Nr. 8. Gießen, Sonntag Invokavit, den 25. Februar 1917. 6. Jahrgang.
was ist dein Lebensziel?
1. Brief des Apostels Paulus an die Uorinther 9, 24. wisset ihr nicht,
daß die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber einer
erlanget das Kleinob? Laufet nun also, daß ihr es ergreifet.
vor Zwei Jahren bin ich mit einem verwandten durch ein kleines Brbeiterdorf der wetterau gewandert. Ls war im Bugust, und ich schaute meine Lust an den Häuschen, welche sich rechts und links in langer Reihe die Dorfstratze hinabzogen. Ls waren nicht etwa stattliche Bauernhäuser mit ausgedehntem Hofraum, sondern lauter kleine Brbeiterhäus- chen. Hber jede hauswand war mit einem wohlgepflegten Bprikosenstock bepflanzt. Bus dem dunkelgrünen, dichten Laub drängten sich die gelblich-roten Aprikosen hervor. Bus manchem Fenster schaute die Hausfrau und fing mit zufriedener Miene meine bewundernden Blicke auf. Mein Begleiter erklärte mir, in den Dörfern der ganzen Umgegend sei ein Wetteifer der Hausbesitzer: Jeder wolle das schönste Haus haben. Und diese Aprikose nstöcke brächten mit ihren Früchten nicht bloß ein schönes Stück Geld ein, sondern verliehen jedem der frisch beworfenen Häuser auch eine eigenartige Zchönheit. wer vom Lande ist, der weiß, daß in unseren Dörfern in vielen Dingen ein Wetteifer herrscht, ein Wetteifer z. B. um das schönste Vieh, um die schnellste Vollendung der Ernte- arbeiten und dergleichen. Lin solcher Wetteifer ist stets gut und lobenswert, und der Bpostel Paulus stellt in unserm Zchriftwort seinen Lesern das Lhristenleben unter dem Bilde eines Wettkampfes dar. Lin solcher vergleich lag den Lhristen in Korinth besonders nahe,' denn in der Nähe dieser Stabt fanden alljährlich die berühmten Wettkämpfe statt, zu denen das Volk aus ganz Griechenland herbeiströmte.
Ls wäre auch für unser Lhristenleben von großem Vorteil, wenn einer den andern zu übertreffen suchte im Guten, im Edlen. Zur Buffassung des Lhristen lebe ns als eines Wettkampfes ist vor allem zweierlei erforderlich, nämlich eine klare Erkenntnis unseres Lebenszieles und ein entschlossenes Busharren auf den wegen, die zum Ziele der Ewigkeit führen.
vor meiner Erinnerung steht ein Handwerker, ein Mann in jungen Lebensjahren, fleißig und geschickt, aber ohne rechtes Ziel für sein Leben. Bald wollte er vom Dorfe in die Stabt ziehen' denn dort werde ein Handwerker besser bezahlt.
Dann wieder wollte er ein Bauer werden und kaufte Becker. Bber die derbe und schwere Bauernarbeit sagte ihm auf die Dauer auch nicht zu, und so kramte er wieder seinen alten plan hervor und wollte in die Ztadt. Das Familienleben und die Einigkeit der Ehegatten litt sehr darunter, und die Frau klagte gar manchmal ihr Herzeleid unter Tränen: „Mein Mann weiß nicht, was er will."
Das Ziel, nach dem wir Lhristen streben sollen, ist die Ewigkeit, das Kleinod des ewigen Lebens, „himmelan geht unsre Bahn, wir sind Gäste nur auf Erden." Bber wie vielen ist die Erde mit ihren Genüssen das letzte Ziel! Zwei Dinge sind es hauptsächlich, von denen gar viele ihr ganzes Zinnen und Trachten gefangen nehmen lassen, nämlich Reichtum und Genuß. Die Geldgier, die Profitwut ist im deutschen Volke in der Kriegszeit mächtig ins Kraut geschossen. Gewöhnlich werden diese Klagen ausgesprochen mit einem Zeitenblick auf den Bauern, der in seiner Geldgier nicht satt werden könne. Bber es ist einseitig und ungerecht dazu, wenn man die Zchuld an diesem beklagenswerten Wuchersinn ganz allein dem Bauern aufbürden will. Die Ztadt mit ihrem Geschäfts- und Verdienstgeist ist mindestens in gleicher Verdammnis.
Paulus sagt in einem anderen Briefe einmal so schön: „Geiz (b. h. Geldgier) ist eine Wurzel alles Uebels, das hat etliche gelüstet und sind vom Glauben irre gegangen." wie viele werden irre im Ztreben nach der Ewigkeit durch die Jagd nach Geld und Reichtum! wie hart und unerbittlich gegen jede Rot wird dabei oft das Herz! wie oft wird das Glück der eignen Rinder in den Ztaub getreten, nur weil der Vater ein Geizhals ist!
Geld wird oft erstrebt nur als Mittel zum Genuß. Man hat in Friedenszeiten den oberhessischen Landmann oft gescholten wegen seiner kärglichen, einfachen Lebensweise, aber jetzt im Kriege hat sich diese doch als die bessere und für das Vaterland nützlichere erwiesen. Geld und Gut, Essen und Trinken, wir können beides nicht entbehren, solange wir auf der Erde leben, aber es darf nicht unsre Zeele ausfüllen und uns nicht ablenken von dem Ziel der Ewigkeit, dem unser Leben unaufhaltsam zueilt, ob wir's wahr haben wollen oder nicht.
wer in irdischen Dingen mit anderen wetteifert, dem winken Lob, Ehre, Anerkennung und auch Vorteile, wer


