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Morgens früh und abends spät ging die Post durch das Dorf. Mancher postknecht so sagte man damals, als für großstädtische Dienstboten noch nicht der Nusdruck „Hausangestellte" erfunden war verstand es, das Posthorn zu blasen. Durch die engen Gassen polterte der wagen, und der Klang des Posthorns, den die Dichter Lenau und Wilhelm Müller so schon besungen und den Franz Schubert so schön in einem bekannten Liede zur Geltung gebracht hat, drang hinein in die Häuser. Die Nebenbahnen, die man heute überall hat, haben diese Nomantik der alten Zeit verdrängt. Wohl geht heute noch durch meinen Geburtsort der Postwagen, aber der postknecht oder Postillon, wie man auch sagte, hat längst den Titel „Landbriefträger" bekommen, und ein Posthorn hat er nicht mehr.
Ich entsinne mich eines aufregenden Vorfalles, der mit dem Postwagen zusammenhängt. Tines Morgens im Sommer war ein jüdischer Geschäftsmann aus einem Nachbarorte ab- aereist. um seine kranke Frau in eine Irrenanstalt zu bringen. Die Frau war anfänglich ganz ruhig und ging willig mit, als sie aber in meinem Heimatorte angelangt war, sprang sie aus dem Postwagen, würgte den Mann, der ihr nachsprang und laut um Hilfe rief, am halse und lief vor den Ort, wo auf einem Schuttplatze ein großer Holunderstrauch stand, in den sie kroch. Dort fing sie an, ihre Kleider zu zerreißen. Schließlich wurde sie gebunden und auf einem Leiterwagen weiterbefordert. Ich sehe heute noch das Gesicht der armen, jammernden und mit Stricken gebundenen Frau, wie sie auf dem wagen weggeschafft wurde. Sie soll übrigens später ihre Gesundheit wieder erlangt haben.
Besonders kalt war der Winter 1879/80, oft stieg die Kälte bis zu 20 Grad N. Ich hatte damals jeden Tag zu meiner Schule, einer privatschule, einen weg von ungefähr 3 1 , Kilometer zurückzulegen. Morgens um 7 Uhr, oft wenn es noch ganz dunkel war, trat ich den weg an und kam nachmittags wieder zurück. Es war keine Kleinigkeit für einen kleinen Jungen, über den festgefrorenen Loden und durch den stürmenden Nordost oder durch den tiefen Schnee der Schule zuzuwandern. Der Eintritt in die heiligen Hallen der klassischen Bildung ist mir wahrlich nicht leicht geworden, aber geschadet haben mir diese Wege nicht. Sie haben, wie man heute in gespreizten! Tone sagen würde, zu meiner körperlichen „Ertüchtigung" beigetragen.
Die Höhepunkte im winterleben des Dorfes waren Weihnachten und Neujahr. Schon in der Ndventszeit gingen der Pelznickel (Nikolaus) und das Thristkind umher und brachten den Kindern Gaben: Nüsse, Nepfel und Lebkuchen. Es waren größere Kinder, die einem alten Brauche folgend, in dieser Verkleidung einhergingen. Ich erinnere mich noch sehr- gut, daß ich mit scheuer Nndacht eines Ubends von dem Thristkind meine Gabe in Empfang nahm, dann pfiff mein Vater eine Tanzweise, und Pelznickel und Thristkind tanzten durch das Zimmer. Dieses Tanzen war wohl unsprünglich im Programm nicht vorgesehen. Später artete der schöne, alte Brauch aus. Knaben, die den Familien entstammten, die nichts zu verschenken hatten, spielten in sehr primitiver Verkleidung die Nolle des Pelznickels und des Ehristkindes, und anstatt den Kindern etwas zu schenken, heischten sie selber Gaben von den Familien, die sie besuchten, hatten sie ihren Nundgang beendet, so trieben sie auf den Straßen allerhand Flegeleien, rauften miteinander, klopften den Leuten, die schon zu Bett gegangen waren, an den Fensterladen, und der polizeidiener, der sangeslustige, freundliche Mann, hatte seine Not, sie von der Straße zu verscheuchen.
Weihnachten ging man zu den Paten, um das übliche Geschenk in Empfang zu nehmen. Es gab ein neues Taschentuch, in das allerhand Bilder eingewebt waren, und in das Taschentuch war, wie das auch in Gießen üblich war, Zucker zeug eingebunden. Lebkuchen, Nepfel und Nüsse waren eine Extragabe, hatte jemand seine Paten auswärts, so wartete er mit Spannung die Post ab. Die brachte die Geschenke, die in der Negel in eine Zigarrenkiste gepackt waren. Zu unterst lag der übliche Lebkuchen, in dem ein Geldstück, entweder ein Taler oder ein Fünfmarkstück steckte, oben lagen die Waffeln und Zuckerplätzchen, die meist so durcheinander gerüttelt waren, daß sie sich völlig zerbröckelt hatten. Zu Neujahr gab es eine große Puppe, das war ein Gebäck, das die Figur einer Puppe hatte. Ein Gebäck von ähnlicher Form brachten die Kinder in früherer Zeit zu Gießen am Martinstag ihrem Lehrer, man nannte dieses Gebäck die „Märtes- männer". (Fortsetzung folgt.)
Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
(Fortsetzung.)
In Friedland waren einige Juden ansässig, welche das ganze Jahr mit einem Bündel unbedeutender waren von Grt zu Grt weit umher handelten und nur zu diesen beiden Festen in Friedland anwesend waren. Das Leben solcher „pündeljuden", wie sie gewöhnlich genannt wurden, die sich meistens über ihrem Bündel noch mit einem kleinen Kessel schleppten, in welchem sie die Speisen bereitetn, um sie koscher zu haben, war ein Leben voll der größten Entbehrungen mit allen möglichen Plagen von Hunger, Durst, Hitze und Kälte, von Müdigkeit, Krankheit, Ungeziefer, Verhöhnung und wegwerfender Behandlung, und dessen ungeachtet suchten sie die schweren Vorschriften ihrer Nabbiner genau zu erfüllen. Dazu gehörte in den meisten Fällen eine Stärke des Tharakters, die Bewunderung erregen mußte. Daß viele von ihnen Taugenichtse waren, konnte nicht befremden. Zu verwundern war es, daß es nicht alle wurden.
Uls wir uns in dem neuen Wohnorte eingerichtet hatten, dachte mein Vater darauf, mich wieder in eine Schule zu bringen; hier aber trat eine große Verlegenheit ein. Ueber die Stadtschule lauteten die Nachrichten sehr ungünstig und niederschlagend. Sie wurde von dem Kantor Schuster gehalten, einem alten Manne, der ziemlich alle Tage betrunken war. Es herrschte der Sage nach weder Zucht noch Ordnung in der Schule, und es wurde eigentlich nichts gelernt. Etwas besser sollte die privatschule sein, welche der zweite Prediger hielt und welche nur eine kleine Zahl von Schülern beiderlei Geschlechts zählte. In diese brachte mich endlich mein Vater.
Der zweite Prediger oder Diakonuz, namens Meerkatz, hieß gewöhnlich „der Kapellan", oder wie man es aussprach „Kaplan" und wurde auch so tituliert. Er war Frühprediger in der Stadt und Pfarrer in der eine Meile entfernten Filiale, dem Dorfe und Nittergute wordell. Er war ein hochbejahrter kleiner dicker Mann mit einem Hängebauche, sehr schwerem kahlen Kopfe, dicker Habichtsnase und weit herabhängender Unterlippe. Das stark markierte Gesicht hatte einige grünliche Flecke. Meerkatz' Stelle war außerordentlich dürftig dotiert und reichte kaum hin, ihn und seine Familie zu sättigen. Eben deshalb suchte er sich durch die Schule einen kleinen Nebenverdienst zu schaffen, der jedoch sehr unbedeutend blieb.
Die Schule bestand aus etwa 18 Knaben und Mädchen, wir saßen zu beiden Seiten ein.'? langen Tisches auf Bänken ohne Lehnen. Der Kaplan hatte keinen Tische sondern ging


