Sonntagsgrusz
Gemeinöeblatt fürdte evangelische Kircbengemeinoe
Gieszew
Nr. 16.
Bietzen, Sonntag Miserik. Domini, den 22. April 1917. 6. Jahrgang.
verlassen und gehöht.
Zesaia 60, 15. Darum, daß du bist die verlassene und Gehaßte gewesen. roiU-^d) dich zur Pracht ewiglich machen und zur Freude für und für.
In dem vorangejtellten Prophetenwort liegt die Kennzeichnung einer Lage, aber auch eine Verheißung um eben dieser Lage willen ausgesprochen, die die meisten unwillkürlich an die gegenwärtige Stellung Deutschlands im Weltkrieg erinnern wird. „Darum, daß du bist die verlassene und Gehaßte gewesen, will Ich dich zur Pracht ewiglich machen und zur Freude für und für!" verlassen und gehaßt, das paßt in der Tat auf Deutschland, verlassen, wenn wir daran rein geistigem Gebiete nicht verständlich. Wan wird jetzt oft gedenken, wie ehrlich und aufrichtig es durch Jahrzehnte hindurch zuvor um die Freundschaft und Anerkennung gerade der Mächte, mit denen es jetzt in einen Kampf auf Tod und Leben verwickelt ist, geworben hatte. Und darüber hinaus wollen wir uns nur ruhig eingejtehen, daß wir zurzeit auch das bestgehaßte Volk der Welt sind, wie das möglich ist? wir meinen, daß eine solch schmerzliche Ausnahmestellung allein mit dem wirtschaftlich machtvollen Uufblühen des Deutschen Ueiches nicht erklärt ist, auch nicht mit Fehlern unserer etwa allzu vertrauensseligen Politik. Eine solch tödliche Scheidung der Geister ist ohne allertiefste Vorgänge auf des Wortes Luthers an Zwingli eingedenk: „Ihr habt einen anderen Geist als wir!" Lei Luther handelte es sich damals nur um Klarstellung religiöser Gegensätze trotz mancher innerlichen kirchlichen Verwandtschaft. Uber wenn wir nicht an der Oberfläche der Gegensätze zwischen uns und unsern Feinden haften bleiben, so können wir nicht anders als sagen, daß es sich in diesem Weltkrieg letztlich um den Kampf gegen den deutschen Gesamtgeist handelt, den die anderen Staaten hassen, obwohl sie sich rein äußerlich zumeist auch zu den christlichen rechnen,' nicht so sehr um seiner Kraftentwicklung nach außen hin, sondern wegen seines innersten Wesens und Gehalts. Sie spüren, daß dieser Geist es ist, dem sie sich über kurz oder lang einmal werden beugen müssen, wenn es ihnen nicht gelingt, ihn jetzt noch niederzuringen. Line solche geistige Macht eines ganzen Volkes ist aber unauflöslich verknüpft mit ihrem sittlichen Gehalt, und dieser wiederum
mit seiner religiösen Urquelle, wobei wir in diesem Zusammenhang von jeder konfessionellen Unterscheidung durchaus ab- sehen. So lange wir Deutsche kennen also weit hinein in die Zeit vor Christus , waren sie ein Volk, dem die innere Wahrheit über alles ging. Lben um des willen konnten sie auch nie ohne ernstestes Gottsuchen auskommen. Und die Vielgestaltigkeit der religiösen Ueberzeugung im deutschen Volke ist lediglich ein Leweis seiner überquellenden, um Vertiefung ringenden Sehnsucht nach Gottes Wahrheit. Das ist „der andere Geist", den sie haben. Und der stört viele andere Nationen in der Auswirkung ihrer rein selbstsüchtigen und brutal irdijch-herrschsüchtigen Ziele. Ls gibt in der Geschichte vielleicht nur ein Volk noch, in dem der religiöse Hunger nach der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes ähnlich stark austrat: das alte Volk Israel. Daher erlebte es auch solch schmerzliche Vereinsamung unter den Völkern, wie sie Jesaias in dem heut angezogenen Wort schildert. Uber darum erstand doch einzig aus seinem Schoße auch Jesus, der Heiland und Erlöser der Welt, wir glauben, daß das deutsche Volk vor anderen befähigt war und ist, den „Ueich Gottes"-Gedanken Lhristi zu erfassen und, wenn auch noch so langsam, der Verwirklichung näher zu führen. Freilich würde ihm dann auch dereinst besonders die Verheißung gelten, die die Propheten des alten Lundes, ganz besonders aber Jesus und sein Evangelium, der treuen Bewährung gaben. Darum sei treu, deutsches Volk! Dazu gehört aber allerdings auch das Wort des Heilandes: „Fasset eur- Seelen mit Geduld!" oder genauer übersetzt: „Durch Geduld (Ausdauer) werdet ihr eure Seelen gewinnen!" Und was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? . . .
war braucht unsre Zeit?
was braucht unsre harte Zeit? Schlichte Menschen, wahr und offen, Gegen Lug und Trug gefeit ;
Ueich im Lieben, stark im hoffen. Menschen, die im Sturmeswehn Unentwegt im Glauben steh'n.


