— 66
an. Das ist auch eins der Gebrechen b:s Alters, daß man das hinscheiden der eigenen Kraft nicht wahrnimmt. Nicht das ist das Unheilvollste dabei, daß man den Jüngeren den Platz versperrt, sondern daß die Leistungen allmählich so geringwertig werden, daß der Ulte ein Kinderspott wird. Nuch in dieser Hinsicht Huben alle Nltgewordenen zu beten: Nuch verlaß mich nicht, Gott, wenn ich grau werde! HB.
Ewigkeitswerte.
Und wenn es das Geringste ist, und du tust es mit Liebe, so wird es
ein Großes.
Kürzlich las ich folgenden Nusspruch eines Mannes, der es in wunderbarer Weise verstanden hat, in einem Buche seine Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll ihr Leben ist und sein muß, wenn sie sich darüber klar werden, daß es, und zwar das Leben eines jeden einzelnen unter ihnen, ein Teil eines großen Ganzen iftj und daß dieses Ganze geschädigt wird, wenn selbst aus diesem einen kleinen Teil nicht das wird, wozu es bestimmt war.
Der Nusspruch lautet: „Ls ist ein hoher, feierlicher, fast sonderlicher Gedanke für jeden einzelnen Menschen, daß ein irdischer Einfluß, der einen Anfang gehabt hat, niemals und wäre er der allergeringste unter uns — durch alle Jahrhunderte hindurch ein Ende haben wird. Was geschehen ist, ist geschehen, es hat sich schon mit dem grenzenlosen, ewig lebenden, ewig tätigen Universum verschmolzen und wirkt hier zum Guten oder zum Schlimmen, öffentlich oder heimlich, durch alle Zeiten hindurch."
Kommt uns beim Lesen dieser Worte nicht die ungeheuer große Verantwortung zum Bewußtsein, die wir bei all un- serm Neben und Tun tragen? Jedes Wort, jede Handlung in in unserem täglichen Leben findet einen Widerhall in den Seelen unserer Mitmenschen. Sind wir da wohl immer bedacht, nichts zu tun und zu sagen, was einen schädigenden, irreführenden Einfluß auszuüben imstande wäre?
Wie ist es doch dagegen ein so tröstlicher Gedanke, zu wissen, daß wir berufen sind, da, wo wir im Leben von un- serm himmlischen Vater hingestellt sind, zu wirken, treu und still, indem wir uns von ihm führen lassen. Da kann es keinen Mißklang geben, und je mehr wir in diesem Sinne vorangehen, desto mehr werden wir es empfinden, welcher Segen in der Treue im kleinen liegt.
Ich glaube, wir überschätzen viel zu sehr im allgemeinen und im einzelnen den äußeren Erfolg im Leben,' wir vergessen dabei die seelischen Werte, die uns der innerlichen Entwicklung näher zu bringen vermögen, durch welche wir so unendlich viel tiefer auf unsere Umwelt einwirken können. Sie hat Ewigkeitswert, während alles Neußerliche irdisch ist und darum vorübergehend.
Nber nur in der Stille können solche Werte ausreifen, ebenso wie wir nur in der Stille zu der inneren Erfahrung kommen können, wie wichtig es für unser Leben hier und in der Ewigkeit ist, zu wissen, daß ein jeder von uns einen Gottesgedanken darstellt. Diesen zur Entfaltung zu bringen, indem wir unser Leben so leben, daß es ein Teil dieses großen Ganzen ist, das heißt wohl den tiefen Sinn des obigen Nusspruchs voll und ganz erfaßt haben.
Möge er vielen zum Segen sein!
Baronin N.
Mlder aus dem hessischen Vorsieben.
von N. J T—nn.
(Schluß.)
In alter Zeit, bevor die Bahnen ausgebaut wurden, waren trotz ,,Wandervogels" und Nusflügen an den hohen Festtagen die Menschen viel mehr an das Gehen gewöhnt als jetzt. Männer und Frauen legten, um in die Städte zu kommen, weite Wege zurück. Sie gingen sieben Stunden nach einer großen Stadt und traten an demselben Tage den Nückweg wieder an. Das war die Zeit, da Landleute aus dem vogelsberg, einen mit Butter beladenen Schubkarren vor sich herschiebend, nach Frankfurt und wieder zurück gingen. Botenfrauen vermittelten den Verkehr aus den Dörfern nach den Städten, nahmen Briefe mit und besorgten Waren aus der Stadt. In dieser Zeit blühten noch die Jahrmärkte, die heute ihre Bedeutung verloren haben. Was war das früher ein großes Volksfest, wenn der Jahrmarkt zu T. gefeiert wurde! Zwei große Zeltgassen wurden errichtet. In der einen wurden Getränke und Bratwürste ausgegeben. Die Knaben tranken gern den süßen, noch in der Gährung befindlichen Birnenmost, den ein seit Jahren den Markt besuchender Händler verzapfte. Ich leistete mir auch in der Negel einen Viertelschoppen, der mit Z pfg. bezahlt wurde, und erinnere mich noch genau, welchen grenzenlosen Nespekt ich vor einem mehrere Jahre älteren Jungen empfand, der mit der Haltung eines Erwachsenen einen halben Schoppen von dem süßen Getränke forderte. In der anderen Zeltgasse hatten die Händler ihre Waren ausgebreitet. Einige riefen mit lauter Stimme in das Menschengewühl hinein, daß sie ,,Stück für Stück für zehn Pfennig" verkauften. Die Dienstknechte kauften sich peitschen und knallten damit, daß man es weithin hörte. Die Hausfrauen erhandelten irdenes Geschirr, die kleinen Kinder leckten an sogenannten Zuckerstangen, einem sehr klebrigen Konfekte, mit dem bald das ganze Gesicht bemalt war. Ueber dem Stande des Zuckerwarenhändlers schwebten die Wespen, herumziehende Musikanten spielten auf, (vrgel- männer drehten ihre Instrumente, das ist das Bild des nun untergegangenen Marktes, wie er in meiner Erinnerung weiterlebt.
In meiner Kindheit kamen allerlei fahrende, von den Kindern mit lebhafter Freude begrüßte Leute in die hessischen Dörfer, Leute, die man heute nicht mehr sieht. Grgelmänner und Grgelfrauen waren gern gesehene Gäste. Der Mann drehte die Drgel und erklärte ein Bild, das an einer großen Stange befestigt war. Durchweg waren „Moritaten" hier abgebildet, das Bild war in verschiedene Felder eingeteilt, das letzte Feld zeigte immer die Hinrichtung des Bösewichtes, durchweg war dieser ein Massenmörder. Der Grgelmann erzählte die grausige Geschichte, indem er mit einem langen spanischen Nohre auf die einzelnen Felder deutete. War die Erzählung zu Ende, so setzte die Orgel wieder ein, und Mann und Frau schmetterten mit lauter Stimme ein Lied hinaus in die Schar der aufmerksamen Zuhörer. Mit welchem Interesse betrachtete ich damals diese Bilder,' heute erregen sie in mir, wenn ich an sie zurückdenke, nicht nur einen moralischen, sondern auch einen physischen Ekel.
Nusgestorben scheinen jetzt auch die Bärenführer zu sein, die mit dem Meister Petz anrückten, auf ein Tambourin los- schlugen, allerhand ungarische oder bosnische Laute dazu sangen und dann den Bären durch Stöße mit einer langen Stange ermunterten, daß er sich aufrichtete und auf den Hinterfüßen „tanzte".


