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Nr. 6. Giehen, Sonntag Sexagesimä, den 11. Februar 1917. 6. Jahrgang.
Zn ernster Stunde.
Psalm 56, 12. Kuf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was können
mir die Menschen tun?
Die vereinigten Staaten von Nordamerika brechen die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab. Das ist die folgenschwere Nachricht, die uns in den Nachmittagsstunden des 4. Februar, dieses eisig kalten Wintersonntages, übermittelt wurde. Lin Tor ist der, der sich leichten Herzens über diese Nachricht hinwegsetzt. Den richtigen Ton trifft eine große Tageszeitung, wenn sie schreibt, daß wir jetzt vor eine „entsetzliche Probe" gestellt seien, was werden wird, können wir zur Stunde, da diese Betrachtung geschrieben wird, noch nicht sagen,' wenn sie im Drucke vorliegt, wissen wir mehr. Daß eine weitere Großmacht auf die Seite unserer Gegner tritt, kann nicht so hingenommen werden, wie man einen Negenguß hinnimmt, wenn man einen Gang in das Freie machen wollte. Mag Amerikas Sand- und Seemacht noch so unvollkommen sein, die ganze Welt zum Feinde zu haben, das nimmt nur der auf die leichte Rchsel, der aus der Geschichte vergangener Tage nichts gelernt hat.
Dennoch sind wir unverzagt, wir haben die Ueberzew gung, daß die Männer, die jetzt die Geschicke unseres Volkes lenken, in der gewissenhaftesten weise jede Möglichkeit in das Buge gefaßt haben, als sie unseren Gegnern den rücksichtslosen Tauchbootkrieg ankündigten. Um des Weiterbestandes unserer Nation willen haben sie diesen Schritt getan, wir wollen dem furchtbaren England nicht unterliegen, wir wollen den Fortbestand und die würde unserer Nation sicher stellen. Das sittliche Recht ist hier auf unserer Seite, wir können nicht anders handeln, wollen wir vor Gott und unseren Nackkommen nicht der Feigheit geziehen werden. Darum machen wir uns das Wort des psalmisten zu eigen: 6uf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht,' was können mir die Menschen tun?
wir hoffen auf Gottes Beistand. Ebenso töricht wie vermessen wäre es jedoch, wenn wir jetzt sagen wollten: Gott wird und muß uns helfen. Rls in Nordamerika noch nicht der niedrige Geschäftsgeist herrschte, sondern noch Gottesfurcht die Gewalthabenden erfüllte — es war zur Zeit des Sezessions
krieges —, da wurde der Präsident Rbraham Lincoln gefragt: „Glauben Sie, daß Gott auf unserer Seite ist?" „Sch weiß es nicht," gab er zur Rntwort, „auch liegt mir viel mehr daran, zu wissen, daß wir auf Gottes Seite sind." Das gilt jetzt auch für uns. wenn wir auf Gottes Seite sind, was können uns die Menschen tun? Leider konnte man seither nicht sagen, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit sich im Kriege zu Gott gehalten hat. Neben wahrhaft Großem, das uns Bewunderung abnötigt, steht bei uns jetzt so viel Kleines und Kleinliches, wahrhaft groß ist das, was unser Heer geleistet hat und noch leistet, wahrhaft groß und christlich ist die Nrt, wie hunderttausende in Geduld und Gottergebung das schwere Leid ertragen, das ihnen der Krieg gebracht hat. Über gerade in der Heimat gibt es viele, die den furchtbaren Ernst dieser Tage verkennen und nicht wissen, daß wir jetzt in Tagen leben, die über unsere ganze Zukunft entscheiden. Immer und immer wieder drängt sich die kleinliche Eitelkeit derer hervor, die nur von dem reden, das sie für das Vaterland tun. Unser Helden Verdienst wird wirklich durch die verdunkelt, die zu Hause das Vaterland gerettet zu haben glauben. Nicht auf allen Schaubühnen herrscht der hohe Geist Goethes, Schillers, Grillparzers und Gerhart Hauptmanns. Nus Köln meldet man, daß die derbe, niedere Komik immer noch ein riesengroßes Publikum findet. Schriftsteller, die von Vertiefung nichts wissen, schreiben Romane, die die Zeitereignisse behandeln und durchs die Nrt, wie sie sich dabei von der Wirklichkeit entfernen, dazu beitragen, daß das deutsche Wesen im Ruslande gehaßt wird. Ein ungewöhnlich strenger Winter, ungenügende Kohlenversorgung, der Weltkrieg in einem überaus kritischen Stadium, eine Zeit, die von den Kämpfenden so große Opfer fordert, und im Lande redet man vom Wintersport und von den Unterhaltungsabenden verschiedener Rrt, als ob es jetzt für uns nichts wichtigeres gäbe, von einer Massenbekehrung haben wir noch nie in der Weltgeschichte etwas gehört, es war auch nicht anzunehmen, daß unser ganzes Volk sich jetzt zu Gott wenden würde, aber darauf konnten wir doch eigentlich hoffen, daß die Deutschen bei ihrer hohen Intelligenz und der Blüte ihrer Kultur den Ernst der Zeit begreifen und von diesem Verständnis aus das öffentliche Leben gestalten würden.


