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Nr. 18. Gießen, Sonntag Kantate, den 6. Mai 1917. 6. Jahrgang.

Gott in der Geschichte.

Psalm 33, 13-16. ver Herr schauet vom Himmel und siehet aller Menschen Kinder. Er lenkt ihnen allen das Herz; er merkt auf alle ihre Werke. Einem Könige hilft nicht seine große Macht; ein Riese wird nicht errettet durch seine große Kraft. Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht.

Sn den deutschen Schulen wird ein gründlicher Geschichts­unterricht erteilt, von den Geschicken, die im Lauf der Jahr­tausende über die Völker der Erde gekommen sind, von den großen Weltbegebenheiten haben wir schon in früher Jugend Kunde bekommen. Mit wachsendem Interesse sind wir hier den großen Zusammenhängen gefolgt, von dem Heldenkampf der Griechen an dem Engpaß der Thermopylen haben wir gehört und von hannibal, dem grimmigen Feinde der Römer. Regypter, Perser, Juden und Babylonier sind in unseren Gesichtskreis getreten, am liebsten aber haben wir uns in der Schule aus der deutschen Geschichte erzählen lassen. Hermann, der Cherusker, ist uns vertraut und bekannt, als ob er unser Zeitgenosse wäre. Die Berichte über Karls des Großen Siege und Kulturwerke haben uns entzückt, mit den Hohenstaufen sind wir nach Italien und nach Jerusalem gezogen, Luthers Lebensgang ist deutschen Schulkindern so genau bekannt, daß sie ihn fast Jahr für Jahr verfolgen können, hundert Ge­schichten und Rnekboten erzählt sich das deutsche Volk vom alten Fritz. Der Sturm und Strom der Befreiungskriege hat an unser aller Herzen gerührt, die glorreichen Jahre 1870/71 haben die Riten unter uns erlebt, die Jungen haben davon am warmen Ofen in der Winterszeit und im Sommer an vaterländischen Gedenktagen gehört. Tausendfach wird uns deutsche Geschichte nahe gebracht durch die Bilder, die in den Schulzimmern hängen, früher sogar durch die Umschläge unserer Schulhefte, auf denen deutsche Helden abgebildet waren, durch volkstümliche Darstellungen, durch Vorträge und Sammlungen.

Lin deutscher Geschichtsforscher hat mir einmal Bilder aus Rlt-Wimpfen gezeigt und dabei gesagt: In diesen engen Gassen und alten Gebäuden greift man deutsche Geschichte mit der Hand. Dieses Wort gilt von zahllosen Städten, Bur­gen und Rnsiedlungen im deutschen Lande. Ruch von solchen in unserer näheren Umgebung. Im Gasthaus zumLinhorn" zu Ließen, das nach seinem Umbau leider seinen althistori­

schen Namen verloren hat, wohmte 1813 Blücher. Die Ge­bäude auf dem Schiffenberg sind die vorzüglich erhaltenen Rnlagen eines mittelalterlichen Klosters. 1641, also im Drei­ßigjährigen Kriege wurde die Burg Stauffenberg in die Luft gesprengt, 1646 wurde die Burg Gleiberg ausgebrannt. Die Elisabethenkirche in Marburg erinnert an Elisabeth von Thüringen, jene seltsame Frau mit ihrem seltsamen Fröm­migkeitsideale. Das Marburger Schloß ruft die Erinnerung an Luther, Zwingli und Philipp den Großmütigen wach. Wetzlar bietet in seinen alten Teilen das typische Bild einer alten deutschen Reichsstadt, erinnert an Goethe und das Reichskammergericht. Die Ruine Greifenstein auf einem vor- bergc des rauhen Westerwaldes hat den Truppen des fran­zösischen Königs Ludwig XIV. erfolgreich getrotzt. So ragen Denkmäler deutscher Geschichte rings um uns her auf.

Seither haben wir deutsche Geschichte gelernt, jetzt er­leben wir deutsche Geschichte, was sich in diesen Wochen auf der langen Schlachtfront von Rrras bis Reims zuträgt, ist mehr als Hermann, der Cherusker, mehr auch als Friedrich der Große. Um das Schicksal unseres Volkes für die kom­menden Jahrhunderte wird jetzt gekämpft, wer sich darüber nicht im klaren ist, an dem gleiten die Ereignisse vorüber wie die Dörfer an dem Manne, der auf der Lisenbahnfahrt in tiefen Schlaf gesunken ist. heiß geht es jetzt her. und dem Verlauf der Gegenwartsgeschichte sehen wir mit Herzklopfen zu. In dieser Sorge und Unruhe tröstet uns der Gedanke, daß Gott nicht nur der Herr in der Natur, sondern auch der Herr in der Geschichte ist. Cr schaut vom Himmel und sieht aller Menschen Kinder, er lenkt allen das Herz. Ver russische Riese liegt, jetzt am Boden, dem König Mammon, der in England regiert, hat seither seine große Macht nicht geholfen, auch die Dollars der Rmerikaner, ihre Getreide- und Mu- nitionslieferungen werden unsere Gegner nicht erretten. Unser Volk wird dann den Sieg davontragen, wenn es in Gottes wegen geht. Bleiben Gotiesfurcht, Redlichkeit, Opfermut und Demut unter uns, so wird sich auch diesmal an uns das Wort des psalmisten erfüllen, das man oft auf unser Volk ange­wandt hat: Sie haben mich oft gebränget von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht Übermacht. h. B.