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ich am Sommerabenb nach meiner Wohnung ging, sah ich sie auf der Straße vor dem Hause ihres Bruders stehen, oder sie schaute zum Fenster heraus. Sie war mir aufgefallen durch das zarte Angesicht und das goldig schimmernde haar. Lines Tages kam die Frau des Bruders und sagte mir, die Schwägerin sei krank, ich solle sie besuchen. Ich sah bald ein, daß die Tage des jungen Mädchens gezählt waren. Linen Sommer lang siechte sie dahin; als im September die Bstern blühten, senkten wir sie in das Grab. Buf dem Krankenbette erzählte sie mir ihre kurze Lebensgeschichte. Die war traurig genug. Früh der beiden Lltern beraubt, war das Kinb in einer Waisenanstalt erzogen worden und dann in den Dienst zu fremden Leuten gekommen. Vas ging so lange, bis sie sich matt und elend fühlte, da nahm der Bruder sie in sein Haus auf, und, von der Schwägerin treu gepflegt, starb sie. Ueber ihrem Bette hing ihr Konfirmationsgedenkschein, auf dem stand geschrieben- Psalm 37, 5. Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn, er wirds wohl machen. Bn dieses Wort klammerte sich das arme, verwaiste Menschenkind in seiner letzten Not. „Lr wirds wohl machen/' In dieser seligen Gewißheit schlief das junge Mädchen ein.
Ls ist etwas Großes, wenn ein Mensch das, was ihm in der empfänglichen Jugendzeit anvertraut worden ist, in einem feinen, guten Herzen bewahrt. Nur der Unverstand kann das Nuswendiglernen von Bibelsprüchen und Gottesliedern, an denen sich der Glaube hinaufrankt, schelten. Gott allein weiß, was für Segen sich an die Konfirmandenzeit und die Konfirmation anschließt. Ls kommt nur darauf an, daß der junge Mensch ein feines, gutes Herz hat. H-B.
Luthers vibeliiberjetzung in ihren Anfängen.
„1. © Gott, tzu dpr Hab ich geschrien von den tpffen. o got, erhöre mein geschrep.
2. Bch das deine oren achtnehmen wolten auff das ge- schrep meines bittens.
3. Zzo du will achthaben auff die sunde, D mein got, o gott, wer kan dan besteen?
4. Dan ist doch nur bep dir allein vorgebung, darumb bistu auch allein tzufurchten.
5. Ich Hab gottis gewartet, und mein seel hat gewartet, und auff seyn wort Hab ich gebeptet.
6. Mein seel die ist tzu gott wartend von der morgen wache byß widder zu der morgen wache.
7. Israel der wartet zu gott, dann die barmhertzickeit ist bep Gott und manichfeltig ist bep phm die erloßung.
8. Und er wirt erloßen Israel auß allen seinen sunden."
So lautet in Luthers Urschrift ,,Der Zechst pußpsalm".
Psalm 130. Line deutsche Buslegung der sieben Bußpsalmen, das war die erste Schrift, du Luther selbst geschrieben und im April 1517 hat drucken lassen. Line Großtat sondergleichen für die Geschichte des deutschen Volkes und seiner Kultur nahm damit ihren Unfang. Denn in dieser Uebersetzung der 7 Psalmen liegt nicht bloß der Urkeim von Luthers späterer, geschlossener Bibelübersetzung, sondern auch der unserer heutigen deutschen Sprache überhaupt. ,,Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!" schrieb Luther wenige Jahre später von der Wartburg seinem Straßburger Freunde Gerbel. Und in der Tat. In seiner Schriftsprache hat er dem deutschen Volke als Ganzem, gleichgültig, ob wir uns Evangelische oder Katholiken, Juden oder Atheisten nennen, einen seiner köstlichsten Schätze bis auf diesen Tag geschenkt, unsere einheitliche deutsche Sprache, die es vordem nicht gab. Jenes
Lrstlingsbüchlein der 7 Bußpsalmen im Frühjahr 1517 Hot den Grund zu diesem nie verkümmernden Geschenk gelegt, wahrlich, Grund genug, daß im Neformationsjubeljahr 1917 alle Deutschen unbeschadet welchen Glaubens ihm danken und seinem Genius huldigen.
Denn unsere Sprache ist Luthers Schöpfung. Selbstverständlich ist jede Sprache selbst kein totes Kunstprodukt, sondern spürbarer Niederschlag der unsichtbar-lebendigen Seele eines Volkes. Uber daß die unsrige trotz der gewaltigsten Stammes- und Dialektverschiedenheiten des deutschen Volkes zu einer so wundervollen Einheit sich zusammenschloß, und vor allem, daß darin auch wirklich des Volkes Herzschlag, der Schatz seines Empfindens, seines Erfassens der Dinge, seines Gemütes und auch Humors, pulsiert, das ist Luthers ureigenstes Werk. wie sah's mit unserer Muttersprache vor ihn, aus? Abgesehen von den tausenden von Mundarten fast jedes Dorf hatte seine eigene bestanden zwei große Sprach- gruppen, das Ober(hoch)- und das Nieder-(platt)-deutsche. Jenes wurde in Süd-, dieses in Norddeutschland gesprochen. Die Einheit einer deutschen Schriftsprache fehlte durchaus,- und selbst die kaiserliche Kanzleisprache konnte trotz mancher Fortschritte dem Nebel nicht abhelfen. Luthers feines Sprachgefühl fand nun heraus, daß gerade die Sprache der Kursächsischen Kanzlei jene beiden Gegensätze noch am besten aus- gleiche. Sie war eine Mischung von ©der- und Niederdeutsch - aber selbstverständlich für den Mann aus dem Volke in ihrem echten ,,Kanzleistil" fast immer noch unverdaulich. Nun trug Luther, selbst ,,ein Kind aus dem Volke", in dies starre Gesetz des Kanzlei- das blühende Leben des volksdeutsch hinein, und so schuf er erst diese Kraft, Herzinnigkeit und Schönheit bei allem Negelrechten unseres ,,Deutsch", das ja, sprachlich vom gotischen „diet" abstammend, selbst nichts anderes als „volkstümlich" bedeutet.
wie Luther selber unablässig an der Vervollkommnung seiner Sprache arbeitete, kann man schon sehen, wenn man nur diejenige des oben mitgeteilten Bußpsalms von 1517 mit der seiner Bibelübersetzung vom Jahre 1521 vergleicht, viel weniger mag man daran denken, welch Mut für den damaligen jungen Theologen dazu gehörte, überhaupt sie anzuwenden. Denn in seiner Muttersprache zu schreiben, war damals ein verächtlich Ding, verachtet genau so von den Gelehrten der alten Schule, den Scholastikern, wie denen der neuen, den Humanisten. Latein oder griechisch mußte es sein. Um so bewundernswerter ist auch Luthers Sprachreinheit. So manche Fremdwörter seine anderen Schriften aufweisen mögen, in seiner Bibelsprache fand kaum eines Gnade vor seinen Bugen.
heute ist schier nicht auszudenken, welche Früchte Luthers Frühlingsgabe vom Jahre 1517 gezeitigt hat. Kaum hatte er seine Sprache in den Sattel gesetzt, da begann nun auch das Volk sich ihrer zu bedienen. So entstand u. a. jene großartige Neihe von Flugblättern, in denen er für es und es für seinen Luther Partei nahm. Dahinter verbirgt sich weit mehr, als man zunächst denken mag. Nicht bloß, daß in ihnen die Geburtsstunde unseres gesamten Presse- und Zeitungswesens schlug, das vordem unbekannt war, nein, es offenbarte sich darin der Segen der Neformation vom allgemeinen priestertun. jedes Thristen. Der Bann des Unterschiedes zwischen Geistlichen- und Laienstand war gebrochen,' auch der schlichte Mann konnte nun denken und schreiben, wie ihm ums Herz war. Nicht minder schlug recht eigentlich die Geburtsstunde unserer geistlichen Liederdichtung. 1523 erschien Luthers 1. Kirchenlied als Flugblatt: „Nun freut euch, lieben Thristen


