Ausgabe 
4.3.1917
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Das ist tiefernste evangelische Frömmigkeit, Frömmigkeit von der Art, wie sie der Graf Zinzendorf in sich getragen und weiter verbreitet hat, die Frömmigkeit, die in Thristi stell­vertretendem Leiden Festigkeit in den Stürmen des Lebens und Duhe angesichts der Schrecken des Todes findet.

Tinen Spruch, der auf einem Grabe als Psalm 33, 18 bezeichnet ist, habe ich an der angegebenen Stelle wie über­haupt in meinen Dibelausgaben nicht finden können, er lautet:

Diele Drangsale kommen über den Gerechten, aber der Herr errettet aus allen."

Der Gerechte ist in der Bibel, vorab im Alten Testamente, stets der Fromme, sicherlich in dieser Fassung ein Trost­wort ohnegleichen. Aus dem Umstande, daß ich das Mort in den mir zugänglichen Dibelausgaben nicht finde, schließe ich, daß hier eine Uebersetzung zugrunde liegt, wie sie Glieder kleiner, von den großen Kirchen losgelöster Ge­meinschaften, kurzSekten" genannt, benützen. Tiner der­artigen Gemeinschaft scheint der Tote angehört zu haben.

Tief endlich prägt sich auf diesem Friedhofe das Wort eines unbekannten Dichters ein:

Flüchtig rinnt der Uhrensand Und reißt uns fort ins dunkle Land,

3m ewgen Kreislauf der Natur Bist du, o Mensch, ein Sandkorn nur."

Der, der unter dem Steine schläft, und der, der ihm den Stein gesetzt hat, sie waren anscheinend Menschen von freierer Geistesrichtuung. vielleicht stand ihnen die Naturwissenschaft oder die Kunst an der Stelle, wo andern die Neligion steht, aber dieses Wort in seiner knappen Prägung, in seiner eindrucksvollen Schilderung menschlicher Vergänglichkeit, ist ein demütiges und ernstes Wort und stimmt ganz zu dem Orte, wo es zu lesen ist. - -

habe ich die Stadt der Toten durchwandert, so schaue ich gern noch eine Weile über den Zaun oder die Mauer nach dem Sommerland, das sich jenseits ausbreitet, nach den Felbern, von denen der Uuf des Ackersmannes erklingt, nach den mit Neben bepflanzten, sanft aufsteigenden höhen, und da ist es mir, als stünden alle fünf, deren Grabsteine mir zu denken gegeben haben, vor mir: die Frau aus altem Adel, mit ihrem Glauben an Gott, Tugend und Unsterb­lichkeit der rheinische Soldat, der, als er noch lebte, in den herrlichen Domen seiner Heimat und vor den Kruzifixen am Wegrande betete der evangelische Thrist mit seiner herben, strengen, triumphierenden Frömmigkeit der nachdenk­liche, sinnierende Sektierer und der Mann der Neuzeit, der es verlernt hatte, seine Erbauung in den Kirchen zu suchen. Wenn diese fünf, die ich im Leben nie gekannt habe, von deren Leben ich nur weiß, was mir der Grabstein berichtet, so am Friedhofszaune mit mir nach den Feldern sehen, so muß ich an die große Schjar derer denken, die nach der Schilderuung der Offenbarung Johannis niemand zählen kann, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl Gottes stehend und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und Palmen in ihren Händen. Ts fällt mir dabei auch ein, daß das christliche Glaubensbekenntnis von einer heiligen, christlichen Kirche" spricht, der alle an­gehören, die hienieden zu Gott in verschiedenen Formen beten, droben aber in seinem Deiche völlig miteinander vereinigt sind. h. 8.

Bilder aus dem hessischen Vorsieben.

von A. L NN.

(Fortsetzung.)

Das also war die soziale Zusammensetzung meiner Hei­matgemeinde. Was das Winterleben betrifft, so ftanden für uns Kinder die Wintervergnügungen im Vordergründe des Interesses. Vergnügungen dieser Art gab es nicht allzu viele, es waren nur zwei: Schleifen und Schleifkastenfahren. Schlittschuhe kauften damals auf dem Lande die Litern ihren Kindern noch nicht, man begnügte sich damit, auf den Schlei­fen, die sich auf den Gassen gebildet hatten, pfeilschnell da­hinzufliegen. Jeden Abend wurde Wasser auf die Schleifen geschüttet, damit sie am nächsten Morgen eine spiegelblanke Fläche bildeten, vor allem lief man zum Schuhmacher und ließ sich die Schuhsohlen mit einer Menge von Nägeln be­schlagen. Die hauptschleise lief am Nande eines Daches ent­lang, der an dieser Stelle von keinem Geländer eingefaßt, dessen Nett aber mit Sandsteinen ausgemauert war. Ich wun­dere mich noch heute, daß die Grtsobrigkeit das duldete,' denn wie leicht konnte man direkt in den Dach hineinfliegen. Zwar ertrunken wäre darin niemand; denn das Wasser stand in normalen Zeiten kaum drei Finger hoch darin, aber Knochenbrüche und schlimme Deulen hätte man sich bei dem Zusammenprall mit den scharfen Kantsteinen holen können. Cs ist mir übrigens kein Fall bekannt, daß ein Unfall vor­gekommen ist. Duben und Mädchen flogen in bunter Deihe auf dem glatten Eise dahin, die verwegensten und gewandtesten an der Spitze. In den Abendstunden vergnügte sich die er­wachsene Jugend auf der Schleife. Ts ist mir erzählt worden, als Ende Januar 1871 die Kunde kam, daß Paris kapituliert habe, da habe man dieses Fest gebührend auf der Schleife gefeiert. Das war wenigstens ein billiges Vergnügen.

Schleifkasten nannten wir unsere kleinen Handschlitten, vor dem Dorfe lag eine mäßige Anhöhe, die für unseren Dodelsport", wie man heute sagen würde, trefflich geeignet war. Unten floß allerdings der Dach, und es bedurfte ziem­licher Geschicklichkeit, um nicht mitten in das kalte Wasser hineinzusausen-. Unser Juchhe bei diesem Vergnügen war groß, aber sobald die Feierabendglocke läutete, war es aus mit demLustgebrause", wir wußten, daß uns von der Schule und vom Tlternhause eingeschärft worden war, daß wir mit Einbruch der Nacht nach Hause zu gehen hatten. Während das Geläute über die verschneiten Dächer und Felder dahin­ging, zogen wir heimwärts.

Der Fuhrwerksverkehr war in jener Gegend, die ohne Eisenbahn war, selbstverständlich viel stärker als in der un­mittelbaren Nähe der Städte, an denen die Schienenstränge vorüberlaufen, hin und her gingen auch im Winter die schweren Fuhrwerke, und die Schlittengespanne klingelten durch das Land. Meine Eltern bewohnten damals ein Haus, das am Ende des Dorfes an einer Stelle gelegen war, wo fünf Straßen zusammenlaufen. Da kam es oft vor, daß die Fuhrleute, namentlich bei Schneegestöber und in dunkler Dacht, den Weg nicht wußten, da klopften sie mit dem Peitschenstiel an den Fensterladen, und der Vater stand auf, um ihnen die Dichtung zu bezeichnen. Wir Kinder fuhren dabei allemale erschreckt aus dem Schlafe. Diese Erlebnisse haben mir gezeigt, wie es den Menschen im Kriege zu Mute sein mag, an deren Haustür oder Fensterladen nachts Kolben­schläge donnern, damit ein Mann aus dem Hause aufsteht, um feindlichen Soldaten den Weg zu zeigen.