Einzelbild herunterladen

71

Der Kaufvertrag hat folgenden Wortlaut:

Ich, Nnna Maria, wegland Zacharias Ripperts, ge­wesenen Burgers und Goldschmidts nachgelassene Wittib, all- hier in Giesen, und ich, Johannetta Maria Tarolina Rip­pertin, deren Tochter,

urkunden und bekennen hiermit vor uns, unsere Erben und Lrbnehmern, daß wir zu mehrerer Beförderung unseres Nutzens an Herrn Johann Wilhelm hast, Fürstlich hessischen Zollbereuther allhier und Johannetta Maria, dessen Lhe- frau, wohlbedächtlich und aufrichtig auch unwiderruflich ver­kaufet haben unsere erkaufte und respec. ererbte zwei) Wiesen in der Stephans-Mark, so aneinander stoßen, als 137 Ruthen 5 Schu zwischen Jacob Ludwig Mosenbach und Georg Hen­rich Vogt gelegen, mit der darzu gehörigten, ausgesteinten Fahrt von dem Selzers Thor her, sodann 51 Ruthen 7 Schu neben Herrn Stadt Hauptmann Busch gelegen, so begde Zehnden frey jedoch Tontributabel sind, zusammen vor und um 460 schreibe vierhundert sechzig Gulden im 24 Gulden- Fuß, den Gulden zu sechzig Kreutzer gerechnet, welcher Kauf­schilling uns auch sogleich baar bezahlet worden, deshalb wir darüber forderfamst mit Verzicht der Nusrede nicht baar emp­fangen oder in unsern Nutzen verwendeten Geldes bester­maßen hiermit quittiern, anbeg denen Käufern den Besitz und völliges Eigentum derer verkauften zweg Wiesen ab­tretten und überlassen, dergestalten und also, daß Sic hinsühro damit, wie mit anderen ihren eigenthümlichen Gütern schal­ten und walten mögen, die darauf kommende Beschwerden aber besonders sogleich übernehmen und entrichten sollen.

Da wir dann übrigens nicht nur Ihnen dieses Kaufs halber behörige Wehrschaft zu leisten versprechen sondern auch allen und jeden sonst zugelassenen Rechts-Wohlthaten, Einwendungen und Nusflüchten als: anderst vorgegangenen und verstandener Dinge, Furcht, Irrthums, Zwangs, drin­gender Noth listiger Ueberredung, und anderen Betrugs, Wiederherstellung vorigen Standes, Verkürzung im wahren Werth, oder wie die sonst Namen haben und erdacht werden mögen, vornehmlich . I. . . Negul, daß gemeiner Verzicht ohne vorherigen besonderen nicht binde, wissentlich und wohl­bedächtlich in bester Form Rechtens entsagen. Nlles getreu­lich sonder Nrgelist und Gefährde.

Dessen allen zu wahrer Urkund haben wir diesen Kauf­brief behörig ausfertigen lassen, eigenhändig unterschrieben und Herren Bürgermeister und Rath allhier in Giesen um dessen richterliche Bestätigung ersuchet. So geschehen

Giesen, den 14. Npril 1785.

I. ITt. Rippertin.

vorstehend von ver- und käuffern nach beschehenen Vorhalt genehmigter Kaufbrief wird hiermit durch Stadtraths Siegelung und Unterschrift bestätigt.

Giesen, den 15. Npril 1785.

Bürgermeister und Rath daselbst Joh. Philipp Magnus Ober-Bürgermeister.

(Siegel, nicht mehr kenntlich.)

* *

Man sieht aus diesem Schriftstücke, daß die Nltvorderen sehr vorsichtige Leute waren,' sie sicherten sich, wenn sie einen Kaufvertrag schlossen, gegen Nusflüchte jeder Nrt, als da sind Furcht, Irrtum, Zwang, listige Ueberredung. Der jeden­falls von einem Juristen entworfene Vertrag ist ein Muster in seiner Nrt.

Die Stephansmark, von der hier die Rede ist, ist das heutige Stadtgebiet, das von der Südanlage und Stephan­straße einerseits, von dem unteren Teile der Frankfurter Straße und dem Schiffenberger Weg andererseits begrenzt wird. Wo die zwei damals von Nnna Maria Rippertin an Herrn Johann Wilhelm hast verkauften wiesen lagen, stehen heute die Häuser Bleichstraße 1316. Interessant ist, aus diesem Schriftstück zu entnehmen, daß damals schon vom Selterstor bis zur heutigen Bleichstraße ein ausgesteinter Fahrweg führte. Bebaut wurde dieses Gebiet erst später.

H.B.

Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.

(Fortsetzung.)

Daneben aber zeichnete ich noch in alter Weise fleißig Städte und Landschaften. Sie blieben schlecht, und Tiere woll­ten mir gar nicht gelingen. Ich hörte, daß der Gerichlsdiener sehr schöne Vögel male und sie an die Bauern verkaufe, welche sie an die Stubentüren klebten. Er war als holländischer Soldat in Ostindien gewesen. Ich besuchte ihn und fand ihn mit Malen beschäftigt,' auch hatte er eine Nnzahl Vögel fertig. Ieder Vogel nahm einen Bogen ein,' Gestalt und Stellung waren bei allen gleich und nur die Färbung unterschied die einzelnen: der eine hatte einen roten Kopf und blaue Flügel, der andere umgekehrt usw. Er wußte mir von den Vögeln nichts weiter zu sagen, als daß esindianische Kuckucks" seien.

Nuch in Märkisch-Friedland wurde die Kirche sehr regel­mäßig besucht. Wir Schüler saßen auf dem Grgelchor, um den Gesang zu leiten, während der Rektor neben uns die Orgel spielte, die in trauriger Verfassung war. Einzelne klaves blieben, wenn sie berührt worden, niedergedrückt liegen, pfiffen unausgesetzt und waren erst mittelst wieder­holten Draufschlagens zu erheben. Ueberhaupt bildete die Klaviatur Berg und Tal, und einzelne Töne gaben gar nicht an. Wir hatten außer bei dem Gottesdienste auch bei jeder Leiche und öfters auch bei Trauungen zu singen, in welchem Falle dann die Schule nachmittags ausgesetzt wurde. Nußer- dem lag uns auch noch ein vierteljährlicher Umgang ob: das sogenannte Ouartalsingen. Der Gebrauch verlangte nämlich, daß der Rektor wenigstens mit einem Dutzend Schülern vor jedes Bürgerhaus zog, dort einige Verse eines geistlichen Liedes mit ihnen sang und dann ins Haus trat, wo ihm eine kleine Gabe gereicht wurde. Dies war dem Rektor natürlich sehr zuwider, überdies schien es ihm eine profanation des Gesanges, denn keiner von uns dachte an den Inhalt des Liedes. Und wie roh benahmen sich die spendenden Hörer! Ein Färber riß jedesmal, wenn wir im Sommer sangen, die Fenster weit auf, stellte sich in Hemdsärmeln, die Nrme in die Seite gestemmt, breitbeinig auf, ließ uns ein ganzes Lied singen und reichte dann dem Rektor sechs Pfennige heraus. Gegen meinen Vater behauptete der Mann, mehr gebühre dem Rektor nicht,' er verlange, daß jeder seine Schuldigkeit tue, und er tue sie auch,' aber mehr wolle er nicht tun. vor der Stadt in nicht geringer Entfernung lag ein einzeln stehendes Haus, welches ein Töpfer bewohnte, weiterhin die Schäferei,' diese zu besingen überließ der Rektor uns Schü­lern allein. Es gingen dann nachmittags unser sechs hinaus. Ich führte es ein, im Töpferhause das Lied zu singen: Meine Hoffnung stehet feste." In diesem kommt eine Stelle vor, wo von Gott gesagt wird:Der uns wie ein freier Töpfer hat gemacht aus Erd' und Ton." Das hörte der Töpfer gern und seitdem erhielten wir von ihm zwei Groschen,