Nr. 22. Metzen, Sonntag Trinitatis, den 3. Juni 1917. 6. Jahrgang
Luthers Glaubensmut in schweren Tagen.
Brief des Kpoftels Paulus an die Römer 5, 5. Hoffnung läßt nicht
zuschanden werden.
In den großen Lntscheidungszeiten des Lebens haben wir das dringende Bedürfnis, den Ereignissen geistig und körperlich möglichst nahegerückt zu sein. Und vollends die führenden Männer in den Schicksalsstunden eines Volkes können wir uns kaum von den weltbewegenden Schauplätzen verbannt denken. Gar zu einer Periode, in der der elektrische Funke noch nicht im Dienste der Menschheit stand, der, Naum und Zeit überwindend, die Geistesblitze der Führer in Sekundenschnelle übermittelt, scheint uns solch Fernsein einfach ausgeschlossen. Martin Luther aber hat.auch diesen Kelch der Entsagung in einer der ernstesten prüsungsstunden des evangelischen Bekenntnisses, dem Reichstage zu Uugsburg im Jahre 1530, leeren müssen. Der Name der Feste Koburg ist für immer mit dieser Erinnerung verknüpft.
Seit dem Wormser Reichstag war Kaiser Karl den deutschen Landen ferngeblieben. Schwere Stürme waren über das Neich und Europa hereingebrochen, vorweg die Türkenkriege mit Sultan Suleiman II. seit dem Jahre 1520. In der unglücklichen Schlacht bei Mohacz am 29. Uugust 1526 war Ungarn bereits dem Unsturm der Türken erlegen, deren Herrschaft es dann U/s Jahrhunderte tragen mußte. Bald stand Wien in gleicher Gefahr. Uber wunderbarerweise gab Suleiman am 16. Oktober 1529 die Belagerung auf und zog sich zurück. Die mit atmete auf. Um 21. Januar 1530 schrieb Kaiser Karl nun von Bologna aus an die Fürsten und Stände für den 8. Upril einen neuen Reichstag nach Uugsburg aus. Um 24. Februar ließ er sich vom Papst Elemens VII. zu Bologna zum Kaiser krönen - es sollte die letzte Kaiserkrönung durch einen Papst sein! —, verletzte dadurch freilich die deutschen Kurfürsten aufs schwerste, da er nicht einen einzigen dazu eingeladen. Sodann ward das kaiserliche hoflager nach Innsbruck verlegt. Die evangelischen Fürsten versprachen sich nichts Gutes vom Kaiser, der mit dem Papst sich inzwischen aufs innigste verbündet hatte. Die Form der Berufung nach Uugsburg schien aber fast die Uussicht auf eine friedliche Schlichtung der schweren religiösen Kämpfe zu eröffnen. Erst am 11. März hatte Kurfürst Johann von Sach
sen, Luthers Landesherr, die Einladung nach Uugsburg erhalten, während er in Torgau weilte. Flugs beauftragte er nun seine Wittenberger Theologen, vorweg Luther und Me- lanchthon, ihm bis zum 20. März schriftliche Unterlagen für den Ueichstag zu schaffen, die sich nicht nur auf den evangelischen Glauben, sondern auch auf die äußeren Bräuche und Zeremonien bezögen. Sie sind bekannt geworden unter dem Namen der „Torgauer Urtikel". hierauf bestimmte der Kurfürst, daß ihn Luther, Justus Jonas und Melanchthon nach Uugsburg zum Ueichstag begleiteten und daß sie sich zunächst in Koburg einfinden sollten. Um 15. Upril — im Jahre 1530 gerade Karfreitag — traf Luther daselbst ein und begann sofort die ganze Gsterzeit über gewaltig zu predigen. Cr erhoffte viel von seiner Wirksamkeit in Uugsburg. Uber die Nürnberger und die Uugsburger lehnten den vom Kurfürsten für ihn erbetenen Geleitbrief im Hinblick auf dessen Ueichsacht und Bann sowie aus Furcht vor dem Kaiser ab. So kam es, daß Luther, wenn auch schweren Herzens, Zurückbleiben mußte, während die Sache der Evangelischen in Uugsburg nun wesentlich in den Händen des viel nachgiebigeren Melanchthon lag. Damit aber Luther dem Schauplatz der Dinge in Uugsburg möglichst nahe blieb - die Boten brauchten bis dahin nur 2 -3, bis Wittenberg 5—6 Tage — wies ihm der Kurfürst die Feste Koburg zum Wohnsitz an, auf die er am Samstag, den 23. Upril, heimlich in aller Morgenfrühe geleitet wurde, um hier volle 5 Monate hindurch eine zweite Wartburgzeit zu verleben, während der Ueichstag in Uugsburg nunmehr offiziell am 1. Mai eröffnet wurde.
Uuch die Tage auf der Koburg brachten Luther, ähnlich wie auf der Wartburg, viel Schweres und Beengendes. Ubermals war der rührige Mann zum Stillesitzen und warten verurteilt, und alsbald setzte wiederum quälende Krankheit ein, namentlich derartige heftige Kopfschmerzen, daß er oft nicht mehr denken konnte. Underseits Hatte er manche Erleichterung gegenüber der Wartburgzeit, ganz abgesehen von der herrlichen Lage und Uussicht auch von dieser Stätte. Bei ihm war ein vertrauter Wittenberger Tischgenosse, der 24- jährige Magister Veit Dietrich von Nürnberg, sowie sein Neffe Tpriak Kaufmann. Uuch konnte er sich wie ein Schloßherr fühlen: „Jenes große Haus <der Fürstenbau), das die ganze Burg überragt, ist gänzlich mein," schrieb er an Me-
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