Nr. 11. Bietzen, Sonntag Lätare, den 18. März 1917. 6. Jahrgang.
Zriedenssehnsucht.
Ieremia 6, 14 Sie sagen Friede, Friede, und isl doch nicht Friede.
Es gibt wohl,, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, unter uns kein Herz, das nicht von dem Wunsche, ja der Zehnsucht nach Frieden erfüllt wäre. Buch die Behauptung wird richtig sein, daß der Inhalt der meisten Gebete, die in dieser Zeit getan werden, der Hauptsache nach die Bitte um Frieden ist. Sie rankt sich um alle sonstigen Anliegen, die Christenherzen dem himmlischen Vater vortragen, herum.
Mit der durch die Nöte des Krieges in unserm Ehristen- volke eingetretenen höheren Wertschätzung des Gebets überhaupt hat auch das Vaterunser im großen und ganzen eine bessere Würdigung gefunoen. Diese letztere Feststellung führt nun von selbst zu der Frage, welche Anhaltspunkte das Gebet des Herrn der durch die Nriegsnote bewegten Zeele , bietet, ihrer Bedrängnis Ableitung zu verschaffen. Cs wird manchen überraschen, wenn er gewahr wird, daß diese Anhaltspunkte sehr dürftig sind. Die einzige Bitte des Vaterunsers, die einigermaßen mit dem Kriege in unmittelbare Verbindung gebracht werden kann, ist die letzte: Zandern erlöse uns von dem Uebel. Wer auf diesen Zachverhalt einmal aufmerksam geworden ist, den kann sogar ein Gefühl der Verwunderung darüber beschleichen, daß der Heiland nicht einmal die Bitte um Frieden für wichtig genug gefunden hat, in das Thristengebet ausgenommen zu werden.
Ist der Friede nicht mindestens ein ebenso hohes Gut wie das tägliche Brot? Zo wird mancher fragen. Wir können bei der Erörterung der Erwägungen, die der Heiland angestellt haben mag, und die ihn zur Bevorzugung des täglichen Brotes vor dem Frieden führten, nur Vermutungen anstellen. vielleicht trifft die folgende Annahme das richtige: Der Heiland hielt es nicht für angebracht, die Menschen zur Bitte um die Gewährung des Friedens durch Gott anzuhalten, weil er eingesehen hat, daß der Friede eine Zache ist, deren Bestehen sehr wohl durch die Menschen allein ohne Zutun Gottes gewahrt werden könnte. Das tägliche Brot z. B. wird dem Menschen nur zuteil, wenn neben seiner Arbeit auch die von ihm unabhängigen Größen, wie Wind und Wetter, den nötigen günstigen Verlauf nehmen. Von dem Frieden aber muß gesagt werden, daß über seiner Er
haltung tatsächlich das Belieben der Menschen das entscheidende ist. Wenn sich alle Menschen das Wort gäben, alles an die Erhaltung des Friedens setzen zu wollen, dann ist nicht ersichtlich, welche Macht der Welt sie an der Durchführung dieser Bbsicht hindern könnte. Bls diejenige Bitte des Vaterunsers, an die wir den Busdruck unserer Friedenssehnsucht anschließen können, kommt neben der letzten auch demnach die fünfte in Betracht: vergib uns unsre Zchuld.
Buch wenn dieser Urieg zu seinem Ende gelangt sein sollte, wird der dann erreichte Friede auf keinen stärkeren Füßen stehen, als der bisherige, wenn nicht die Zinne der Menschen selbst eine gründliche Benderung erfahren. Solange dies aber nicht der Fall ist, wird auch das Wort des Ieremia seine bleibende Bedeutung erhalten: Zie sagen Friede, Friede, und ist doch kein Friede. U. G.
-4-Lrinnerungen eines alten Mannes.
von Generalarzt a. D. Dr. Otto Uappesser in Darmstadt.
29. 's Hannarems und 's hannuwers.
Nach zwei Zeiten uns schräg gegenüber wohnten obengenannte, alteingesessene Grtseinwohner, nach links hin Hannarems (Johann Bdam), von deren tragischem Zchicksal ich schon früher (Dorftragödien 2) berichtet habe, nach rechts hin aber am Eck der Uirchgasse in einem der ansehnlichsten Gehöfte, dessen stattliches Wohnhaus mit seinen überhöhten Giebelzinnen ein fast feudales Bnsehen hatte und wo auf dem Fachwerk des Oberstocks in meiner Knabenzeit noch merkwürdige Zprüche zu lesen waren, die leider später übertüncht wurden, hausten hannuwers (Hannes Hubert). Ich h-abe sie nie anders nennen Horen und weiß auch daher nicht, wie ihr Geschlechtsname war. hieß doch auch unser uns direkt gegenüber wohnender Nachbar stets nur der Ehurfürst, und sein Zohn des Ehorfürste Dicker.
Diese hannuwer, Vater und Zohn, zwei hagere, eckige Gestalten von langsamen Bewegungen, gehörten zu jenen absonderlichen Gestalten, wie man sie hier und da in ländlichen Gemeinschaften noch findet, gleich einer in das gleichmäßige Gefüge des Gesteins eingesprengten Bder, und einer meiner Freunde behauptete, sie erinnerten ihn an gewisse Zpezies


