IDas braucht unsre schwere Zeit?
Menschen, die nicht murren, Klagen,
Die in Demut, leidbereit,
Willig ihre Lasten tragen Kerzen, die getrost und still Dulden, warten, wie Gott will.
Was braucht unsre große Zeit?
Menschen, die sich selbst vergessen
Rn der andern Kreuz und Leid,-
Und die kleinen Dinge messen
In des Lebens Kampf und Streit
Rn der großen Ewigkeit. E. R.
Zrantsurt a. M im Hungerjahre Wb/jr.
Es sind jetzt geräde 100 Jahre her, daß unsere Vorfahren auch eine schlimme Zeit des Nahrungsmangels durchleben mußten. Damals war allerdings die Ursache für die Knappheit eine allgemeine Mißernte, hervorgerufen durch die andauernd nasse Witterung im Frühjahr und Sommer 1816. Ganz besonders hart wurden heimgesucht Süddeutsch- land, die Maingegenden, die Nheinlande und Westfalen,- eine große Sterblichkeit unter dem Vieh kam dazu. U.brigens litt unter den; Mißjahr nicht nur Deutschland allein, es wurde auch Frankreich betroffen, und die Engländer durchstöberten damals alle Märkte der Welt bis Odessa nach Getreide.
Ruch Frankfurt sah bang der Zukunft entgegen. Die früher aufgespeicherten Fruchtvorräte waren in der Franzosenzeit mit ihren Durchmärschen und Einquartierungen aufgezehrt worden, und im Jahre 18HT hatte die Stabt ihren letzten Restbestand an Getreide zur Verproviantierung de»- Festunn Mainz hergegeben. Ein für den Fall der Rot au? reichender Vorrat zur Versorgung der Revölkcrung mit Rrot getreue war also nicht vorhanden. Schon im Juli 1816 hatte sich die Erhöhung der Futterpreise bemerkbar gemacht,- allmählich folgte eine Teuerung der meisten Lebensmittel. Wegen des beständig Kühlen und regnerisches. Wetters war an die Ernte erst sehr spät zu denken. Wenn auch der Senat noch hoffte, daß die augenblickliche Rot bald Nachlassen werde, sah er sich doch alsbald zu umfassenden Maßregeln veranlaßt. Rach verschiedenen Vorschlägen und längeren Reratungen wurden Ende Oktober bei den Remtern und milden Stiftungen die den eignen Redarf übersteigenden Reträge an Rrotfrüchten enteignet und auf die Stadtkasse übernommen. Da aber die so gewonnene Vorratsmenge den Redarf der Stadt für den Rotfall durchaus nicht sicherte, wurde weiterhin der Rnkauf eines größeren Retrages an auswärtigem Korn zur Rufspeicherung verfügt. Sodann beschloß man, Kartoffeln auf Vorrat zu beschaffen, um für Redürftige Suppcnspci- sungen oder Raturalspenden im Winter und Frühjahr v.ran- jtalten zu können. Zunächst sollte der von Remtern und Stiftungen an die Stadt gegebene Getreidevorrat zur Unterstützung der ärmeren Revülkerung verbraucht werden. Mit den Räckern wurden Rrotlieferungsverträge aus diesem Getreide abgeschlossen und kurz vor Weihnachten 1816 konnten die wöchentlichen Rrotabgaben beginnen. Rl? Raum für die Rrotausgabc diente die damals gerade I'erstehende Rikolai- kirche, welche 1813 als Magazin benutzt worden war. Das städtische Rrot konnten alle als würdig und bedürftig bezeichnet Personen gegen ein vorher ausgehändigtes ^Zeichen", also unsere heutige Rrotmarke, zu bestimmten Tagesstunden in Empfang nehmen; und zwar wurde der 6pfündige Laib Roggenbrot 4 bis' 6 Kreuzer unter dem amtlichen
Taxpreis abgegeben, der damals im Dezember schon auf das Doppelte des ursprünglichen Preises g.stiegen war. Daneben hatte sich gegen die wachsende Rot schon Rnfang Rovember aus mehreren bemittelten Frankfurter Rürgern ein sogenannter ,,Kornverein" gebildet mit der Rbsicht, durch freiwillige Spenden Getreide und billiges Rrot für Unbemittelte zu beschaffen. Für die Rusteilung des Rrotes bestellte dieser Verein eine besondere Kommission, wir würden heute sagen, ' Rrotkommission, die im engen Einvernehmen mit den städtischen Rehörden und unterstützt von mehreren Rürgern als freiwilligen Helfern in jedem Stadtquartier die einlaufenden Gesuche prüfte und die Listen führte.
Schon wenige Tage nach dem Reginn der städtischen Rrotausgabe in der Rikolaikirche konnte der Kornverein mit der Verteilung von 5000 Laib Rrot für die Woche den Rnfang machen. Die Verteilung geschah wie bei der Stadt gegen gestempelte Rrotkarten, die wöchentlich von der Rrotkommission ausgegeben wurden. Gegen eine solche Karte konnte man bei sämtlichen Frankfurter Räckern einen 6-pfund-Laib zum gleichen Vorzugspreise erhalten wie bei der Stadt. Der Mehrbetrag gegen die amtliche Taxe wurde den Räckern aus der Vereinskasse vergütet. Die Polizei machte darüber, daß die Räcker auch immer gutes Rrot in hinreichender Menge bereithielten. Da der Mangel jedoch stetig weiter wuchs, beschloß der Senat im Januar 1817, außer der öffentlichen Rb- gabe des wohlfeilen Rrotes bis zur nächsten Ernte die unentgeltliche Verteilung von Kartoffeln vorzunehmen. Jeder Redürftige erhielt wiederum eine Kartoffelkarte, gegen die er wöchentlich eine bestimmte Kartoffelmenge abholen konnte. Rls dann im Frühjahr die Kartoffelbestände zu Ende gingen und die weitere Reschaffung wegen des Mangels und der Kosten schwierig war, wurde Reis angekauft und eb.nfalls gegen Karten ausgeteilt. (Schluß folgt.)
vilder aus dem hessischen Vorfleben.
von R. L— NN.
(Fortsetzung.)
Die landwirtschaftlichen Produkte, die in der großen Gemarkung gewonnen wurden, wurden, soweit sie nicht in den Haushaltungen gebraucht wurden, nach den benachbarten Städten gebracht. Es kamen ,,Rufkäufer", die Rutter, Eier, Gemüse und Obst einkauften und mit Gewnrn nach den Städten verkauften. Int Dorfe selbst wohnte ein ,,Rufkäufer", der allwöchentlich zweimal zum Markt nach der Stadt fuhr. Morgens um drei Rhr fuhr der alte Mann mit seiner natürlich auch bejahrten Frau ab. Man sagte, die Pferde hätten den Weg so genau gekannt, daß das alte Ehepaar auf dem Wagen vor sich hinduseln konnte, bis die ersten Däuser der Stadt in Sicht waren. Unter den Geschäftsleuten, die von außen kamen, war einer, dessen wirklichen Ramen ich nie erfahren habe. Tr hieß nur der ,,Lügenpeter" und wurde mit dieser Rezeichnung auch angeredet was er sich ruhig gefallen ließ. Ich erinnere mich, daß er einmal gesagt hat, er habe die Lieferung eines Eisenbahnwagens Zwetschcn nach k)ull in England übernommen, nehme aber an, daß auch diese Mitteilung erlogen war.- denn so weit reichten die geschäftlichen Reziehungen des „Lügenpeters" wohl nicht, daß sie hinüber über das Rermelmeer gingen. Ich hörte übrigens auch einmal von einer Frau, die, als sie noch vom Dorfe Milch nach der Stadt brachte, Kurzweg die „Lügen-Eva", oder, wie es in der dortigen Mundart hieß, die „Lüg-Eb" genannt wurde.


