Genmnüeblatt fürdie evangelische Kircbmgememöe
Gieszew
Nr. 15.
Biegen, Sonntag Quasimodogeniti, den 15. April 1917. 6. Jahrgang.
lkonsirmandenzeit.
Evangelium des Lukas 8, 15. Das aber auf dem guten Lande sind,
die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Kerzen
und bringen Frucht in Geduld.
3n diesen Frühlingstagen stehen im deutschen Lande hunderttausende von Konfirmanden vor dem Rltar, um ihrem Heiland Liebe und Treue zu geloben und nach altchristlicher Litte gesegnet zu werden. 3n ernster Zeit werden diese Kinder konfirmiert. In vielfacher Form macht sich der Krieg bei uns in der Heimat geltend, manches Kind kommt am Konfirmationstage nur in Begleitung der Mutter zur Kirche, weil der Vater im Felde steht und weil man wegen der Zeitverhältnisse verwandte nicht einladen kann, viele Knaben stehen schon im Leben der Rrbeit, weil der Krieg dazu nötigt. Knaben tun jetzt Männerarbeit, Mädchen gehen in die Munitionsfabriken. Man sollte denken, daß unter diesen Umständen Gottes heilige Gebote sich tiefer in die Kinderherzen einprägen als sonst, daß die Kinder, die jetzt konfirmiert werden, dem guten Lande gleichen, von dem der Heiland in seinem schönen Gleichnisse spricht, daß sie Gottes Wort in einem feinen, guten Herzen behalten und in der Zukunft Frucht bringen in Geduld.
Cs ist etwas herzerhebendes, wenn man einen älteren Menschen beobachtet, auf dessen Leben dieses Heilandswort seither gepaßt hat und noch paßt. Rus der großen 5char der Menschen, mit denen ich über ihre Konfirmandenzeit und ihre Konfirmation gesprochen habe, treten vier hervor, in denen die Eindrücke dieser Zeit besonders nachhaltig gewesen sind. Da ist zunächst die 68jährige Frau, die ich während ihres langen, letzten Leidens oft besuchte. Cs wär bei den ersten Besuchen gerade nicht leicht gewesen, mit ihr in das Gespräch und durch das Gespräch in seelische Berührung zu kommen. Der schwere, unförmliche Körper hinderte die alte Frau, ihre Wohnung zu verlassen,' in der Kirche wär sie schon lange nicht mehr gewiesen, vom Bett zum Ltuhl am Fenster und wieder zurück zum Bett, weiter gingen ihre Wege nicht mehr, als ich sie kennen lernte. Ruch die Sprache war schwerfällig, langsam kamen die Worte über die Lippen, das Rsthma machte der Kranken viele Not, die Rugenlider waren dick geschwollen. Rber als ich näher mit der Frau bekannt wurde, fand ich, daß in dem kranken, schwerfälligen Körper eine fromme Seele wohnte. Eines Tages sagte mir die Kranke,
stockend und nach Rtem ringend, das Lied ,,Rlle Menschen müssen sterben", Vers für Vers, her und bemerkte, dieses Lied mit seiner herrlichen Zchilderung des Freudenlebens in der Ewigkeit erquicke und stärke sie nun, da sie, mit so schwerer Krankheit ringend, wisse, daß sie ihr irdisches Ziel bald erreicht haben werde. Rls ich verwundert fragte, unter welchen Umständen sie sich das Lied angeeignet habe, da kam es heraus: in der Konfirmandenstunde in Berlin, wo sie geboren war, hatte sie es gelernt. Sie hatte das Lied mit seinen erhebenden Gottesgedanken über ein halbes Jahrhundert in einem feinen, guten Kerzen behalten.
viel umgänglicher und beweglicher war der 70jährige Handwerksmann, der aus Thüringen stammte. Eines Tages kam er zu mir und brachte mir ein Blatt Papier, das er mit Bleistift beschrieben hatte, „hier bringe ich Ihnen," so sagte er, „das Lied, das uns Kindern unser Pfarrer einst in der ersten Konfirmandenstunde diktiert hat." Es war ein frommes, etwas gefühlsmäßiges Lied, seinen Inhalt habe ich vergessen, ich kann die Niederschrift auch nicht mehr unter meinen Papieren finden. Rber ich weiß noch, daß dem Manne die Tränen über das Gesicht liefen, als er mir das Lied hersagte. Er dachte dabei seiner Jugend, seiner toten Eltern, seiner Heimatkirche und des Leelforgers, der ihm bei der Konfirmation segnend die Hände aufgelegt hatte.
Ein mühseliges Leben hatte die Witwe, die aus einem Dorfe in einem Tale des hessischen Ddenwaldes nach der großen Ltadt gezogen war und sich dort durch redliche Rrbeit als Monatsfrau durchbrachte. Sie hatte es mit dem Manne nicht leicht gehabt, der war streitsüchtig, rechthaberisch und gegen seine Familie ungebärdig gewesen. Der eine Lohn war schwachsinnig; zwar arbeitete er, aber er war schwer zu leiten, zuweilen trank er, war dann gewalttätig und beschimpfte Mutter und Lchwestern. was die Frau unter diesen Umständen aufrecht hielt, waren die Psalmen, die sie in der Konfirmandenstunde auswendig gelernt hatte, der 23., der 73., der 103. Psalm und andere dieser herrlichen Lieder, die von Gottes treuer Hut und seiner gnädigen Bewahrung reden. Sie hatte diese Psalmen bis in ihr Rlter wortgetreu im Gedächtnisse behalten.
Endlich denke ich hier an ein junges Mädchen, das ich vor beinahe 20 Jahren zu Grabe gebracht habe. (Dft, wenn
i


