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Gerneinöeblatt süröie evangelische Kirebengememüe

Gieszew

Nr. 17.

Gießen, Sonntag Jubilate, den 29. April 1917.

6. Jahrgang.

vom Altwerüen.

Psalm 71, 18. 5luch verlaß mich nicht, Gatt, im Klier, wenn ich grau

werde.

(Es ist eine auffällige Beobachtung, die wir in diesen Kriegsjahren machen: Bekannte, die wir seit einiger Zeit nicht gesehen haben, kommen uns bei einer Begegnung merk­würdig gealtert vor. Vas haar ist mit einem Male grau ge­worden, die Bewegungen sind müde, viele Zorgenfalten graben sich in das Gesicht ein. Wir altern jetzt viel schneller als früher, in glücklicher, friedlicher Zeit, ein Jahr bringt so viel Veränderungen an uns hervor als sonst fünf Iahre. Jetzt wird es Wahrheit, was der psalmist sagt: Wir fahren schnell dahin, als flögen wir davon. Der Krieg mit seinen Ent­behrungen und Zorgen, mit seiner Unruhe und seinem Kum­mer, mit den ernsten Tagen und den durchwachten Nächten läßt viele alt werden vor der Zeit.

Nechte Lebensweisheit ist es, sich mit dem Ultwerden innerlich abzufinden. Vas Ulter kommt nicht über Nacht, es naht langsam, es schickt seine Vorboten voraus. In der herr­lichen, weisheitsvollen Bede ,,Ueber das Ulter", die er in seinem 75: Lebensjahre in der Ukademie der Wissenschaften zu Berlin gehalten hat, zitiert Jakob Grimm das Wort Goethes:

Das Klter ist ein höflich Mann,

Einmal übers andere klopft er an,

Kber nun sagt niemand herein,

Und vor der Tür will er nicht sein,

Da klingt er auf, tritt ein so schnell,

Und nun heißt's, er sei ein grober Gesell.

Man soll die Vorboten des Ullers, die größere Müdig­keit, das Grauwerden der haare, die sich immer mehr be­merkbar machende Zchwäche des Gedächtnisses nicht über­sehen, man soll sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, daß zu einem gewissen Zeitpunkte für jeden Menschen der Ubstieg in das Tal kommt. Verdichter Ernst Zahn, der neulich seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, hat bei diesem Unlasse in einem groß angelegten, formvollendeten Gedichte einen Rückblick auf sein bisheriges Leben geworfen, klar dabei der Tatsache in das Uuge sehend, daß sein weg sich nun herniederneigt. Menschen, die alt geworden sind und dennoch jung bleiben wollen, machen einen sehr unerfreulichen Ein­druck. wer hat Gefallen an dem, der das haar färbt, jugend­

liche Bewegungen macht, die seinem steif und ungelenk ge­wordenen Körper sehr sauer werden, oder gar sich an Ver­gnügungen beteiligt, die nur der Jugend Vorbehalten sind? Ulles Ving hat seine Zeit.

Nur der wird mit dem Ultwerden innerlich fertig, der mit Gott im Bunde steht und zu ihm die Bitte emporrichtet: Uuch verlaß mich nicht, Gott, in meinem Ulter, wenn ich grau werde! Ein Greisenalter ohne Gott ist schrecklich,' so nahe dem Ubschluß des Lebens und so fern der (Quelle des Lebens und der Unsterblichkeit, das ist wirklich ein Jammer. Ver Heiland selbst ist freilich nie alt gewesen, in jugendlicher Kraft ist er von der Erde geschieden, er hat, was seine menschliche Uatur betrifft, den langsamen Ubstieg in das Tal nicht kennen gelernt, aber er ist der beste Freund des alternden Menschen. Er hebt und trägt mit seiner hirtentreue über die Beschwer­den, über die Leiden des Ulters hinaus, wer ihn bittet: Herr, bleibe bei uns,' denn es will Übend werden, und der Tag hat sich geneigt, dem erfüllt er, wie einst den Lmmausjüngern, diese Bitte, zu dem geht er ein, um bei ihm zu bleiben. Mancher, der in jungen Jahren nach ihm nicht fragte, schließt sich, wenn seine Lebenssonne sinkt, eng an ihn an,' denn er empfindet, daß er ihn braucht, daß er ihn nicht lassen kann.

Man soll das Rlter ehren. Vas ist ein uraltes Gottes­gebot. Uber auch die Ulten müssen wissen, was sie den an­deren schuldig sind. 5ie dürfen für die Jüngeren kein schwerer Hemmschuh sein, sie dürfen gereifte Menschen, die ihnen an Einsicht und Tatkraft überlegen sind, nicht kommandieren wollen, wie man Kinder kommandiert. Man darf den Jun­gen nicht die eigenen, oft schlechten Lebensgewohnheiten auf­zwingen wollen und sie nicht als unmündige Zklaven be­handeln. warum ist so manche Ehe unglücklich? weil die Eltern des Mannes oder der Frau zwischen d'n beiden Ehe­gatten stehen und in gewissenloser weise schüren und Hetzen. Es müssen die Ulten auch wissen, wann es Zeit ist. sich zur Feierabendruhe des Lebens zurückzuziehen. Man sieht es zuweilen, wie Männer, die längst arbeits- und dienstuntaug­lich geworden sind, eine Tätigkeit beibehalten, in einem Umte bleiben wollen, wozu sie gar nicht mehr geeignet sind, vamit verbindet sich oft eine maßlose Eitelkeit,' nur von sich redet der Ulte, sich selbst sieht er als den Mittelpunkt aller vinge

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