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Dos kirchliche und religiös sittliche Leben in den Gemeinden des evangelischen Dekanates Sichen im Jahre
5. Gottesdienste und gottesdienstliche Handlungen.
was zunächst die äußere Sonntagsfeier betrifft, so wird von Keiner Seite eine von der Obrigkeit bestrafte Entheiligung gemeldet. Der Krieg und die polizeiliche Erlaubnis der Sonntagsarbeit verursachte wohl zu Zeiten eine solche in den Fabriken oder in der Landwirtschaft. Doch blieb im allgemeinen dem Sonntag die ernste Kühe gewahrt, die der schweren Zeit entsprach. Kuf die Erregung der Gemüter, die sich in den Knfängen des Krieges in lebhafterem Kirchenbesuch äußerte, folgte im Kerichtsjahr eine gewisse Entspannung. Gb der Krieg die Kirchlichkeit unseres Volkes auf die Dauer zum Kesseren oder Schlimmeren wenden wird, muß die Zukunft lehren, vom hundert der Erwachsenen besuchten jetzt 24, vom hundert der Kinder 20 die Kirche gegen 28 Erwachsene und 22 Kinder im Vorjahr, entsprechend 22 und 19 in 1913.
Das heilige Kbendmahl feierten öffentlich 15 152 <24 630 im Vorjahr) männliche und 22 559 <22587) weibliche Personen, zusammen 37 711 (47 217), also 9506 Personen weniger als im Vorjahr und 2123 weniger als 1913 <39 834). wenn angenommen werden darf, daß ein Drittel aller Männer im Kriegsdienst stand und die meisten von ihnen nicht zu Hause das hl. Kbendmahl feiern konnten, so erscheint der Kückgang der Kbendmahlszahl bei den Männern von 18 279 in 1913 auf 15 152 in 1915 nicht als ungünstig, sondern als günstig. Das Jahr 1914 bleibt bei diesem Vergleich außer Ketracht, da seine hohe Ziffer von 24 630 Männern durch die starken Kbendmahlsfeiern vor dem Kusrücken bedingt ist. häusliche Feier fand statt bei 216 <286) männlichen und 430 <460) weiblichen, insgesamt 646 <714) Personen, also 68 weniger als 1914, 85 mehr als 1913 (561). Kuf die Zahl der Konfirmierten berechnet, ergaben sich bei allen Kbendmahlsgästen <38 357 in 1915) 95,9 vom hundert gegen 119,8 in 1914 und 97,9 in 1913.
wie oft die Feier des heiligen Kbendmahls im Laufe des Jahres in den einzelnen Kirchen stattfand, läßt sich aus den meisten Kerichten der Kirchenoorstände nicht ersehen. Eine Kirche des Dekanats weist 28 öffentliche Kbendmahlsfeiern auf, davon 11 Feiern mit insgesamt 65 beurlaubten Kriegern.
Die Kbhaltung und der Kesuch der Katechismuslehre unterliegt im Dekanat großen Verschiedenheiten mit der einzigen Kusnahme, daß sie überall im Sommer stattfindet und von der weiblichen Jugend fleißiger besucht wird als von der männlichen. Während in einigen Pfarreien der besuch als sehr gut bezeichnet wird und an einem Grte noch nicht 4 % unentschuldigt« Versäumnisse vorgekommen sind, kommen aus nicht wenigen Gemeinden Klagen über Nachlässigkeit, besonders der älteren männlichen Jahrgänge. Es liegt mit in der Krt dieser jugendlichen Jahre, die vermeintliche Festigkeit und Selbständigkeit des werdenden Mannes durch Unbot- mäßigkeit beweisen zu wollen. Ls wird vielfach von der erzieherischen Weisheit der Pfarrer, aber auch von vielen andern Keeinflussungen des Gemeindelebens abhängen, wie diese Jugendgottesdienste sich gestalten. Stets aber und überall geht doch ein Segen von ihnen aus. (Fortsetzung folgt.)
Aus der Jugendzeit eines deutschen Mannes.
(Fortsetzung.)
Die innige Glaubenstiefe des 16. Jahrhunderts, die so frisch und kräftig in dem lebendigsten Kewußtsein wurzelte und voll seliger Hoffnung auf den Sieg der evangelischen Wahrheit in die Zukunft blickte und in dieser Zuversicht nicht eine bloß passive Keftiedigung, sondern einen steten Kntrieb zum weiteren fruchtbaren Kusbau des Keiches Gottes fand, die war längst verloren; die Formen waren geblieben, aber der Geist, der da lebendig machte, war entflohen. Die grünen Blätter waren verdorrt, nur die dürren Kirkenreiser der pfingstmaien übrig geblieben. Kn Stelle des lebendigen Geistes war der Kuchstabe getreten. Man hielt alles Keußere in gewohnter Form fest und wußte sich viel damit, aber das Innere war hohl und leer, vergebens hoffte man, daß der Sinn sich finden und bilden würde, wenn nur das Keußere erst vorhanden wäre; beides vermag sich immer nur mit und durch einander zu bilden, wie die Frucht und ihre Schale. Ketrachte man unsere Schule unbefangen und frage sich, ob irgend eine Geisteskraft darin geweckt, genährt und geübt wurde, außer dem Gedächtnisse? Das lebendige Wort war so gut alz verbannt- denn der Kektor sprach in einem ganzen Vormittage nicht fünfzig Worte,' ein toter Mechanismus herrschte,' die Schule ging von selber,' der Unterricht, die Kelehrung, das Verständnis, die lebendige Ueberzeugung fehlte. Daß es außer dem religiösen wissen auch noch ein anderes gäbe, davon erfuhren wir nichts, wir wußten nicht, daß es eine deutsche oder fremde Sprachlehre gab; Geschichte, außer der biblischen, Geographie, Naturgeschichte usw. waren uns bedeutungslose Worte, wenn es darauf angekommen wäre, eine Methode anzugeben, wie man eine Schule mit dem wenigsten wissen, mit den wenigsten Worten und der geringsten Mühe halten könne, so hätte man keine trefflichere ersinnen können, als die angegebene. Jeder der besseren Schüler hätte, wenn man von der Kutorität absieht, die Stelle des Kektors vertreten können. Kn manchen Tagen war es kaum nötig, ein Wort zu sprechen. Mit Kopfnicken und Winken konnte fast alles abgemacht werden. Und dennoch wurde in der Schule manches Gute gelernt und geleistet und sie stand in gutem Kufe. So viel Elastizität besitzt der Menschengeist, so sehr weiß er sich den Umständen anzubequemen und wie die Kiene Honig aus jeder Klüte zu saugen,' so viel vermag eine gute Zucht.
Mir wurde, wie erwähnt, das Lernen ungemein sauer, namentlich das Kuswendiglernen, und ein anderes kannte ich ja nicht. Ich verstand die meisten Kibelverse gar nicht, oder auch wohl falsch,' ich gewann dabei keine Vorstellung, kein Kild, sondern reihte nur Worte an Worte, deren Zusammenhang ich nicht begriff. Meine Mutter fing an, mir den Sinn zu erklären. Damit war etwas geholfen, aber viele Sprüche gingen doch über meine Fassungskraft. Geduldig sagte sie mir die Sprüche vor,' ich sprach sie nach,' da ich aber dabei nichts denken konnte, so schweifte meine Kufmerksamkkeit ab, und nur der Mund bewegte sich noch mechanisch. Keim Einmaleins verließ mich jede Vorstellung. Ich habe es nach Krt der Papageien gelernt. Meine Mutter war über eine so geringe Lernlust, eine so schwere Fassungskraft und so großen Mangel an Gedächtnis oft ganz trostlos. Mit Tränen in den Kugen fragte sie: „was soll aus dem Jungen werden ?" Ich weinte dann mit ihr, setzte alle Kräfte an und stotterte mühsam meine Lektion in der Schule her, wo ich ohnehin schon wegen meines Dialektes beständig aufgezogen und dadurch sehr eingeschüchtert wurde. Kllmählich aber fing ich an,


