Wichen, Sonntag Iudika, den 25. März 1917. 6. Jahrgang.
ttriegswucher.
Brief des Apostels Paulus an Timotheus 6,9. Die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichter und schädlicher Lüste, welche versenken die Menschen ins verderben und Verdammnis.
Cs geht ein böser Geist durch unser Land, es gibt etwas, das legt sich, gleich wie Nachtfrost sich auf die Maienblüte legt, auf die Seele unseres schwer kämpfenden, unerhörte Opfer bringenden Volkes. Vas ist der schändliche Kriegs- wucher, der jetzt getrieben wird. Unzählige deutsche Männer liegen seit Jahr und Tag im Schützengraben, marschieren über das Bergland Numäniens und durch, die weite, sandige Ebene Rußlands, fahren auf den Tauchbooten durch das Weltmeer, schirmen die Heimat mit starkem Rrm, lassen den Feind nicht durch. Verweil geht zu Hause das Geschäft zurück, der Betrieb wird lahmgelegt, es fehlt jede Unstellungsmöglichkeit, Frauen, Rinder und alte Leute müssen den Ucker bauen, das ersparte Kapital wird langsam verzehrt, während solche, in der Geschichte nie erhörte Opfer gebracht werden, benützen in der Heimat viele die Gelegenheit, um sich Rechte zu erobern, die sie früher nicht hatten, ihren Besitzstand zu befestigen und, was das verhängnisvollste ist, sich die Taschen zu füllen. Man wird dem ehrlich arbeitenden und ringenden Geschäftsmanne seinen Gewinn gönnen und wird es doch zugleich auf das äußerste verurteilen, daß jetzt mit schlechten Mitteln die Preise künstlich Hochgetrieben werden, so daß dadurch eine Teuerung entsteht, die viele zum Varben zwingt und der Verarmung preisgibt. So viele wissen jetzt nicht, wohin sie mit ihrem Gelde sollen; in Großstädten soll immer noch Luxus getrieben werden, große Summen gibt man dort für Schmucksachen und andere Nichtigkeiten aus, und so viele schauen bekümmert in die Zukunft, von der sie nur wissen, daß sie ihnen schwere Nahrungssorgen bringen wird.
Ver Kriegswucher eröffnet uns höchst unerfreuliche Rus- sichten. Nach dem Kriege wird es eine Menge von Leuten geben, die gewissermaßen über Nacht reich geworden sind. Draußen auf den Schauplätzen des Kampfes Grab an Grab, in der Heimat Kriegsverletzte auf weg und Steg, trauernde Witwen und vaterlose Kinder in den Häusern, und die durch den Kriegswucher Reichgewordenen wohnen in eleganten Häusern, umgeben sich mit allen Rnnehmlichkeiten des Lebens. Vas wollten wir ihnen gern gönnen. Rber sie werden
durch ihr Geld auch Einfluß auf das öffentliche Leben gewinnen. Vas ist einmal so: Geld regiert die Welt. Es werden die, die durch Kriegsgewinn reich geworden sind, in die kommunalen und staatlichen Körperschaften gewählt werden, sie werden - eine Ironie des Schicksals ! — in den vereinen eine Rolle spielen, die sich dem volkswohle widmen, und werden fleißigen Familienvätern, ehrlich arbeitenden und bescheidenen Menschen Vorschriften machen. Zum Tonangeben wird ihnen aber das beste fehlen: die Bildung des Geistes und des Herzens, vor allem die Gottesfurcht. Ich las dieser Tage die Erzählung „Vie Poggenpuhls" von Theodor Fontane. Da schildert der gereifte Seelenkenner das Leben einer Gffiziers- witwe mit ihren drei Töchtern. Der Vater ist bei Gravelotte gefallen, er hat sein Leben auch dafür hingegeben, daß viele im neuerstarkten deutschen Vaterland gewinnbringende Geschäfte treiben können, seine Hinterbliebenen schlagen sich junter großen Entbehrungen durch, seine Kinder müssen auf alle Lebensfreuden verzichten.
wir zweifeln nicht daran, daß unsere Regierenden tun, was sie können, um dem Kriegswucher zu Leibe zu gehen. Diesem schleichenden Uebel gegenüber versagt jedoch alle äußere Gewalt, von innen her muß die Besserung kommen. Gewinn, der auf unredliche Rrt zusammengebracht wird, verleiht kein wahres Glück. Paulus sagt, daß die, die da reich werden wollen, in Versuchung und Stricke und viel törichter Und schädlicher Lüste fallen, und daß Habgier in das verderben 'und die Verdammnis führt. Unter der Verdammnis versteht der Rpostel hier die ewige Verdammnis, und im Briefe an die Epheser sagt er: ,,Das sollt ihr wissen, daß ckein Geiziger, welcher ist ein Götzendiener, Erbe hat in dem Reiche Ehristi und Gottes." h. B.
Die ttinderkirche in Eichen.
von Marie Gisevius.
Hmll. Februar feierte die Kinderkirche in Gießen ihren Geburtstag. Seit 34 Jahren erfreuen sich die Kinder unserer Stadt des für sie eingerichteten Gottesdienstes, vie Rnregung zu diesem Gottesdienste liegt allerdings noch um einige Jahre zurück. In Rmerika und England waren schon seit dem Jahr 1780 die sogenannten „Sonntagsschulen" eingerichtet worden. Da fühlte der Rmerikaner Woodruff die Forderung


