Nr. 2. Gießen, Sonntag 2. nach Epiphanias, den 14. Januar 1917. 6. Jahrgang.
Den Uriegswilwen.
1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther 13, 8. Die Liebe hört
nimmer auf
Rm Anfang eines Jahres schließt der Kaufmann seine Bücher ab und überschaut sein Gewinn- und Verlustkonto, am Rnfang eines Jahres schaut jeder nachdenkliche Mensch auf das zurück, das er in der Zeit, die unmittelbar hinter ihm liegt, erlebt hat. Zeit dem I.Rugust 19t4 hat sich Gottes Pflugschar tief in die Herzen der Deutschen eingegraben, besonders in die Herzen der deutschen Frauen, deren Lebensglück in dieser Zeit vergangen ist wie das Sommergras auf der wiese.
wie war die Woche vom 26. Juli bis zum 1. Rugust des genannten Jahres so unruhevoll, so schicksalsreich ! Rls wir Sonntag, den 26. Juli, zum Gotteshause gingen, wurde uns das Extrablatt in das Haus gebracht, das das Ultimatum Österreichs an Serbien enthielt. Da fiel es uns in die Seele.' das ist der Sturmvogel, der das kommende Brausen ankündigt ! Mit klopfendem Herzen haben unzählige Ehepaare die Ereignisse dieser Woche verfolgt. Rls dann an jenem weltgeschichtlichen Samstage in später Rachmittagsstunde bis in das kleinste Dorf die Meldung lief, daß der Kaiser die Mobilmachung aller Streitkräfte zu Wasser und zu Lande befohlen hatte, da reichte manche Gattin wortlos, mit bleichem Rn- gesichte ihrem Manne die Hand oder sie lehnte sich unter Tränen an seine Schulter. Rasch wurde in den nächsten Stunden das Rotigste besprochen, wie man es tut, wenn man auf unbestimmte Zeit auseinander geht. Roch einmal legte der Ehemann der Lebensgefährtin die Kinder an das Herz, sagte ihr, wie sie alles machen und an wen sie sich halten solle, wenn er nicht mehr wiederkomme. Dann nahmen beide gemeinsam am heiligen Rbendmahl teil, und es kam die Scheidestunde. Sn jenen Erntetagen rauschte auf den Feldern die Sichel des Schnitters, lauter rauschte und dröhnte es auf den Schienen, als die endlosen Militärzüge in kurzen Rbständen nach der Grenze fuhren. Run auf einmal große Stille, kaum ein Lebenszeichen mit der Feldpost,' denn aus militärischen Gründen konnte damals nichts befördert werden. Zn jenen Rugust- und Septembertagen kamen die Unseren zum ersten Male mit dem Feinde in Berührung, was ein Mann vor der Schlacht beim heimwärtsdenken empfindet, hat vor vielen Jahren der bayerische Dichter Martin Greif ausgesprochen.
Im Tone des Volksliedes hat er gesagt: „Ruf, auf, so ruft der Morgen, du bist daheim nun auch erwacht und hast bereits an mich gedacht, ich aber ziehe in die Schlacht, mög' es der Herr besorgen! Ich weiß es, deinem Herzen gehör' ich zu für alle Zeit, und fall' ich heut im blut'gen Streit, dem Tod fürs Vaterland geweiht, du wirst mich nie verschmerzen.
Gern pflückt ich ab vom Rasen ein Blümlein dir zum fernen Gruß, das ich doch leider mit dem Fuß in seiner Lust zertreten muß, dieweil die Horner blasen."
Unterdessen vergingen zu Hause der Gattin unruhige Tage. Run war sie, auch wenn die Kinder um sie spielten und sprachen, ganz allein, seither hatte sie alles mit dem Manne besprochen, alle Freude mit ihm geteilt, gewiß aber auch alles Leid,' denn des Lebens Leid lernt der Mensch erst recht kennen, wenn er mit dem Eintritt in die Ehe erfährt, daß das eigene Geschick an das Geschick eines anderen gebunden ist. In diesen Tagen kam wohl vom Felde ein kurzer Gruß, da ging die Hoffnung hoch empor: er lebt, er ist gesund und unverwundet, hierauf ward alles still, dann aber kam ganz unerwartet vom Feldlazarett oder von der Kompanie oder von einem Kameraden die Rachricht: er ist den Heldentod für das Vaterland gestorben. Da brach der große, unendliche Jammer aus, es war, als stürze der Himmel ein. Rls sich die wilden wogen des ersten Entsetzens verlaufen hatten, blieb noch das große Leid im Herzen und ist geblieben bis auf diesen Tag.
Wir sagten: er war, als stürze der Himmel ein, aber in all dem Zusammenbrechen dieser Tage ist doch eins nicht zusammengebrochen, das ist die Gnade und Treue Gottes, das ist die Liebe und wundermacht des Heilandes. Diese Liebe hört nimmer auf, „noch steht in wunderbarem Glanze der heilige Geliebte hier." Er kam in die Welt, als es in ihr am dunkelsten war, und brachte der Menschheit Licht und Leben. Der Gottessohn verließ den Himmel und ward Mensch uns zu gute, er hat uns durch sein heiliges wirken, seine göttlichen Worte, seinen Sühnetod auf den weg des ewigen Lebens geführt. Sollte das kein Trost für die trauernde Kriegswitwen sein? Jesus hat uns gewiß gemacht, daß dem Vater im Himmel alle die leben, die unter der Erde in ihren Kammern ruhen. Im Hause des Vaters finden sich die wieder zusammen, die weit auseinander bestattet werden, die dort schlafen, wo fremde Laute über ihrem Grabe geredet werden, und


