Ausgabe 
4.3.1917
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Äonntagsgrusz

Gemeinöeblatt smöie evangelisch

Kircben gemeinde

Gieszerr

Nr. 9. Gießen, Sonntag Reminiszere, den 4. März 1917. 6. Jahrgang.

Line Zriedhofswanderung.

Offenbarung Johannis 7, 9. Darnach sah ich, und siehe, eine große Schar, welche niemand zählen konnte, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl flehend und vor dem Lamm, angetan mit weißen Uleidern und Palmen in ihren Händen.

5o oft ich die Stabt besuche, in der ich als Schüler die bedeutungsvolle Zeit vom 12. bis zum 19. £ebensjaf)re zu­gebracht habe, versäume ich nicht, auch auf den Friedhof zu gehen. Zum erstenmal habe ich ihn betreten, als einer meiner Mitschüler, einige Jahre älter als ich, zu Grabe gebracht wurde. Cs war eine schöne, hoffentlich noch heute bestehende Sitte, daß die Schüler des Gymnasiums jeden Morgen vor Beginn des Unterrichts zu einer Undacht zusammenkamen. Unter hamoniumbegleitung wurde ein Lied gesungen, und unsere Lehrer wechselten miteinander mit der Verlesung eines Ubschnittes aus der Bibel ab. Diese Undacht gab dem Tag seine weihe, stärkte das Gemeinschaftsgefühl und ist eine meiner liebsten Jugenderinnerungen. Jeden Montag hielt der greise, weißhaarige Direktor die Undacht, und einerlei, ob Sommer oder Winter, er ließ immer das alte Lied des Ni­kolaus Decius singenG Lamm Gottes, unschuldig". Dieses machtvolle, ergreifende Lied, das uns anmutet wie die große Holzschnittpassion Ulbrecht Dürers, muß tief in der Seele unseres alten Lehrers gelebt haben. Damals aber, als unser Freund gestorben war, ließ er nicht das passionslied, sondern den Sterbechoralwer weiß, wie nahe mir mein Ende" an- stimmen. was er dabei für einen Bibelabschnitt verlesen hat, weiß ich nicht mehr, ich weiß aber noch, daß seine Worte UNS tief in die Seele drangen, wir waren gekommen, wie Knaben zu kommen pflegen, laut und unruhig, aber wir gingen ganz still nach unseren Klassenzimmern, viele wischten die Tränen, und am nächsten Tage standen wir still am offenen Grabe. Den Tod, den wir jetzt tausendfältig um uns sehen, haben viele von uns damals zum erstenmale gesehen, doch ohne seinen Crnst zu begreifen.

Der Friedhof, an den ich hier denke, liegt westwärts von der Stadt an einer alten Landstraße, vor 30 Jahren waren die Häuser von dem Grt, da die Toten ruhen, noch eine ziem­liche Strecke entfernt, heute sind Stadt und Friedhof einander sehr nahe gerückt, und Kinderstimmen und Urbeitsgeräusch dringen bis zu den Tannen, die über den Gräbern stehen und, wenn der Wind erwacht ist, leise rauschen.

von den vielen Grabinschriften sind mir einige besonders bemerkenswert. Unweit des mittleren Eingangs steht das Wausoleum einer Familie, die in der Stadt einst großen Be­sitz hatte, jetzt aber dort nicht mehr existiert. Ein künstlerisch ausgeführtes Belief zeigt eine sterbende Mutter mit ihrem neugeborenen Kinde,' die Inschrift lautet:

hier ruht Johanna Freifrau von Recum, geb. von Gemmingen, starb den 12. Dezember 1821,

30 Jahre alt, gebärend (Dtto, den holden Erst­ling, ihr Ebenbild, Trost des trauernden Gatten, hier Jugend, Liebe und Treue, dort noch Schutzgeist uns beiden."

Dieser Grabstein spiegelt ganz die Zeit wieder, in der er hergerichtet wurde, es war die Zeit des Vernunftglaubens in Deutschland, ein Glaube, den wir, auch wenn wir anders denken, doch nicht verachten wollen,' denn, mögen uns seine Ueußerungen auch vielfach als rührselig Vorkommen, in den Menschen jener fernen Tage waren sie echt und lief, und das darf nicht vergessen werden, daß diese Richtung des religiösen Lebens ihren Anhängern ein mächtiger Untrieb war, einen reinen, unsträflichen Wandel zu führen.

Un der Stelle, wo der Bretterzaun den Grt der Toten von den Uckerfluren scheidet, steht die Germania, die den palmzweig in den Händen trägt. Sie wendet sich nach den Gräbern der im Jahre 1870/71 dort in den Lazaretten verstorbenen deutschen Krieger. Gleich in der ersten Reihe liegt ein Bonner Student, auf seinem Denkstein stehen die Worte:

Wanderer, bete für mich, liegst du dereinst im Grabe, beten andere für dich!"

Offenbar war der für das Vaterland gefallene Jüngling Katholik; denn frommer Brauch der Katholiken ist es, zum Gebete für das heil der abgeschiedenen Seelen aufzufordern. Man braucht dieser Gepflogenheit nicht zu folgen und wird doch die Bitte, die man dem Toten in den Mund gelegt hat, rührend finden.

Uuch einige Grabsteine, die der neueren Zeit ent­stammen, tragen charakteristische Inschriften. Uuf einem schlichten Steine las ich:

Ueberwunden durch das Lamm."