Äonntagsgrusz
Gemeinöeblatt für die evangelische Kirchengemeinüe
Gieszew
Nr. 7.
Gießen, Sonntag Estomihi, den 18. Februar 1917.
6. Jahrgang.
Gott, der Herr.
Psalm 33, 8 u. 9. Alle Welt fürchte den Herrn, und vor chm scheue
sich alles, was auf dem Erdboden wohnet. Venn so er spricht,
so geschieht'? ; so er gebeut, so sleht's da.
vor diesem Kriege haben viele in unserem Volke mit hochtönenden Worten die Technik gepriesen, „wie herrlich weit haben es die Menschen doch gebracht! Sie haben Maschinen erfunden, die viele Menschenkräfte ersetzen, sie leiten elektrische Kraft in die fernsten Dörfer, überbrücken reißende Ströme, legen Schienen über hochragende Berge, den ganzen Tag klingelt das Telephon, die Automobile rattern durch die Straßen, viesenschiffe durchqueren den Ozean, schon denkt man daran, daß das vadium in absehbarer Zeit alles Brennmaterial ersetzen wird." war es ein Wunder, daß sich unter solchen Umständen in vielen vöpfen die Meinung festsetzte: Der Mensch ist zum Herrn über die Natur geworden?
Da kam der furchtbare Weltkrieg und hat uns die Kehrseite der Technik offenbart. Linsichtsvolle Menschen wußten schon vorher, daß die Technik wohl Annehmlichkeiten, Verkehrserleichterungen, Ersparung an menschlicher und tierischer Arbeitskraft, aber kein wahrhaftes Glück bringt. Im Kriege hat sich die Technik als eine entsetzliche Zerstörerin bewiesen. Mit ihren Mitteln überfliegt man die Städte und wirft die verderbenbringenden Bomben ab, mit ihren Mitteln werden die Schiffe in den Grund gebohrt, die Gasangriffe vorbereitet, die Handgranaten und Minen hergestellt, wurde nicht der Krieg von 1870/71 viel ritterlicher geführt als dieser Krieg, für den die Technik so furchtbare Waffen, besser gesagt, so furchtbare Kriegsmaschinen, geschaffen hat? Selbstverständlich bannen auch wir, wollen wir nicht zerrieben werden, auf diese Waffen nicht verzichten, aber keiner von uns wird das als einen Segen preisen, daß wir sie gebrauchen müssen.
Nun ist zu dem Kriege noch dieser strenge Winter hinzugekommen. wochenlang sind die Fensterscheiben von einer dichten Eiskruste bedeckt, Bäche und Flüsse sind erstarrt, Gas- und Wasserleitungen frieren ein, rings um die skandinavischen Inseln und Halbinseln friert das Wasser zu, unter der Einwirkung des Frostes zerspringen Bäume mit lautem Knall. Gerade in dieser Zeit ist der Kohlenmangel eingetreten. Noch nie haben wir es erlebt, daß Kirchen und Schulen aus Mangel
an Brennmaterial geschlossen werden mußten, daß die Eisenbahn in einem so weitgehenden Maße ihren Betrieb verringern mußte, daß Hunderte von Menschen wartend vor den Kohlengeschäften standen. Fast machtlos sind wir mit einem Male den Unbilden des winters preisgegeben, wo bleibt da die vielgerühmte Technik? wer bringt es da noch fertig, zu sagen, daß der Mensch der Herr über die Natur ist? Nein, Gott ist und bleibt der Herr auch über die Vatur, und die Natur ist das hat Napoleon im Jahre 1812 erfahren - viel stärker als der Mensch. Dieser Winter, der so streng ist, wie keiner mehr seit vieler Menschen Gedenken, treibt uns dazu, daß wir sagen: Alle Welt fürchte den Herrn und vor ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet. Denn so er spricht, so geschieht^,' so er gebeut, so steht's da. Und wenn die Menschen wieder ihre Ohnmacht einsehen und sich vor dem großen Gotte beugen, so werden sie auch getrieben werden, seine Gnade zu suchen und das heil anzunehmen, das er ihnen in seinem Sohne anbietet. H.B.
-V Großmut zu rechter Seit.
Lin ernstes Wort in ernster Zeit, von Generalarzt a. D. Dr. OttoKappesser in Darmstadt.
In der Bibel ist zu lesen: Alles hat seine Zeit. Das gilt besonders auch von der Großmut, wo sie ausgeübt werden soll.
1 .
Am 28. September 1796, als gerade eine französische Truppenabteilung durch das jetzt hessische Dorf Schwabenheim an der Selz marschierte, hörte man plötzlich einen Schuß. Niemand wurde davon getroffen, und bis zum heutigen Tage ist es nie ausgekommen, wer ihn abgefeuert hat. Am wahrscheinlichsten bleibt die Annahme, daß einem dieser liederlichen Sanskulotten sein Gewehr von selber losgegangen war, und er wollte es nur nicht gewesen sein. Da war aber der französisch" Gbergeneral Melac hätte er wohl heißen sollen sein Name bleibe vergessen bis zum jüngsten Tag, wo man seiner gedenken wird, der befahl, daß man alsbald das ganze Dorf mit Feuer vertilgen solle. Trotz der Fürsprache mehrerer Deputationen und der flehentlichen Bitten der Einwohner wurde das ausgeführt mit einer Gründlichkeit. daß man glauben könnte, die Nüssen bei ihrer jüngsten


