Aus dem Leben eines Giehener Bürgers um dar Zahr, 800 .
(Fortsetzung.)
Dick Menschen hoffen, wenn sie älter werden, daß sie nach den Jahren anstrengender Rrbeit und schweren Ringens noch ruhige und glückliche Tage erleben, daß auf den unruhigen Werktag des Lebens noch ein schöner Sonntag folgt. Sehr oft kommt es indessen anders. Leid und Trübsal stellen sich im vorgerückten Rlter ein, und von glücklicher Rlters- ruhe ist nichts zu spüren. So ging es auch mit Rohlermann. wir Haben im Geiste gesehen, wie er bei vielen frohen Tauffesten in der eigenen Familie und im Kreije verwandter und befreundeter Familien zugegen war, wie seine Rinder heranwuchsen, wie er zu einem eigenen Hause kam, nun sollen wir ihn auch noch durch schwere Jahre hindurchbegleiten. Leid in der Familie und Dermögensverluste bezeichnen seinen ferneren Lebensweg,- auch unter der Schickung, die jetzt auf uns ruht, hatte er zu leiden, unter den Röten des Rrieges. Zwar noch kurz, bevor das 18. Jahrhundert, in dem er geboren war, in das Grab sank, schon im Rlter von 48 Jahren hatte er die Freude, daß er Großvater wurde, hierüber schreibt er: „1799, den 4. Oktober ist meine Tochter, die Ruchbinder Friedrich S. mit einem Mädchen niederkommen und den 6. Oktober getauft worden. Die Taufzeugen (er schreibt: Taufzeien) sind gewesen ich, ihr vatter, ihre Schwiegermutter Ruchbinder h. Ehefrau, der Presbyter S., sein Onkel, und Frau Schuhmacher Dietz, des Lberhard Dietz Ehefrau und ihm den Ramen geben Helena Eleonora Lowisa. Gott gebe ihm Glück und Segen!" Die Freude des Großvaters dauerte nicht lange, schon am 27. Rovember des genannten Jahres mußte er von dem Enkelkind schreiben: „es ist an einem starken Fluß gestorben." Ruch das zweite Enkelkind, die kleine Johannetta Elisabetha Luise ist, wie oben mitgeteilt ist, früh verstorben, es ist nur sieben Monate alt geworden.
vom Sterben ist auch weiter in dem Ruche zu lesen, wir lesen: „Rnno 1748 den 13. Rpril ist mein Rruder Ronrad Jakob geboren, den 27. Mai 1793 ist er an einer sehr heftigen, hitzigen Rrankheit gestorben Rbends um 7 Uhr und den 29. Mai 1793 morgens um 6 Rhr von den Rorger und Unteroffizier hinausgetragen worden. Gott habe ihn selig!" hier überrascht uns die ungewöhnlich frühe Stunde des Regräb- nisses. Es war übrigens bis zum Jahre 1875 und wohl noch darüber hinaus üblich, daß an Wochentagen die Reerdigungen zu früher Morgenstunde, etwa um 9 Uhr stattfanden.
3m Jahre 1812 verlor Rohlermann nach 36jähriger Ehe seine Gattin, sie ist 63 Jahre alt geworden. Er schreibt: „Samstag den 5. September 1812 ist meine Frau hart mit einer Lungenentzündung krank worden und ist Sonntag, den 13. September Mittags nach 11 Uhr gestorben und ist den 15. Mittags um 3 Uhr begraben worden. Gott gebe ihr die ewige Ruhe!"
Rtit der Ehegattin scheint auch das Glück von dem Gießener Rürger, dessen Rufzeichnungen wir hier folgen, Rbschied genommen zu haben. Der Mann, der sich sein Leben lang anscheinend geplagt hat, macht am Ende seines 62. Lebensjahres folgende Rufzeichnung: „Mittwochen, den 6. Januar 1813 habe ich auf dem Rergen Ralatz (Rirchen- platz) mein Wohnhaus müssen verlassen, wo ich als Lehrjung und als Gesell und sechsunddreißig Jahre mit meiner selig verstorbenen Frau darin gelebt habe, Summa im Ganzen vertzig zwep Jahre, nun lebe ich, wie oben steht, seit dem
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6. Januar ins Rempfs Haus auf dem Mark, und das habe ich meinem schönen Schwiegersohn zu danken, ist Herr Ruchbinder S., welcher schuld."
Rus dieser Rngabe scheint hervorzugehen, daß der „schöne" Schwiegersohn ein leichtsinniger Mensch war, der den Schwiegervater so weit gebracht hat, daß er sein Haus veräußern und in Miete ziehen mußte. Man fühlt so recht, wie der Schmerz des treuen und frommen Mannes durch diese kurze, vielsagende Rotiz hindurchzittert. Rus dem Hause, das ihm von seiner Rindheit an vertraut war, in dem er gute und böse Tage verlebt, zuletzt noch die Gattin hatte sterben sehen, mußte er scheiden und eine Mietwohnung beziehen, was sicher den Stolz des Gießener „Rorgers" kränkte, vermutlich hat er seine letzten Lebensjahre in gedrückter Lage zugebracht, bemitleidet von verwandten und Freunden.
wir deuteten schon an, daß Rohlermann auch über kriegerische Ereignisse Rufzeichnungen hinterlassen hat. von 1796 bis 1799 hatte Gießen unter den Franzosen zu leiden. Diese kämpften in wechselnden Rriegszügen in unserer Gegend mit den Gesterreichern und brachten am 11. und 16. September 1796 durch eine Reschießung vom hardtberge her die Stadt in große Gefahr. Reber diese Jahre teilt uns unser Gewährsmann folgendes mit:
„Gießen den 8 ten Juli 1796, morgens früh um 6 Rhr sind die Franzosen nach Gießen gekommen, wo ich nachts um 11 Uhr 11 Mann bekommen habe bis morgens um 3 Uhr wo ich ales mußte geben, was sie essen und trinken wollten, nur keinen wein, den habe ich bittweise abgewandt, erst Raffee, Fleisch, Gemüs, Suppe, Rutter, Räs, Rier, Rranntwein und noch so viel auf den weg, ist uns aber sonst kein Leid widerfahren. Die eine Rächt kommt mich über 8 Gulden. Ris auf den 11. September habe ich alle Tag nur einen Mann gehabt, auch zuletzt habe ich nur 10 Tag um 10 Tag umgewechselt.
Ren 11. September 1796 haben sie retirieren müssen, wo sie die Raiserlichen fortgejagt bis auf den Hardtberg bei Gießen, wo sie eine Stunde waren den Rachmittag um 2 Uhr, so beschossen sie die Stadt mit Rartätschenkugeln und Zwölf- pfündern bis 4 Uhr, hat aber weiter keinen Schaden getan, als in Schuhmacher Rönigs Stall hinter dem Stockhause hat eine Rugel entzündet und den Stall beinahe abgebrannt, wo sie ihre Rleider in das Heu verpackt hatten, welche auch mit verbrannt sind. Die mehrsten Rugeln flogen nach dem Stadt- thorn wo wir die große Gefahr hatten. Freitags den 16. September 1796, um 9 Uhr fing die Ranonade wieder an mit Haubitzen und Zwölfpfündern, wo ich meine Frau, Mutter und die vier Rinder in den hiesigen Schloßkeller schickte. Rachmittags mußten sie aber auf die Treppe, wo es nach dem Fruchtboden geht, wo wohl 100 Menschen waren. Sch aber mit meinen Rachbarn waren bey der Rirche gegenüber Rierwirts will Haus und hatten eine Spritze bei uns, wo wir nicht davongingen bis Rbends um 9 Uhr. habe als meiner Frau und meiner Mutter und den vier Rindern auf das Schloß zu essen und zu trinken gebracht und dann gleich wieder bei die Spritz, wo wieder die mehrste Ranonen auf dem Rirchenplatz versprungen sind auch über 100 Häuser beschädigt worden, gottlob aber kein Mensch und auch kein Vieh. Rber viele Einwohner der Stadt sind aus Gießen geflüchtet, beinahe ein viertel, so daß nur noch drei viertel in der Stadt wohnten.
3n der Rächt vom 17. September bis auf den 18. September 1796 zogen sich die Franzosen weg vom hartberg, wo ihnen die Raiserlichen auf dem Fuß nachfolgten, auch


