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Äonntagsgr usz
Gemeinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe
Gieszerr
Nr. 19.
Bietzen, Sonntag Nogate, den 13. Mai 1917.
6. Jahrgang.
Liebet eure geinöc!?
Evangelium des Matthäus 5, 44. Liebet eure Feinde.
Kn Landesfeinde ist gedacht, an solche von der besonderen Krt, wie wir Deutsche und unsre Bundesgenossen sie in diesem furchtbaren Ringen haben. Kn Feinde wie die kulturbringenden Russen, die ritterlichen Franzosen, die kirchlichen Engländer. Kn Feinde, die uns überfielen und die uns in die Nacht der Schande und der staatlichen Ohnmacht stoßen wollten. Kn Feinde, an deren Spitze der Erz- und Todfeind England steht. Sollen wir die wirklich lieben?
Man würde keinen Kugenblick zögern, diese Frage mit einem scharfen Nein zu beantworten, wenn uns nicht von Kindheit an das Gebot der Feindesliebe eingeprägt wäre. Da verschlägt es nichts, daß ja England und sein Knhang durchaus auf unsre Siebe verzichtet, wenn es nur Land und Leute und Geld von uns erhält. Kuch der Zusammenbruch der christlichen Völkergemeinschaft berechtigt noch nicht, die Forderungen des Christentums ebenfalls als erledigt anzusehen. Gerade ein zartes Gewissen gleicht da der Magnetnadel, die zitternd sich nach der polrichtung sehnt.
Die Bergpredigt, in der sich die Forderung, die Feinde zu lieben, findet, ist ihrem nächsten geschichtlichen Knlaß nach eine Dienstanweisung für die Jünger für den Kufbau des Himmelreiches auf Erben. Es sei dahingestellt, ob schon das aramäische Wort, das Jesus gesprochen und das im griechischen Neuen Testament als „Echthros" erscheint, überhaupt „Landesfeind" bedeutet hat, und nicht vielmehr den persönlichen Gegner des einzelnen auf seiner Lebensreise. Kn welche Lanbesfeinde hätte denn Jesus überhaupt denken sollen? Kn die Römer? Kber er hat deren Obrigkeit grundsätzlich anerkannt. Cr hat seine Jünger angehalten, Steuern zu zahlen; ein Beweis, daß er nicht auf der Seite der Römerhasser stand, freilich auch nicht auf der Seite derer, die den Römern freundlich gesinnt waren, denn Steuerzahlen wird bis auf den heutigen Tag nicht als ein zarter Zug unserer Liebe zur Obrigkeit von dieser empfunden. Kls Landesfeinde in der damals fast völlig unter Roms eisernem Zepter geeinten Welt konnten höchstens die Germanen im hohen Norden und die parther im fernen Osten in Frage kommen. Kber um deretwillen brauchte Jesus seinen Jüngern nicht einzuschärfen,
daß sie einen Landesfeind, der die Waffen zum blutigen Kampf ergriffen, lieben sollten, was gingen ihn überhaupt die Reiche dieser Welt an? Ihren Bestand ließ er gelten, ihre Form und ihre Mittel wies er für das Himmelreich ab. Es ist in diesem Falle nicht zulässig zu sagen, daß Jesus ja nicht Gesetze für einzelne Fälle, sondern Grundsätze aufgestellt habe, und daß schließlich in der Fortentwicklung der Liebe zum feindlichen Bruder in der Heimat auch die Liebe zum Feinde des Landes läge, wenn sein Vaterland von Senegalnegern, Gurkhas, Russen und ähnlichen Vorkämpfern für die Freiheit der Menschheit überfallen worden wäre, wer glaubt dann, daß Jesus von seinen Landsleuten gefordert hätte: die sollt ihr lieben? Zum mindesten hätte er die Dinge dieser Welt gehen lassen, wie sie gingen.
wie sollen wir uns zu den Landesfeinden stellen? von anderen abgesehen, ein Wort Jesu gibt einen Wink, vor Pilatus bezeugt er es: „wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darob Kämpfen." Klso für die Reiche der Welt, und auch Deutschland ist ein solches, sieht er den Kampf als berechtigt an, als doppelt berechtigt, wenn ein Land überfallen wird, wie er selbst ja durch einen verräterischen Ueberfall in die Hände der Feinde geriet, wie ist denn aber ein Kämpfen, namentlich in unserer bitterernsten Lage möglich, wenn nicht starke Empfindungen von uns zu Hilfe gerufen werden? Und eine solche starke, heiße Empfindung, die sich für starke, heiße Zeiten gebührt, ist der haß. Man schrecke nicht vor dem Wort zurück. Cs kann ebenso wie das Wort Liebe etwas unsagbar Gemeines und etwas unaussprechlich herrliches bedeuten. Kuch Christus spricht: wer zu mir kommet, und hasset nicht Vater und Mutter usw., Luk. 14, 26. Ls gibt einen feigen, kleinlichen, satanischen haß, den weisen wir ab, auch gegenüber der Gehässigkeit unserer Feinde. Kber es gibt auch einen heiligen haß, der nichts anderes ist als ein fortgesetzter heiliger Zorn. Und heiliger Zorn ist schließlich wieder nichts anderes als die zuckende Spitze der Liebe, die unter allen Umständen das Beste des andern will, sei es auch mit sehr schmerzhaften Mitteln. Cs gibt einen haß, der nur die andere Seite der glühenden Liebe zum eigenen Volkstum, zum Vaterland, zu Heimat und Herd ist, alles doch Güter, uns von Gott dargetan, daß wir daran unsere edelsten Kräfte üben, wir haben das gute Recht und


