Gemeinöeblatt sürüie evangelische Kircbengemeinöe
Gieszew
Nr. 3. Giehen, Sonntag 3. nach Epiphanias, den 21. Januar 1917. 6. Jahrgang.
Mein Elternhaus.
Psalm 37, 37. Bleibe fromm und halte dich recht; denn solchem wird
es zuletzt wohlgehen.
Mein Elternhaus ist nicht mehr vorhanden. Zwar das Gebäude, in dem ich, von fürsorgender Liebe umschirmt, mit den Geschwistern herangewachsen bin, steht noch, genau so, wie es schon seit achtzig Jahren steht, aber es wohnen in ihm jetzt fremde Menschen, und wenn ich in die Heimat komme, so gehe ich als ein Fremder an denn Hause vorüber, das mir einst so teuer war. Nur einen kurzen Blick werfe ich auf das eiserne Tor, durch das ich so oft hindurchgeschritten, auf die hohe Steintreppe, die ich als Rnabe in der Negel mit drei Lätze hinangestürmt bin, nur einen kurzen Blick auf das letzte an der Straßenfront gelegene Fenster, hinter ihm saß an manchem Winterabend, ganz im Dunkeln der Vater, wenn er wußte, daß ich aus der Fremde nach Hause kommen werde. Cr war kein Mann von vielen Worten, er verstand es nicht, seine Gefühle in einem großen Redeschwalle wiederzugeben, aber daß er im dunklen Zimmer ganz allein saß und wartete, bis mein Schritt, den er wohl kannte, auf dem Straßenpflaster klang, das werde ich nie vergessen. Nun ruht er seit manchem Jahr auf dem Friedhof der Heimat aus von seinen Werken,- Mutter und Geschwister sind weggezogen.
Rber keine Macht der Welt kann mir das Erbteil entreißen, das mir das Elternhaus anvertraut hat. Obenan steht das Erbteil einer gottseligen Erziehung. Die Eltern gehörten nicht zu den Menschen, die beständig fromme Redensarten im Munde führten und die sogenannte „Sprache Ra- naans" redeten, aber stilles, christliches Leben erfüllte ihr Haus, demütiges Gottoertrauen ging mit ihnen auf allen ihren wegen. Ehrerbietige Scheu vor dem heiligen wurde den Rindern von frühester Jugend an eingepflanzt, Jesus wurde nie anders als mit der tiefsten Ehrerbietung genannt. Zum Besuche des Gottesdienstes wurden wir schon früh angehalten. vom Gottesdienst selbst habe ich in jener ersten Zeit nicht viel verstanden, aber es war doch so feierlich in der hoch auf einem Hügel gelegenen, ringsum von Buschwerk umgebenen Rirche, in der die schwarzgekleideten Menschen sich still bewegten. Ruch wenn ich während der predigt von der Orgelempore, auf der ich saß, durch die bunten Scheiben hinaus in das Freie sah, so war das doch keine Rblenkung meiner kindlichen Rndacht; die gelben, roten und grünen
Scheiben trugen dazu bei, die Feierstimmung in mir zu erhöhen. was man so in der empfänglichen Rindheit in sich aufnimmt, das kann nie verloren gehen. Bleibe fromm! Mit diesem Wort entließ mich das Elternhaus, ohne es auszusprechen, hinaus in das Leben.
Ruch die andere Mahnung des bekannten, herrlichen 37. psalmes: halte dich recht! geht seit meiner Rindheit Tagen mit mir. was war es, das im Jünglingsalter, wo zu leicht der wünsche Schwarm ins Freie bricht und das schlechte Beispiel ausgelassener, unbotmäßiger Rltersgenossen an allen Orten reizt und lockt, die Seele im ruhigen Gleichgewichte erhielt? wahrlich nicht die eigene Tugendhaftigkeit,- denn die stand nicht hoch im Rurse. Des Menschen selbsterworbene Tugend ist ein dürftiges, vielfach geflicktes Rleid und keinen Pfifferling wert, was die Seele bändigte und den Geist in Schranken hielt, das war der Gedanke an die Eltern. Du kannst Vater und Mutter nicht mehr unter die Rügen treten, wenn du auf schlechten wegen gegangen bist, du müßtest dich vor ihnen zu Tod schämen, wenn du ein schlechter Mensch geworden wärest. Denke daran, wie sie ihr Leben führten, schlicht und recht, in Treue und Selbstverleugnung, in Zucht und Sitte! willst du aus der Rrt schlagen? Diese Erwägungen waren es, die vor dem hinabgleiten in die Tiefe schützten.
Der Segen des Elternhauses umgibt jetzt auch die, die vor dem Feinde stehen. Daß sie den Mut und das vertrauen auf Gott nicht verlieren, daß sie auch im Feindesland Christen bleiben und unter äußeren Umständen, da sich leicht die sittlichen Begriffe verwirren, dem deutschen Namen Ehre machen, verdanken sie allermeist der Ausrüstung, die ihnen die Eltern mit auf den Lebensweg gegeben Haben. Sm Wachen und Schlafen denken sie an den heiligen Ort, wo ihre wiege stand, wo sie heranwuchsen; und ob sie über Rumäniens Berge ziehen oder im Schützengraben an der Westfront liegen, sie schauen im Geiste stets das Elternhaus, das Haus, von Reb- laub umkränzt oder vom Rpfelbaum überschattet, das Haus, über dessen Lingangstür der Vorfahre, der es gebaut hat, Namen und Jahreszahl gesetzt hat, und liebe, vertraute Stimmen flüstern ihnen zu: Mein Rind vergiß meines Gesetzes nicht und dein Herz behalte meine Gebote wohl; denn sie werden dir langes Leben, gute Jahre und Frieden bringen, Gnade und Treue werden dich nicht verlassen. R.P.


