Ausgabe 
1.4.1917
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Gemeinüeblatt süröie evangelische Kirchengemeinöe

Gieszew

Nr. 13.

Gießen, Sonntag Palmarum, den 1. April 1917.

6. Jahrgang.

Bußtag.

von Generalsuperintendent DjKlingemann = Loblenz.

Evangelium des Lukas 17, 5. Die flpojtel sprachen zu dem Herrn:

Stärke uns den Glauben!

von einer grundlegenden inneren Erneuerung, von einer Medergeburt unseres Volkes haben viele geträumt, als mit den lvogen der ersten gewaltigen vaterländischen Begeisterung auch die Anzeichen einer religiösen Vertiefung einhergingen. Ls fehlten nicht die Stimmen, die den Gedanken der Buße, der Büßpredigt von sich wiesen,' das tue einem Volke nicht not, das in Ernst und Beinheit seiner großen Aufgaben be­wußt vor seinem Gott stehe.

Die Ernüchterung ist gekommen, als mit der Dauer des Krieges das Alltagsleben wieder in sein Becht trat, als neben der Entfaltung von Kraft und Größe auch das Gemeine und Widerwärtige aufs neue in die Erscheinung trat. Und mit der Zeit mehren sich die stimmen, die der Enttäuschung dar­über Ausdruck geben, daß die große Erschütterung doch kein neues Leben, keinen vertieften Glauben gebracht habe.

Wiedergeburt das hätte man sich von vornherein sagen können ist freilich ein auf des Volkes Gesamtleben nicht anzuwendender Begriff,' sittliche Erneuerung eines ganzen Geschlechtes kann auch unter dem Eindruck gewaltiger Ereig­nisse nicht wie ein nach bestimmten Gesetzen meßbarer Vor­gang sich vollziehen. Und wo es um Glauben sich handelt, versagt vollends jeder an sichtbares Geschehen gebundene Maßstab, wir werden im Urteil über die innersten Gestal­tungen unserer Zeit Geduld üben müssen, und je weniger wir auf den ernsten Auf zur Buße, zur Sinnesänderung ver­zichten können, desto mehr kommt es auch auf besonnenes Urteil an über die Größe und Kraft, die unsres Volkes Seele in schweren Tagen betätigt hat.

Wer sollte nicht in einer Zeit, wo wir so gern unser ganzes Volk auf der höhe gemeinsamer Aufgaben sähen, mit besonderem Schmerz über all die Schäden klagen, die schwerer noch und verhängnisvoller als die vom Krieg geschlagenen wunden am Marke seiner Kraft nagen? Ls ist und bleibt eine furchtbare Tatsache, daß weite Kreise aus der Gleich­gültigkeit nicht aufzurütteln sind, daß neben dem Opfermut

der Eigennutz, daß neben der Beinheit die Zuchtlosigkeit, daß neben der Lntsagungsfreudigkeit die gemeine Genußsucht in solchen Tagen einhergehen kann. Aber das wäre falsche Aus­legung und Anwendung des Bußgedankens, wenn wir auf Klage und Anklage uns beschränken wollten. Die rechte Büßpredigt, die mit der Möglichkeit der Erneuerung, der Sinnesänderung rechnet, muß auf den Ton der Hoffnung gestimmt sein. Sie ist aus dem Glauben geboren und hat den Glauben zum Ziel, sie kündet den Gott der Gnade, sie weiß von der Erlösung zu sagen, die durch Jesus Ehristus den Herrn geschehen ist.

So wollen wir an dem Tag, der uns mit unsrem ganzen Volk zur Einkehr gesetzt ist, auch für die großen, herrlichen Erscheinungen unserer Zeit ein offenes Auge haben, was unser Volk draußen im Streit und daheim geleistet hat, wäre nicht denkbar gewesen ohne die Kraft vorhandenen und der neuen Entfaltung und Vertiefung fähigen Glaubens. Noch vermögen wir nicht zu ermessen, was unsre Streiter an inne­rem Gut aus dem harten Bingen mit heimbringen werden. Aber die Empfänglichkeit der in schier übermenschlichen Kämpfen und Entbehrungen erprobten Männer für das wort vom Glauben, für die Frohbotschaft vom heil ist uns tausend­fach bezeugt, und in den Zügen unserer aus dem Feld zu kurzer Bast heimkehrenden Jungmannschaft erkennen wir bei aller Fröhlichkeit den heiligen Ernst der durch gewaltiges Erleben gezeitigten Beife.

Daß wir Daheimgebliebenen unsrer Streiter und ihres für uns gebrachten großen Opfers uns wert erweisen, daß wir, wenn die große Stunde ihrer Heimkehr schlagen wird, ihnen den rechten Empfang bereiten, daß unsres Lebens Läuterung ihrer Bewährung entspreche, daß unser vertiefter Glaube für ihre Fragen und Erfahrungen Antwort und Widerhall zu geben vermöge, das ist unsre große Aufgabe. Und aller gro^n Zeitaufgaben Lösung draußen und daheim liegt in vertieftem Glauben. Ts wird wohl in unsren Tagen von neuem Glauben in dem Sinne geredet, als müsse ein nach Inhalt und Form völlig neuer Glaube- sich gestalten. Des Glaubens Formen, die Art seiner Darbietung, unsrer Wortverkündigung, mögen wohl dem Wechsel unterworfen sein. Aber der in Jesus Ehristus, in seinem Evangelium und seinem heilswerk uns gegebene Inhalt des Glaubens bedarf