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Gottes, auch auf dem europäischen Festlands für die Zonn- tagsschulsache zu werben. Er kam nach Deutschland, und es gelang ihm in Heidelberg, den deutschen Kaufmann Bröckel- mann zu begeistern. Mit diesem zusammen reiste er während der Jahre 1863—64 durch Deutschland und hielt überall Versammlungen ab, in denen er von der Notwendigkeit der Einrichtung von Zonntagsschulen sprach. Er kam auch nach Gießen, und es gelang ihm hier, einige Damen für seine Bestrebungen zu gewinnen. 3n der damals noch benutzten Hospitalkirche im Zeltersweg wurde „Zonntagsschule" gehalten. Es beteiligten sich daran die beiden Töchter des Superintendenten 5imon, Fräulein Uhrich und einige andere. Leider hatte die Zache keinen Bestand. Zie stieß auf den widerstand des Volkes, wie hauptsächlich der Lehrerschaft, die es beanstandeten, daß pädagogisch nicht gebildete Damen als Ke- ligionslehrerinnen auftraten. HIs ihr Wortführer veröffent- lichte vor allem der tüchtige und ehrenwerte Lehrer Philipp Jung scharfe Artikel gegen diesen Unfug im ,,Gießener Anzeiger". Die damaligen Pfarrer wagten nicht, für die Zache einzutreten. Zo wichen die verlassenen Damen zurück. Kur eine derselben konnte die Zache nicht aufgeben und sammelte die Kinder jeden Zonntag in ihrer Wohnung, wo sie mit ihnen sang und ihnen in schlichter weise vom Heiland erzählte. Leider wurde auch sie gezwungen, ihre Hrbeit aufzugeben, öa der haß des Volkes über dieses „Muckertum" zu groß war.
5o stand die Ungelegenheit, als Pfarrer Zchlosser als junger Geistlicher im Jahre 1873 nach Gießen kam. Bröckel- mann besuchte ihn oft und drängte darauf, er solle eine Zonn- tagsschule ins Leben rufen. „Zo warm ich mich dafür interessierte," schreibt hierzu Herr Geh. Kirchenrat v. Zchlosser, „so hielt ich es doch nicht für richtig, eine solche einschneidende Neuerung zu beginnen, so lange ich nicht in Gießen fest angestellt war, und nachdem das im Jahre 1877 erfolgt war, drängten sich mir zunächst so viele andere Kufgaben auf, daß ich nicht dazu kam. Erst als im Jahre 1882 Pfarrer Dingel- dey als Pfarrer der neubegründeten 3. Pfarrei einrückte, waren Kaum und Zeit dafür geschaffen. Inzwischen hatten sich auch meine Gedanken über diese Einrichtung geklärt. Zum großen Kummer des Herrn Bröckelmann hatte ich mich innerlich immer mehr davon überzeugt, daß die in England aus dem Mangel einer allgemeinen Volksschule erwachsene Zonntagsschule in Deutschland mit seinen guten Volksschulen und ihrem Keligionsunterricht keinerlei Berechtigung habe, während allerdings die Einrichtung besonderer Gottesdienste für Kinder einem wirklichen Bedürfnisse entspräche. Daraus erwuchs mir der Entschluß, aus diesen Kindergottesdiensten alles fern zu halten, was an schulmäßigen Betrieb erinnerte, unter anderem jegliche systematische Kontrolle des Besuches häusliche Kufgaben, Kuszeichnungen u. dergl., und ihnen durchaus den gottesdienstlichen Charakter zu wahren. Kuch die Kusgabe der Helfer und Helferinnen, um das gleich vorweg zu nehmen, sollte sich danach bestimmen. Nicht Lehrer M Lehrerinnen sollten sie sein, nicht Gehilfen oder gar Konkurrenten der Zchule, sondern Gehilfen des Elternhauses. Vater- und Mutteramt sollten sie üben, wenn sie die Kinder lehrten. Dabei sollte jeder nach seiner Eigenart frei walten. Einfach erzählen sollte der dürfen, der daran Lust habe, predigen und ermahnen, der, dem das mehr lag, katechisieren, wer dazu Geschick hatte. Für diese Gedanken gewann ich die Kollegen, und sie willigten ein, die „Kinderkirche" neu zu beginnen, wobei sie allerdings wünschten, daß ich sie ganz übernähme. Der Käme „Kinderkirche" anstatt des steifen „Kindergottesdienst" war mir aus einer Erzählung Kocholls in seinem „Ehristophorus" erwachsen. Darin schildert er so
anmutig, wie Kinder in der Lüneburger Heide sich ein Kreuz machen und davor Kinderkirche halten."
Die Kinderkirche begann am 11. Februar 1883 mit tausend Kindern, 8 Helfern und 26 Helferinnen. Pfarrer Zchlosser fährt fort: „Klles war wohl vorbereitet, im „Kn- zeiger" war dafür geworben, und "nun öffneten wir 'um 11 Uhr die Kirchentüren unserer alten Ztadtkirche, voller Erwartung, war werden würde, und siehe, es strömten von allen Zeiten aus allen Gassen die Kinder, Buben und Mädchen, kleine und große, meist in Trüpplein und Häuflein. Das Zchiff der Kirche füllte sich bald bis zum letzten Platz. Ls war keine kleine Kufgabe, Ordnung und Ztille in dies Getümmel zu bringen. Uber es gelang. Eine ziemlich große 5char von Helfern und Helferinnen stand bereit. Die Helfer waren zumeist Ztudenten. Kn ihnen hat es in den ersten 10 Jahren nie-, gefehlt. Unter den Helferinnen waren in der ersten Zeit immer viele gereiftere Persönlichkeiten, u. a. die beiden Schwestern Zimon, von denen die jüngere, die jetzt noch in Bielefeld lebende „Tante Kgnes" auch den Gr- ganistendienst übernahm. Denn zunächst war die Kinderkirche dem Kirchenvorstand gegenüber noch ein durchaus privates Unternehmen. Die Kirche war wohl dafür bewilligt worden, aber Mittel wurden nicht dafür hergegeben, und ohne Vergütung konnte natürlich auch der Organist nicht in Knspruch genommen werden. „Tante Kgnes" hatte ihren Platz deshalb unter der Orgel, zu der damals noch die Treppe direkt von dem Zchiff herauf führte. Es war ein recht beschwerlicher Dienst, immer von ihren Knaben zur Orgel und von da wieder herunter. Zie hat ihn aber mit großer Freude und viel Humor geführt. Etwas dünn war freilich ihre Grgelbeglei- tung, da sie das Pedal nicht spielen konnte, aber es ging doch und es half, auch bei jenem ersten Gottesdienst alsbald Kühe und gottesdienstliche Stimmung zu schaffen, was an Mitteln nötig war, lieferte zunächst Herr Bröckelmann durch wiederholte Beiträge. Davon waren zunächst Gesangbücher bescha,ft worden, damals das „Leipziger Kindergesangbuch", an dessen Stelle später das viel reichhaltigere „Deutsche Kindergesangbuch" trat. Kuch wurde von den Damen manches gesammelt, vor allem für die Weihnachtsfeier, bei der von Knfang an jedes Kind ein Büchlein geschenkt bekam. Kls nach dem Tode des Organisten Schmidt Herr Görlach das Grganistenamt übernahm, wurde es erreicht, daß ihm das Orgelspiel in der Kinderkirche einfach als Dienstverpflichtung zugewiesen wurde, womit die Knerkennung der Kinderkirche als einer festen Gemeindeeinrichtung glücklich vollzogen war." (Fortsetzung folgt.)
Bilder aur dem hessischen vorfleben.
von K. L — NN.
(Fortsetzung.)
3n meiner Kindheit wurden alle verstorbenen noch nach dem Friedhofe getragen, ein Leichenwagen wurde erst viel später auf Gemeindekosten angeschafft. Dieses Ereignis interessierte einen kleinen Jungen aus meinem Bekanntenkreise so sehr, daß er zu seiner Mutter sagte: „Nicht wahr, Mutter, wenn du stirbst und auf den Friedhof gefahren wirst, dann darf ich neben dem Fuhrmann auf dem Bocke sitzen. 3n der früheren Zeit wurden die Särge nicht auf Bahren, sondern an henken, die rechts und links befestigt waren, hinausgetragen. Es war alte Sitte, daß die Kach- barsleute den Toten nach seiner letzten Behausung trugen. Damit die Träger unterwegs einmal ausruhen konnten, trugen zwei Knaben, von denen der eine vor dem Zarge, der


