Ausgabe 
1.9.1918
Seite
3
 
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Strafendes Gewissen.

In derBaseler Sammlung" von 1833 wird folgende Begebenheit berichtet:

Ein Mädchen aus dem Kanton Aargau hatte in ihrer Jugend eine Stelle als Kindermädchen in St. Gallen ver­sehen. In diesem Dienste hatte sie einst das Unglück, ein noch nicht jähriges Söhnchen ihrer Herrschaft während einer Unterhaltung mit einem jungen Menschen vom Arme auf die Erde fallen zu lassen, wodurch dem Kinde ein Füßchen aus dem Gelenk ging. Weil nun außer ihr im Hause niemand etwas davon wußte, so verheimlichte sie ihre Unvor­sichtigkeit; und da das Kind seitdem immer heftigere Schmerzen fühlte und deswegen auch immer heftiger zu schreien anfing, so schrieb der Arzt, der an nichts weniger als an das dachte, was mit dem Kinde geschehen war, sein Schreien dem Zahnen ,u und behanvelte es also'ganz falsch.

Die Magd, von Gewissensbissen gefoltert, hielt sich nach diesem Vorfall nicht lange mehr in St. Gallen auf, sondern ging wieder in ihre Heimat zurück. Nach einigen Jahren erkundigte sie sich bei einem St. Galler nach diesem Knaben und hörte zu ihrem großen Schrecken, daß der junge Scherrer gar>elend sei und an zwei Krücken gehen müsse. Das lag ihr nun wie zentnerschwere Last auf ihrem Herzen. Unauf­hörlich sagte sie sich selber: -Du bist allein schuld daran:

du hast das Kind so elend gemachtI« Aber bei allen Gewissensbissen, die sie empfand, konilte sie es doch nicht über sich geivinnen, sich bei den Eltern des Kindes als Urheberin dieses Unfalls anzugeben, ihre Unvorsichtigkeit einzugestehen und reuevoll um Vergebung zu bitten.

Später verheiratete sie sich und wurde Mutter. Aber jeder Blick auf ihre Kinder erinnerte sie an ihre frühere Unvorsichtigkeit und erneuerte in ihr die Vorwürfe des Gewissens, durch welche sie nach und nach in eine düstere Schwermut verfiel und aller Freudigkeit beraubt, wurde.

Viele Jahre konnte sie nicht erfahren, was aus den: jungen -Scherrer in St. Gallen geworden sei. Unterdessen verheiratete sich ihre älteste Tochter an einen Gastwirt in Othmassingen. Kanton Aargau. Die Mutter wohnte aber in Haslital. Ta nahte die Zeit, wo der Herr die Schwermut der Frau heilen und sie von den Martern ihres Gewissens befreien wollte. Gott wußte die Umstände so zu lenken, daß die Heilung für die schwermütige Mutter ganz überraschend erfolgte, was für ihre Familie und den lahmen Scherrer selbst im höchsten Grade erfreulich war.

Scherrer, damals Pfarrer zu Hundwyl, im Kanton Appenzell, und später in St. Gallen, besuchte einen Freund, den Pfarrer B., aus Bern gebürtig, dessen Frau auf etliche Wochen in ihre Vaterstadt gereist war. Während Scherrers Besuch kam nun der Tag, an welchem der Pfarrer B. nach der Verabredung seine Frau von Lenzburg wieder abholen sollte. Allein unvorhergesehene dringende Aüits- geschäfte ließen dies durchaus nicht zu. Da nun Scherrer stines Freundes große Verlegenheit sah, erbot er sich, an seiner Stelle die Reife nach Lenzburg zu machen und die Frau Pfarrerin dort abzuholen, welches Anerbieten mit Dank angenommen wurde. Pfarrer Scherrer reiste sogleich ab, um am bestimmten Tage dort einzutreffen. Ein unver­mutet eingetretenes schweres Gewitter nötigte ihn aber, in Othmassingen einzukehren und da so lange' zu verweilen, bis das Gewitter vorüber war.

Als er in das Wirtshaus trat, traf er die Wirtin, und diese ließ sich gleich in eine Unterhaltung mit ihm ein. Da sie erfuhr, daß er ein geborener St. Galler sei, sagte sie, sie müsse ihre Mutter rufen, die eben jetzt bei ihr sei. Sie sei eine sehr rechtschaffene, liebenswürdige Mutter, werde m>er zuweilen von einer tiefen Schwermut geplagt. Als Grund dieser Schwermut gebe sie immer ein unglückliches Ereignis an, das ihr in ihren jüngeren Jahren zu St. Gallen widerfahren sei. Bei diesen Worten trat die Mutter der Wirtin in das Zimmer. Sie war eine Frau von etwa da wahren, die in äußerem Wohlstand zu leben schien, auf ^

deren Angesicht aber die Spuren der tiefsten Traurigkei- ausgedrückt waren.

-Mutter,- rief ihr die Tochter sogleich zu, -da ist ein Herr von St. Gallen, der dir vielleicht Nachricht geben kann von jenem jüngen Menschen, nach dem du immer so ängstlich fragst.» Pfarrer Scherrer, begierig, etwas Näheres zu hören, drückte ihr herzlich die Hände, so daß sie sogleich Vertrauen zu ihm faßte und ihm erzählte: -Ich bin in meiner Jugend auch in St. Gallen gewesen, und mein Aufenthalt daselbst ist die Quelle meines Unglücks geworden. O hätte ich St. Gallen nie gesehen,- rief sie mit Händeringen aus, -so könnte ich froh und glücklich leben I- Es war natürlich, daß sie durch solche Äußerung die Neugierde des Herrn, dessen Namen und Stand sie noch nicht kannte, aufs höchste reizte. Er fragte sie daher, was ihr so Besonderes in St. Gallen begegnet sei. Und nun erzählte sie offen und treuherzig, sie habe dort als KindermädDn das Unglück gehabt, ans Unvorsichtigkeit ein noch nicht jähriges Kind auf den Boden fallen zu lassen. Das Kind habe sich dabei den linken Fuß verrenkt, weil sie aber das Herz nicht gehabt habe, ihre Unachtsamkeit zu bekennen, so sei das Kind, ein Knabe, ganz falsch behandelt worden; sie selbst sei bald daraus in ihre Heimat zurückgekehrt, aber es liege ihr bis jetzt zentnerschwer auf dem Herzen, daß sie die einzige Ursache von dem Elend des Kindes sei, das, wie sie vor mehreren Jahren von einem St. Galler vernommen, an zwei Krücken gehen müsse. Das habe ihr eine solche Beängstigung und Schwermut zugezogen, die ihr das Leben verbittere und von der sie wahrscheinlich zeitlebens nicht mehr werde befreit werden.

Während dies erzählte, kam dem Pfarrer Scherrer der Gedanke, ob er nicht derjenige sei, von welchem die Frau spreche. Deswegen fragte er sie nach etlichen näheren Um­ständen, z. B- nach der Zeit jenes Ereignisses, nach dem Hause, in welchem sie gedient, und nach dem Namen ihrer Herrschaft. Und siehe da, es wurde ihm zur Gewißheit, daß er selbst das Kind gewesen sei, das sie auf die Erde habe fallen lassen. Diese Entdeckung erregte Empfindungen in ihm, von denen sich nur derjenige eine Vorstellung machen kann, der jemals in einem ähnlichen Falle sich befunden hat. Schon wollte er in laute Bewunderung der Wege Gottes, die ihn auf eine so außerordentliche Weise hierherbrachten, ausbrechen. Allein er hielt noch an sich und sagte der Frau nur, sie solle sich wegen jenes Ereignisses ganz zufrieden geben und ruhig sein, er könne ihr zwar nicht von allem, was in St. Gallen ge­schehe, genaue Nachricht geben, aber soviel wisse er aus eigener Erfahrung, daß man oft lange Zeit elend sei und doch zuletzt noch alles gut werden könne. Darauf stand er auf und sagte: »Seht, liebe Frau, ich habe auch einen elenden Fuß, aber gebt acht, ob mich dies am Gehen hindert.» Nun ging er mit schnellen Schritten durch die Stube und fragte zugleich, ob sie ihn für bedauernswürdig halte?

-O. wie glücklich würde ich mich schätzen,» erwiderte die Frau, -wenn ich wüßte, daß der junge Scherrer nicht elender wäre, als Sie.«

-Nun, so tröstet Euch,» versetzte Pfarrer Scherrer, »ich kann Euch die gewisse Versicherung geben, daß der junge Scherrer nicht uvt ein Haar elender ist, als ich bin; bewun­dert vielmehr mit mir die weisen und. wunderbaren Wege Gottes, der mich so ganz unvermutet in diese Gegend und durch dieses Gewitter in dies Haus gebracht hat; denn ich selbst bin der junge Scherrer, den Ihr habt zur Erde fallen lassen. Bis in mein zehntes Jahr ging ich an zwei Krücken, aber mir ist, gottlob, wieder in­soweit geholfen, daß ich jetzt ungehindert und ohne Stütze gehen kann. Seid daher ganz ruhig. Nie Hab' ich im Bösen an Euch gedacht, und auch jetzt freut es mich ganz innig, Euch sagen zu können, daß ich recht ruhig, zufrieden und glücklich lebe und daß ich den Kummer in Eurer Seele ver­bannen kann.»

Die Verwunderung, das Erstaunen und die große Freude, welch-- die Frau nun äußerie, läßt sich nicht beschreiben. Voll inniger Empfindung warf sie sich auf die Knie, hob