Nr. 10. Gießen, Sonntag Okuli, den 11. März 1917. 6. Jahrgang
Line Passionspredigt in Stein.
Evangelium des Johannes 10, 15. Der gute Ejirte läßt sein Leben für
die Schafe.
Km pfingstdienstaM^des Jahres 1914 schritt ich den wiesberg hinan, der sich im westlichen Teile der Provinz Rheinhessen, gleich weit von den Städten Alzey und Bingen entfernt, erhebt. Ts hatte in der Nacht zuvor geregnet, alles prangte in Frische und sommerlicher Pracht. Noch war Friede im Lande, und niemand ahnte, daß zwei Monate später ein so furchtbarer Sturm losbrechen werde. Landleute, die um die Mittagszeit nach Hause gingen, boten mir freundlichen Gruß,' an Kleeäckern, dann an Weinbergen vorüber führte mein weg mich aufwärts.
Sch habe lange Zeit gebraucht, um den Gipfel des Ber- ges, der nur 265 Meter hoch ist, zu erreichen,' denn am Rande des Feldweges, den ich ging, stehen die Leidenstationen Christi, Reliefbilder, in Stein geformt. Sie sind ganz neu, erst im Jahre 1915 an die Stelle der alten Bilder getreten. Sch weiß nicht, wer der Bildhauer ist, der sie geschaffen hat, aber ich weiß, nachdem ich sein Werk gesehen habe, daß er ein Künstler ist,' denn selten habe ich von den großen, alten Meistern abgesehen das Leiden Christi so lebenswahr, so ergreifend dargestellt gefunden ais an diesem rheinhessischen Bergwege. Unzweifelhaft ist der Schöpfer dieser Bilder auch ein frommer Mann, ein Mann, der zu seinem Heiland in innerer Beziehung steht,' denn, wer das Größte, das sich je in der Weltgeschichte zugetragen hat, wer den Leidenskampf des Erlösers den Menschen in solcher Form nahebringt und dabei so viel Seele in sein Werk legi, der ist von dem, der für uns am Kreuze starb, innerlich berührt.
wo der weg aus der Ebene aufzusteigen beginnt, steht die erste Station: Jesus wird zum Tode verurteilt. Vas Antlitz des Heilandes ist von seltener Schönheit und Hoheit. Gefühllose Menschen binden ihm die Hände, die sich so oft segnend ausgebreitet haben. Sm Hintergründe erscheint der Hohepriester, Pilatus läßt sich Wasser bringen und will die Schuld abwaschen, die die Jahrhunderte nicht von seiner Seele gewälzt haben. So eigenartig sind die Gesichtszüge der beiden, daß wir Porträts lebender Menschen vermuten, hundert Schritte weiter ist dargestellt, wie Jesus das Kreuz auf sich nimmt, um es nach Golgatha zu bringen. Auf dem dritten
Bild: sinkt er zum ersten Male unter der Last nieder,' menschliche Sünde spiegelt sich in dem Angesicht der Kriegsknechte, die ebenfalls so lebenswahr aufgefaßt sind, daß man zur Annahme kommt, der Künstler habe sich in einer Gesellschaft von Menschen mit wüsten Leidenschaften seine Modelle ausgesucht. Dann begegnet dem Herrn seine Mutter. Rührend ist der Ausdruck im Antlitze der Maria. Beben ihr schaut ein Kind im lockigen haar mit unschuldsvollem Blick zu dem großen Kinderfreunde auf. wieder wandelt sich das Bild, und Simon von Tprene trägt dem Herrn das Kreuz. Der Künstler hat diese Szene gewissermaßen in deutsches Land verlegt, Simon erscheint als ein ernster, älterer Mann, ein hündlein bellt zu ihm auf. Dem, der zum Tod: geführt wird, eilt ein Kind nach, es kommt gerade vom Spielen; denn es trägt sein Schippchen noch in der Hand. Sn all seiner Todesnot segnet Jesus dieses Kind. Lerchen sangen, Bienen summten über mich hin, als ich vor diesem Bilde stand.
von dieser Stelle an steigt der Bergweg steiler auf. Di: Kecker bleiben zurück, und die Rebstöcke, an pfähle geheftet, erscheinen in schnurgeraden Zeilen. Veronika reicht dem Leidenden das Schweißtuch, sie ist auf die Knie gesunken, fromm, innig, liebevoll. Daneben steht der wilde Mensch-, der den Strick in seinen Händen hält, den man dem Herrn der Herrlichkeit um den Leib gebunden hat. Tief greift dieses Bild in die Seele, mir fiel, als ich es betrachtete, die Stelle aus dem passionsliede des Johann Heermann ein. wo die Bede ist von der „Marter Zentnerlast", die der Heiland getragen hat. Vas siebente Bild zeigt, wie Jesus zum zweitenmal zusammensinkt, mißbilligend schauen die Pharisäer darein.
Immer steiler ging es in die höhe, und die Sonne begann zu stechen. Da sah ich, wie der Herr zu den weinenden Frauen Jerusalems spricht. Zum drittenmal sinkt er nieder. Dann berauben ihn die Kriegsknechte seiner Kleider, einer von ihnen betrachtet mit habgierigen Blicken den Mantel. Grausig ist das elfte Bild. Sn halb liegender Stellung wird Jesus an das Kreuz geheftet, man sieht den erhobenen Hammer, der auf den Nagel niederfällt, und glaubt den hammerschlag zu hören. Endlich das letzte Bild malt uns di: Stell: der Leidensgeschichte vor Kugen, wo es heißt: „Er neigte das Haupt und verschied". Zwei weitere Bilder schildern di: Kreuzabnahme und die Grablegung.


