— 47
andere hinter dem Zarge ging, Stühle, auf die die Träger ihre Last niedersetzen konnten, wie fern liegt mir nun diese alte Zeit und dieser eigentümliche Grtsbrauch, aber wie stolz war ich, als ich ungefähr in meinem elften Lebensjahre zu diesem Dienst bei dem Bbleben einer alten Frau aus der Nachbarschaft herangezogen wurde, es war das mein erstes öffentliches Buftreten. Es war üblich, daß am Leichenimse auch die Träger, natürlich auch die beiden stuhltragenden Knaben, teilnahmen. Ich ging nicht hin, aber am nächsten Tage sandte mir die Familie für mein Mühewalten eine ansehnliche und wahrlich nicht unwillkommene Menge Streuselkuchen. Bnders machte es in einem gleichen Falle mein Bruder. Die trauernde Familie hatte vergessen, ihn und seinen mitstuhltragenden Altersgenossen einzuladen. Da kamen die beiden überein, mein Bruder solle mit möglichst harmloser Miene in das Trauerhaus gehen und fragen, ob niemand seinen Kollegen gesehen habe,- diese List hatte den erwünschten Erfolg.
Zand ein Begräbnis statt, so herrschte im Dorfe feierliche Stille. Die Straßen, durch die der Leichenzug sich bewegte, wurden zuvor gekehrt, wenn der Pfarrer angekommen war, so wurden ihm und den Trägern kleine Sträuße Rosmarin oder Lorbeer überreicht, dann ging der Zug bei vollem Glockenklang aus der hofreite. Eine Stunde und eine halbe Stunde zuvor hatte man schon mit einer Glocke die „Zeichen" geläutet. Schweigend gingen Männer und Frauen im Zuge einher, niemand sprach ein Wort. Bber auch niemand, der nicht sonntäglich angezogen war, zeigte sich auf der SKaße, kaum, daß jemand verstohlen hinter der Gardine hervorlugte. Etwa entgegenkommende Fuhrwerke hielten an, die Fuhrleute traten zu ihren Pferden und nahmen die Kopfbedeckung ab. war es möglich, so wich man mit dem Fuhrwerk noch in eine andere Straße aus. wer einmal beobachtet hat, wie es in Städten ^und großen Landgemeinden bei Leichenzügen von seiten der Entgegenkommenden so unfeierlich zugeht, der wird das Dorf mit seiner Stille und Pietät preisen. Buch auf dem Friedhofe meiner Dorfheimat herrschte tiefe Stille. Niemand hätte es gewagt, im Werk tag sgewande den Ruheplatz der Toten zu betreten. In den Städten sind die Friedhöfe fast zu Marktplätzen geworden. Menschen mit schlechten Lebensgewohnheiten unterhalten sich miteinander in schreiendem Tone, laufen gerade in den Leichenzug hinein und drängen sich in ungezügelter Neugier vor. Leider gilt das oft von dem Geschlechte, bei dem man nach Goethes Wort? anfragen soll, wenn man erfahren will, was sich ziemt. Dabei halten viele Stadtbewohner die ländliche Bevölkerung für dumfir und ungesittet. (Fortsetzung folgt.)
Au§ der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
(Fortsetzung.)
Bis zu meiner Krankheit waren Phantasie und Gedächtnis die einzigen Fähigkeiten gewesen, welche einigermaßen hervortraten. Mit den Masern änderte sich das, indem sich zugleich diese Bnlagen steigerten. In den ersten Wochen nach der Krankheit durfte ich auch nicht lesen oder die Bugen anstrengen. Das machte Mir Langeweile, und ich bat meine Mutter, mir so bald als möglich ein Buch zu geben. Dies überraschte sie, denn meist hatte ich mich zum Lesen treiben lassen. Sie hatte sich Eampe's Robinson Erusoe zu verschaffen gewußt und übergab ihn mir. Mit wahrem Heißhunger fiel ich über ihn her. Nie hatte ein Buch eine solche Wirkung auf mich gemacht. Jede Szene stellte sich mir plastisch dar, ich schwebte in Entzücken und beneidete die darin auftretenden Kinder um
einen solchen Erzieher, und bald wurden sie mir so befreundet, als wären sie meine Geschwister. Besonders Fritz wurde mein Liebling. Blle Erklärungen verschlang ich förmlich und eignete sie mir auf das Genaueste an, um so mehr, als mir diese Brt von Belehrung völlig neu war,- denn außer der mütterlichen hatte ich ja niemals eine Erklärung erhalten. Die in den Gesprächen vorkommenden Lehren der Sittlichkeit, des Verhaltens gegen das Lernen und gegen die Menschen, kurz jede Maxime, prägte ich mir um so tiefer in das Herz, als ich ihre Wahrheit und Bngemessenheit im Innersten fühlte. Mir ging eine ganz neue Welt auf, ich hätte jede Szene bis ins Kleinste malen können - ich lebte mit Robinson, empfand mit ihm, er wurde mein anderes Selbst. Das war mir noch nicht begegnet! von einer Meeresgegend, von einem Schiffe, einer tropischen Landschaft hatte ich bis dahin sehr unklare Vorstellungen gehabt. Jetzt war es mir, als hätte ich darin gelebt- Welt-, Menschen- und Sachkenntnis hatten einen großen Zuwachs erhalten. Bber wie herrlich, wie rein und edel erschien mir immer wiederholt das Bild einer solchen Erziehungsanstalt in einer Familie, wie der Eampe'schen, in der die Zöglinge so wißbegierig waren und so verständig fragten, Eltern und Hausfreunde so gern und so schön belehrten und alle Mittel der Belehrung bei der Hand waren. Mir erschien dies jugendliche Leben so ganz anders, als das meinige! Ich hatte keine Vorstellung eines solchen höheren Daseins gehabt und ward nun erst inne, wie viel mir fehlte, welch eine edle Form das Familienleben, wie der Unterricht, gewinnen könne. Es war ein Blitzstrahl, der in eine dunkle Uacht fiel, aber sein Schein blendete nicht, er erleuchtete und hat mein ganzes Leben durchleuchtet. Ich konnte mich gar nicht von dem Buche trennen, und ehe ich es ausgelesen hatte, jammerte ich schon, daß ich das Ende erreichen würde. Es kam, und es war mir, als sollte ich nun von allen den mir so lieb gewordenen Personen und Gestalten scheiden. Das konnte ich nicht über das Herz bringen - ich fing sofort von vorn an. Der Beiz des Neuen war zwar dahin, aber nicht die Freude an allem Schönen und Guten, und diese ist mehr wert, als der flüchtige Neiz der Neuheit. Erfreuen wir uns doch am Dufte der Nose in jedem wiederkehrenden Jahre. Elfmal habe ich so das Buch hintereinander durchgelesen, ohne eine Silbe zu überspringen, und ich konnte es beinahe auswendig. Nicht ich hatte mich der darin enthaltenen Lebensregeln und Maximen, sondern sie hatten sich meiner bemächtigt - alle Erklärungen waren mir geläufig, alle Szenen gegenwärtig ; ich hatte aus jedem Worte Saft gesogen. Bußer der Bibel hatte kein Buch auf mich so mächtig gewirkt, keines mich so wesentlich gefördert und meinen Ideenkreis erweitert.
Nun ging ich auch, weil mir kein anderes Buch zu Gebote stand, an den mir von meinem Gheim früher ge-, schenkten „Kurzen Inbegriff aller Wissenschaften". Es war eine Brt kleiner Encpklopädie in Fragen und Bntworten. Zu meiner Verwunderung verstand ich das Buch fast ganz und las es mit hohem Interesse. Ich bekam dadurch erst eine Uebersicht von den Hauptgegenständen des Wissens für den Menschen - ich sah, mit wie vielem der Geist zu beschäftigen war, wie ungemein wenig ich davon wußte, und brannte vor Begierde, mehr davon zu erfahren. Bchtmal wurde das Buch hintereinander durchgelesen, ohne die Repetitionen einzelner Bbschnitte zu rechnen- dann kam der Robinson wieder an die Reihe. Diese beiden Bücher Haben auf die Richtung meines Geistes den wesentlichsten Einfluß geübt. Ich gewann zlugleich die Ueberzeugung, daß es weit besser sei, zwei Bücher stationär und oft wiederholt zu lesen, als zehn flüchtig und oberflächlich, daß überhaupt der wert eines Buches für


