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Eigentümlichkeit des sonderbaren Fürsten war, daß er Militärmärsche komponierte. Zeine Fruchtbarkeit auf diesem Gebiete war so groß, daß er schon im Jahre 1780 er starb 1790 52 365 (!) Märsche komponiert hatte. RIs die
Wellenschläge der französischen Revolution auch nach den deutschen linksrheinischen Gebieten herüberkamen, ging die Grafschaft für Hessen verloren.
Das ist der Rahmen, in dem sich Lsselbornz Rusfüh- rungen bewegen. Der Verfasser hat mit großem Fleiße allen erreichbaren Stoff zusammengetragen. Rus Rächern, alten Zeitschriften und ungedruckten Rufzeichnungen teilt er uns mit, was über das eigenartige Leben in jener Soldatenkolo- nie geschrieben worden ist. Da er in vielen Fällen Rutobio- graphisches mitteilt, so gewinnt sein Ruch an Farbe. Reson- ders interessant sind die Schilderungen der ersten Schreckens- jahre der französischen Revolution und der daraus hervorgehenden Kriege. So gibt uns bas Ruch ein anschauliches Rild von der Kultur jener weit hinter uns liegenden Zeit. Die Rnmerkungen, die sich zumeist auf die Geschichte hessischer Familien beziehen, legen von dem staunenswerten Fleiße des Verfassers Zeugnis ab. Die Rbbildungen und der Ruchschmuck, die von Rmalie Schaedel gezeichnet sind, passen, da sie auf Originale aus der dargestellten Zeit zurückgehen, trefflich zu dem Ruche, das die Reachtung aller, die Interesse an der Geschichte unserer Heimat haben, verdient und von der Hofbuchhandlung Schlapp in Darmstadt durch alle Gieße- ner Ruchhandlungen zu beziehen ist.
Ebenfalls in das Gebiet der hessischen Heimatliteratur gehört die „Festschrift zur Hundertjahrfeier der Provinz Rheinhessen 1816 1916", die mit Unterstützung der Pro
vinz von der historischen Kommission für das Großherzogtum Hessen herausgegeben und im Verlage von J. Diemer zu Mainz erschienen ist. Drei aus Rheinhessen stammende Verfasser : Pfarrer Heinrich Rechtolsheimer in Gießen, Rrchiv- direktor Dr. Julius Reinhard Dieterich in Mainz und Kreisamtmann Kurt Strecker, zurzeit beschäftigt im Ministerium des Innern, haben sich vereinigt, um die Geschichte ihrer Heimatprovinz in den letzten 130 Jahren zu schreiben. Der Reitrag des Erstgenannten trägt den Titel „Die Provinz Rheinhessen in den beiden ersten Jahrzehnten ihres Reste- hens", Dieterich behandelt auf Grund seither noch nicht benutzter Rrchivalien das Thema „Darmstadt auf dem Wiener Kongreß und die Erwerbung Rheinhessens", und Strecker schildert an der Hand einer von ihm entworfenen und gezeichneten Karte die „Gegend zwischen Rhein, Nahe und Donnersberg im Jahre 1787". Der Verleger Hat keine Kosten gescheut, um das Ruch, das in (Quartformat 389 Seiten umfaßt und broschiert 4,50 Mk., gebunden 6 Mk. kostet, in einer vornehmen Russtattung in die Welt hinausgehen zu lassen. Rus naheliegenden Gründen können wir in unserem Gemeindeblatt kein Urteil über das Ruch abgeben; wie stark aber das Interesse für Heimatgeschichte ist, geht aus der Tatsache hervor, daß die 2100 Exemplare starke Ruflage in vier Wochen nahezu vergriffen war.
Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
«Fortsetzung.)
Lin Gegenstand besonderer Reachtung wurden für uns die zahlreichen Juden, deren Sitten, Gewohnheiten, Sprache und Religion uns ebenso neu als interessant waren. Da sie im Orte die Mehrzahl der Einwohner bildeten, so verfuhren sie sehr offen und verhehlten keine ihrer Eigentümlichkeiten.
Sie gaben sich wie sie waren. Rlle sprachen damals noch den jüdisch-deutschen Dialekt, der durch ganz Polen und noch viel weiter geht, aus einer Menge verdorbener deutscher und hebräischer Worte, sowie seltsamer Redewendungen besteht und mit einer eigenen Rrt von Singsang gesprochen wird. Cs hielt anfangs schwer, diesen Jargon zu verstehen; allmählich gewöhnten wir uns daran, und endlich konnte ich ihn so gut sprechen, wie ein Jude. Die meisten Israeliten, trugen übrigens gewöhnliche Tracht,' nur ein Teil der älteren Leute kleidete sich nach Rrt der polnischen Juden mit schwarzen Talaren, Rärenmützen oder breiten hüten. In ihrer Religion waren fast alle sehr eifrig. Dazu trug insonderheit ihre gut geregelte Gemeindeverfassung bei. Rn ihrer Spitze stand ein strenger und eifriger Rabbiner, der später Oberrabbiner in Posen wurde. Tr war im Rufe eines großen Gelehrten und eines halben heiligen. Seine kleine Gestalt, sein blasses Gesicht widersprachen der Sage nicht, Laß er wöchentlich mehrere Tage faste und auf bloßer Diele schlafe. Lr war überaus gewissenhaft in der Refolgung aller talmu- dischen Vorschriften und Gesetze, namentlich auch der durch die polnischen Rabbiner noch hinzugefügten Vorschriften ; und wer da weiß, was diese fordern und dem Menschen anmuten, der kann sich vorstellen, welch' eine furchtbare Last auf seinen Schultern lag, aber auch durch ihn zugleich der Judenschaft aufgebürdet wurde. Dennoch wurde dadurch weder die Rchtung vermindert, die man ihm zollte, noch der Gehorsam gegen seine Refehle.
Erst allmählich lernten wir die mannigfachen Gebräuche und Zeremonien kennen und verstehen, die hier üblich waren und von denen uns viele sehr befremdend erschienen. Sie vollständig zu beschreiben, würde ein eigenes Werk erfordern und ist nicht meine Rufgabe. Rur einiges will ich mitteilen, wie meine Erfahrungen es ergeben haben.
Lins der ersten Feste, das wir, wenigstens oberflächlich, kennen lernten, war das purimfest. Rekanntlich wird es zur Erinnerung des Sieges der schönen Esther über die Umtriebe des bösen haman gegen die Juden gefeiert und ist ein großes Freudenfest. Schon einige Rbende vor demselben zogen junge Leute, welche sich unter Leitung des Rabbiners zu Lehrern und Reamten für die Synagoge bildeten sogenannte Rochers, d. h. jüdische Studenten oder Seminaristen verkleidet umher, um in den Familien dramatische Szenen aus jener Geschichte darzustellen. Zu einer solchen Vorstellung waren auch wir eingeladen. Es traten sechs junge Männer ins Zimmer, von denen der eine den König Rhasverus, ein zweiter den Mardochai, ein dritter die Esther, ein vierter den haman oorstellte,' die übrigen Personen weiß ich nicht mehr zu nennen. Rhasverus war bartlos,' er hatte seinen Rock mit goldpapiernen Tressen reich verbrämt, trug einen großen goldpapiernen Stern auf der linken Rrust und auf dem Kopfe eine Rrt von Krone, deren Form verunglückt schien. Die Gewänder Mardochais wichen nur wenig vom Gewöhnlichen ab, aber er trug einen mächtig langen Rart von Werg, ein kleines rundes rotes Käpsel auf dem Kopfe und stellte einen alten Mann dar. Esther war in weiblicher Kleidung mit langer Schleppe und einem Schleier. Das Drama wurde fast ganz sitzend oorgestellt. verstanden habe ich wenig, da mir das Jüdisch-Deutsche noch zu fremd war,' es mußten aber wohl viele Witze Vorkommen, da nicht wenig gelacht wurde. Indessen mochten diese Witze ziemlich wohlfeil sein,' denn als Mardochai einmal seinen Rart der Länge nach mit der Hand strich, erregte dies bei den Judenfrauen ein so großes Gelächter, daß sie sich gar nicht wieder zufrieden geben konnten,


