I
Nr. 4. Metzen, Sonntag 4. nach Epiphanias, den 28. Januar 1917. 6. Jahrgang.
Die größte Not des Lebens.
Brief an die Galater 3,13. Christus hat uns erlöset von dem Fluch
des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns.
Der Weltkrieg hat uns in eine ganze Reihe von Nöten hineingestellt, die den meisten von uns vordem fast nur dem Namen nach bekannt waren. Nachdem der Zehnbund in schmählichster Weise die dargebotene Friedenshand des Vierbundes zurückgestoßen hat, werden unausbleiblich manche dieser Rriegsnöte sich noch steigern. Es ist eine Rllgemein- beobachtung, daß in schweren Zeiten zunächst alles Zinnen des Menschen auf Rbwehr der äußeren Nöte gerichtet ist, zur Zelbstbesinnung, zur Versenkung in die innere Not des Herzens sozusagen die Zeit fehlt. Rnders wird es zumeist erst, wenn die Zeit der Trübsal lange anhält, sich womöglich ständig steigert. Va kommt schließlich die große, schwere Frage nach dem inneren Warum alles Geschehens, die gebieterisch Rntwort heischt. Denn der Mensch ist viel zu sehr in eine wunderbare Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Dinge verflochten, als daß er das scheinbar fortgesetzt Zinn- und planlose seines äußeren und inneren Erlebens ertragen könnte. Uns will nun bedünken, als sei für unser Volk und jeden, Einzelnen die Zeit reif geworden zu dieser Zelbstprüfung, die hinabgreist bis in die Urgründe unseres Zeins und Empfindens, die Zeit, wo man über alle Linzelnöte hinweg sich auf die große Urnot des Zeins und des Ich besinnt. Und wer diese entscheidende Prüfung alsdann unerbittlich vollzieht, auf den wird doch wohl die erschütternde Davidklage wie eine Bloßlegung seines geheimsten Zeelenschadens wirken: „Meine Zünden gehen über mein Haupt, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden." — Mr wissen wohl, daß es manchen gibt, der sein Lebtag den Rusdruck „Zünde" Haßte und oft lediglich als eine Erfindung einer herrschsüchtigen Geistlichkeit betrachtete, die mit diesem Zchreckgespenst Zeelen- fang betreibe, um dadurch dauernd und bequem auf ihre geistige und materielle Rechnung zu kommen. — Merkwürdig bleibt dann nur, daß, seitdem die Erde steht, kein Volk je ohne ein ganz scharf umrissenes Schuld- und Zündenbewußtsein geblieben ist und bleibt. Daß jedes Volk — nur in der äußeren Rusgestaltung von einander unterschieden - daher zu einem unabweislichen Zühne- und Gpferbedürfnis gekommen ist, zu deren geregelter und weihevoller Befriedigung es
sich eine besondere Vertretung, die Priesterschaft oder Rirche, schuf. Denn so naiv wird doch wohl niemand sein, zu glauben, daß zuerst die Priesterschaft da war, und sich dann ihre „Zchäflein" heranzog und anlockte! Einzelne Mißbräuche aber auf diesem Gebiete, die mit der menschlichen Natur ursächlich Zusammenhängen, stehen auf einem andern Brett! Zie können höchstens aus einer so allgemeinmenschlichen und so tiefgreifenden inneren Zeelennot um der Zünde willen erklärt werden, daß mancher fromme Betrug möglich war. Die Zünde selbst bleibt um deswillen doch die eigentliche und sogar alleinige innere Rot der Menschheit als Ganzes und jedes Einzelnen. — Was angesichts dessen die Erscheinung des Weltheilands, Jahrhunderte vorher schon mehr oder weniger klar von der nach Erlösung seufzenden Menschheit erhofft und erwartet, besagen will, was das wunderbar geheimnisvolle und doch von der inneren Herzensstimme als so wahr und beseligend vernehmbare Pauluswort offenbart: „Ehristus hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns", dafür kann vielleicht keine Zeit mehr und eindringlicher als die jetzige Phase des Weltkriegs das Ghr des inneren Verständnisses öffnen. Es ist wahrlich tausendmal mehr als bloß fromme Phrase, wenn treueste Freunde des Volkes immer ernster darauf Hinweisen, daß von der inneren Ztellung des deutschen Volkes und jedes Einzelnen zur Zünde unmittelbar auch der äußere Verlauf dieses welterschütternden Rrieges abhängt. Denn Gott läßt sich nicht spotten!
Der Morgenstern.
Jeder, der in diesen kurzen Tagen Gelegenheit hat, am frühen Morgen einen Blick hinaus zu tun in die dunkle Natur, wird überrascht sein, mitunter am Firmament einen einzigen Ztern zu sehen, so groß, so hell und strahlend, daß er wie ein kostbarer Edelstein auf dunkler Fläche erscheint.
Es ist der Morgenstern!
Dadurch, daß die anderen Zterne die Dunkelheit mit ihrem Licht nicht zu durchdringen vermögen und er allein uns sichtbar ist, hat dieses einsame, wunderbar strahlend Gestirn etwas überwältigend Eindrucksvolles für den stillen Beschauer.


