus einem Londoner Militärhospitale. Schwer verwundet ist der Jüngling in englische Gefangenschaft ge­raten und teilt sein Los jetzt mit anderen schwerverwundeten Kameraden. Zn seinem Briefe teilt er mir mit:Gin deut­scher Pfarrer besucht uns oft, das ist unser Trost." So erweist sich Gottes Wort in den unerhörten Kämpfen dieser Tage in seiner alten, ewig neuen Kraft. Möchten auch wir in der Hei­mat uns an Gottes Verheißungen und Zusagen anklammern und des Propheten Mahnung beherzigen:G Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!" H.B.

Etwas von den Glocken.

von Pfarrer Otto Schulte zu Großen-Linden.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Das volle Kirchengeläute dient auch weltlichen Zwecken. Man braucht es, wenn beim Tode des Landesherrn oder des Patronatsherrn einer Pfarrei eine Zeitlang täglich zum Zei­chen der Trauer geläutet wird. Rber es stellt sich auch in den Dienst der Freude, und manchmal haben im Rnfange dieses Krieges die Glocken eine gewonnene Schlacht der Gemeinde ver­kündigt. Etwas Schreckhaftes hat ihr Ton für uns, wenn sie