— 4
dem Beginn des Gottesdienstes, der nicht nur Sonntags, sondern für uns Schüler auch in den Frühstunden des Donnerstags stattfand, mußten dann sämtliche Schulknaben auf dem Grgelchore in geordneten veihen versammelt sein, wenn der der Vektor kam, um neben uns die Orgel zu spielen. Wir wurden von ihm und den Kustoden scharf kontrolliert, und keiner durfte ohne gültige «Entschuldigung fehlen. Der Primus hatte bei dem letzten Derse jedes Liedes das ^pmbel- register der Grgel aufzuziehen und am Ende zu schließen zur Notiz des Predigers. Wir mußten mit Heller Stimme gemeinschaftlich mit der Grgel den Gesang der Gemeinde leiten. Ts war das Bollhagensche Gesangbuch eingeführt, eines der reichhaltigsten Liederbücher, in welchem sich eine große Menge von Liedern in eigener Melodie befand. Vllein, welche auch gewähti werden mochten, es gab wenige, die uns unbekannt waren, und einige Schüler wenigstens wußten auch diese unbekannten. wir lernten sie durch den Gebrauch nach dem Gehör singen,' denn daß es Gesangstunden und Noten in der Welt gäbe, war uns unbekannt. Noch jetzt ist die Zahl der Melodien, mit denen ich vertraut bin. eine ganz ansehnliche. Allerdings war unser Gesang kunstlos, oft nur ein Geschrei zu nennen,' allein wir machten es, so gut wir konnten, und wie oft bin ich doch dadurch erbaut und sehr erhoben worden, besonders wenn meine Lieblingslieder an den hohen festen, die Lob- und Danklieder und das ,,herr Gott, dich loben wir" gesungen wurden.
Damit waren jedoch unsere kirchlichen Funktionen noch nicht abgeschlossen. Jede lutherische Leiche wurde mit Hilfe der Schule beerdigt, und da dies stets nach Tische geschah, so fiel alsdann die Nachmittagsschule aus. vor dem Leichenhause wurden von den Schülern unter Beistand und Mithilfe des Predigers und Vektors einige Lieder gesungen. Setzte sich der Zug in Bewegung, so trat die Schule paarweise demselben voraus, und es wurde bis zum Kirchhofe gehend ein Lied gesungen, dann auf dem Kirchhofe selbst, der vor dem Tore lag, nach den liturgischen Formalien ein ganzes Lied und nach dem Segen noch ein Vers. Bei schlechtem oder kaltem Wetter, bei Glatteis auf dem hügeligen Boden war dies oft sehr beschwerlich. Ich erinnere mich aber nicht, daß irgend ein Knabe, wenn er nicht etwa krank darniederlag, davon befreit worden wäre, von einer Dispensation wegen schwacher Brust, mangelnder Stimme oder Gehörs wußte man nichts, und wer damit gekommen wäre, hätte sich den hohn der ganzen Schule zugezogen, den selbst der Vektor nicht hätte abwenden können. Ts sangen alle und zwar möglichst laut. Vuch bei Trauungen wurde häufig die Schlule gefordert, wenn man die Hochzeit feierlicher machen wollte. Die Katholiken hatten nur eine kleine Schule, die bei ihren Leichenbegängnissen als zu unvollständig erschien. Daher wurde vor- kommendenfalls von der lutherischen Schule Hilfe erbeten,
zu welchem Lnde dann zehn bis zwölf Schüler dahin abgeordnet wurden, meistens die älteren.
Wir sehen hieraus, daß die Schule mit der Kirche förmlich verwachsen war, ja daß sie eigentlich nur der letzteren wegen da war und in dieser ihre Vollendung erhielt, ganz wie in den ersten fünfzig Jahren nach der veformation. Sie erschien durchaus wie eine Schule zu Vnfang des siebzehnten Jahrhunderts, die noch das Gepräge ihres Ursprungs aus der Kirche nicht verloren hatte. Der gesamte Unterricht bezog sich auf veliaion und Kirche und gewann dadurch allerdings eine seltene Einheit. Sogar der einzige Gebrauch, den wir von der Schreibkunst machten, war der, daß wir die Kirchenlieder anschrieben. Nur das vechnen war eine fremdartige Lektion. Vber dieses Gepräge des siebzehnten Jahrhunderts trug nicht bloß die Schule, sondern die ganze Stadt in ihren Einrichtungen, in ihren Lebensbedürfnissen, ihrem Kultur- zusiande, ihrer Sprache, ihrer überaus einfachen Häuslichkeit und nicht minder in ihren Anschauungen. Wenn das Leben in alledem der veformationszeit nahe stand, so hatte es sich andererseits doch ziemlich weit von derselben entfernt.
(Fortsetzung folgt.)
kirchliche Anzeigen.
Sonntag, den 7. Januar, l. nach Epiphanias.
Kollekte für die Heidenmission.
Gottesdienst.
3n der Stadtiirche. vormittags 97* Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Vbends 5 Uhr: Pfarrer Mahr. Montag, den 8. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konsirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 9. Januar, nachmittags 4 Uhr: Frauenmissionsverein. Dienstag, den 9. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konsirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. — Mittwoch, den 10. Januar, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Schwabe.
)n der Johanneskirche. vormittags 97 2 Uhr: Pfarrer Vusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer V u s f e l d. Vbends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vbends 7*8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde. Vbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Zohannes- saal. Freitag, den 12. Januar, abends 7s6 Uhr: Vereinigung der konsirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde.
r A
nkündigu
ngen ein;
)fehlenswert»
>r Firmen }
Carl Loos
Kirchenplatz 13 Telephon 797 jjj
Manufaktur- *
und Weißwaren *
Herren- u. Knabenkleider ^
Musikslien
lusikinsimmen
rnfl Lhüllier, ißieße
öludolph's iflachf. rurnmrg U TTrfrp 1) 0 n 5
1, ßesctiw. Holberg Nach!.
Modes
.. Gießen, Plockstraße 5
'* empfehlen sich in allen in ihr
Fach schlagenden Arbeiten.
71
®. Stöver, Gießen
Seltersweg 16
Pren, Gold- u. Silberwaren Beflecke
Reparaturen in eigener Werkstatt prompt und billig
verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Bechtolsheimer, für den Anzeigenteil h. Beck; Druck und Verlag der Brühl'schen UniversUäts.
Buch- und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Giehen.


