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viele Gefangene einbrachten und die Borger um drei Uhr Nachmittags die Thore wieder besetzten, wo wir nun sehr wenig Kaiserliche hier hatten. Bis den 27. April 1797 jagten sie die Kaiserlichen wieder fort, und die Franzosen kamen den Nachmittag wieder nach Gießen, wo ich gleich einen Unteroffizier und 4 Gemeine bekam. Die 4 Gemeine habe 14 Tage behalten, hernach habe 2 Mann bekommen, die habe ich 8 Wochen gehabt, und von da habe ich einen Mann, wo ich bald nicht wußte, wo ich es all her bekommen sollte, was es mich an Essen und Trinken kostet.
Den 22. September 1797 Haben sie ihr Neujahr gefeiert, auf der Har6t haben sie einen Altar gebaut von Nasen, in der Mitte zwischen Vetzberg, im (Quadrat 40 Schuh rund herum, mit 8 Staffeln in der Mitte das Altar, auf beiden Seiten ein Pfosten mit einer Nauchflasche, in der Mitte das Nltar mit 4 Fahnen, standen Kanonen; alles, was zum Krieg gehört, war auf dem Altar zu sehen. Zweitausend Mann Kavallerie und Infanterie waren beisammen, wo General Sult (Soult) eine Nede hielt, und die Kanonen wurden während der Nede oft gelöst, weil zu der Zeit auch der General hose(?) in Wetzlar gestorben war, so machten sie am Fuße der Hardt ein falsches Grab und machten eine Prozession dahin und mußte ein jeder Kavallerist wie auch Infanterist über das Grab schießen und hernach zwei Gewehrsalven. Abends um 5 Uhr haben 200 Offiziere im großen Saal auf den Hlag (Anlagen?) gespeist, wo auch einige von der unserigen Munizipalität (Gemeinderat) mitgespeist haben.
1798, den 18. und 19. Dezember ist das Hauptquartier von hier gegangen, den 29. Expeditionsgeneral Gaget und Divisionsgeneral Bernadotte und Kommissär Bursuwa (Bourgeois?), wo ich noch ein (unleserlich, bezeichnet wohl eine Einquartierung) hatte, und das 8. Dragonerregiment nach Gießen kam, wo ich einen Mann bekommen habe, aber wir Borger haben die Tore besetzt den 19. Dezember zum erstenmal. Den 20. Dezember morgens um 729 Uhr ist das Dragonerregiment wieder fort nach Köln, und die Stadt hat keine Einquartierung mehr als die drei hauptkranke, welche in unserem Hospital liegen.
1798 Sonntag, den 16. Dezember hat General Bernadotte von den Studenten eine Fackelmusik bekommen und der (unleserlich) Musik von den Borger.
Den 7. Januarp 1799 habe ich mit Herrn Nompf gelbe Dragoner zur Einquartierung bekommen, wo ich ihnen das Nachtlager und einen Tag zu essen und Herr Nompf zwei Tage zu essen. Den 16. Januarp um 9 Uhr morgens sind sie fort und von der Zeit kein gehabt.
1806 den 13. März haben wir wieder französische Einquartierung gehabt bis den 27. April 1806, wo sie von den Königlich Kaiserlichen kamen und zu uns als Freunde. Wir haben ohne Entgelt Essen und Trinken und Nachtquartier geben müssen und die Stadt an Unkosten Futter vor die Pferde und Botenlohn, Offiziere hinwegzufahren und Pferde zu transportieren, auf achttausend Gulden gekostet hat.
(Schluß folgt.)
Das kirchliche und religiös sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Gießen im Jahre M5.
(Fortsetzung.)
Gehen wir nun über zu den kirchlichen Handlungen der Taufe, der Konfirmation, der Trauung und der Totenbestattung !
Getauft wurden im gangen nur 1416 Kinder (1739).*) Taufverweigerungen kamen nicht vor. Konfirmiert wurden 1216 (1182) Kinder - darunter 19 (23) aus Mischehen. Konfirmationsentziehungen werden nicht gemeldet. Unter dem Einfluß des Krieges fanden nur 215 bürgerliche Eheschließungen statt gegen je 479 in 1913 und 1914.
Die Zahl der verstorbenen Evangelischen beträgt 738 (725), wozu noch 16 (7) in den Kliniken, 21 (28) in der Prov.-Siechenanstalt und 43 in der heil- und Pflegeanstalt verstorben zu zählen sind. Diese letztgenannten 80 Personen und außerdem noch 731 (675) wurden kirchlich beerdigt,- andere 30 (40) nach Herkommen ohne Mitwirkung des Geistlichen.
Zur erläuternden Vergleichung für alle diese Zahlen sei noch bemerkt, daß das Dekanat 61 034 (60 935) Seelen zählt, von der evang. Landeskirche getrennt sind 122 (101) Altlutheraner, 18 (72) „Apostolische" und 78 Methodisten, Baptisten und Darbysten, zusammen 218 (340) Personen.
Ueber Sektiererei ist im allgemeinen nicht zu klagen, obwohl besonders die Neu-Apostolischen und die Adventisten die seelische Erschütterung für sich auszunutzen suchen, die der Krieg über viele gebracht hat.
6. Bauwesen, Kirchen- und pfarrvermögen
An den Gebäuden ist in Gießen „alles in bester Ordnung". (Es wäre zu wünschen, daß manche Landgemeinde sich Gießen in dieser Beziehung zum Vorbild nähme. Doch konnten an einigen Orten die vorgesehenen Herstellungen aus Ursache des Leutemangels nicht ausgeführt werden. Gründlich erneuert war vor der Wiederbesetzung der Stelle das Pfarrhaus zu Leihgestern.
Das Kapitalvermögen der Gesamtgemeinde Gießen ward durch zwei Schenkungen bereichert. Line Frau Hering in Nordamerika schenkte 500 Mk. zum Besten der Hinterbliebenen von im Kriege gefallenen Angehörigen des Gießener Negi- ments. Zu Ehren des scheidenden Geh. Kirchenrats D. Schlosser wurden der Kirche 3000 Mk. geschenkt, die in erster Linie Witwen und Kindern von Gefallenen zu gute kommen sollen. In Lang-Göns wurden 2OO Mk. zu gleichem Zwecke an die Kirchenkasse geschenkt. (Fortsetzung folgt.)
Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
(Fortsetzung.)
Im herbste war Jahrmarkt, für den Grt wie für mich ein Tag von hoher Wichtigkeit. Die Schule fiel aus. viele polnische Bauern waren zu Markte gekommen, knieten trotz des Schmutzes nieder und küßten den vorüberschreitenden Cdelleuten, die oft nicht besser aussahen als sie selbst und kaum acht auf sie gaben, den Nockzipfel. Mein Vater hatte mir einen Bleistift gekauft. L§ war der erste, den ich jemals erhielt - denn im Schreibebuche hatte ich meine Linien bis dahin mit einer Stricknadel gezogen. Ich empfand über dies Geschenk eine so unmäßige Freude, wie ich sie selten im Leben wieder gefühlt habe. Meinen Bleistift nahm ich mit zu Bett und tat die ganze Nacht kein Auge zu.
Nichts zog mich so sehr an, als Bilder, an denen der Ort wie an Büchern jedoch sehr arm war. Nichts schien mir schöner zu sein, als Bilder zu machen, und meiner Meinung nach gehörte dazu nichts, als ein Bleistift und Farben. Allein ich kam bald dahinter, daß dies doch nicht ausreiche- nur wußte ich nicht, was mir noch fehle? Meine Figuren genügten
*) Die in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1914.


