Auf der Kisenöayn.
Wir waren im Zuge, zur Abfahrt bereit,
Gegenüber saß einer im feldgrauen Kleid,
Daneben ein dreijährig rotwangig Kind,
So herzig und süß, wie sie alle es sind.
Mein .Herz wurde warm, wie mußt' ich mich freuen An seines Aiutterleins zartem Belreue»!
Mein Nachbar zur Linken, ein grauhaar'ger Mann Dem sah man viel Sorge und Herzeleid an.
Er saß in der Ecke so still und gebückt,
Nicht achtend des Kindes, das alle beglückt'.
Jetzt fahrt ganz dicht auf,dem Nebengleise Ein Militärzug ein. In fröhüchster Weise Vergnügt sich die Mannschaft, lärmt, rufet und singt. Der feldgraue Nachbar zum Fenster schnell springt, Begrüßt die da drüben mit lautem Hallo,
Und Rede und Antwort, die schmettern nur so.
Mein Nachbar zur Linken bekommt plötzlich Leben,
Er wendet sich zu mir, es liegt wie ein Beben In seiner Stimme, als leise er spricht:
„Sie gehn in den Tod und wissen es nicht.
In vierzehn Tagen, ich möchte fast wetten.
Da wird man schon manchen das letztemal betten In kühler Erde im feindlichen Land;
Mein Ältester auch dort sein Heldengrab fand,
Der Jüngste muß g'rad' in Gefechten jetzt sein,
Die Frau ist auch tot, bald steh' ich allein.
Auf mir ruht die Arbeit im Haus und im Feld,
Ach, wie entsetzlich dies Elend der Welt!"
Das sind die Worte, die müde er spricht.
„Ja," sag' ich, „Gott hält ein gar strenges Gericht,
Wir haben zu lernen die schwersten Lektionen,^
Doch wird Er die Treue gewiß jedem lohnen."
„Sie reden von Gott?" — hart sävrt er mich an,
„Wie gäb's einen Gott, der dulden das kann,
Dies Elend, dies Unrecht, die schreckliche Not;
Niein Glaube an Gott ist lange schon tot!"
Da packt mich ein Zorn- O, hakt' ich nicht recht?
„Sie lernten die Goltesleklion aber schlecht!
Sie sind doch auch Vater und wissen es gut,
Wie nötig der Stock losen Buben mal tut.
War's Härle, war's Grausamkett, wenn Sie voll Wucht Übten die Strafe? Nein, heilsame Zucht.
Und führte statt Reue der Trotz noch das Wort,
Tann stellten Sie sicher den Stock noch nicht fort.
So füllt auch nicht Zweifel an Gott heut' Ihr Herz. Nur Eigensinn zieht Sie so tief niederwärts!"
Im Lachen und Schwatzen der feldgrauen Jungen War unser Gespräch ganz leise verklungen,
Uns beiden so wichtig, uns beiden verständlich.
Nun setzte der Zug in Bewegung sich endlich.
Die beiden Männer sprachen jetzt weiler,
Ich baute zum Himmel mir schnell eine Leiter Und flehte im stillen um Weishen und Gnade,
Dem armen Alten zu ebnen die Pfade.
Solch stürmisches Bitten wnd immer erfüllt.
Gott schukt mir ganz plötzlich ein reizendes Bild:
Das Kind sprach zur Mutter ein paar leise Worte, Drauf gab es ein Brot von beträchllichster Sorte Und dann noch ein zweites, wir sehen's und lochen. „Die scheint sich ums Brot keine Sorgen zu machen," Sagt freundlich mein Alter, drauf ich: „Freilich, ja,
Sie weiß ja, zum Sorgen ist's Mütierlein da.
Ach. daß wir zum himmlischen Vater so ständen Und völlig vertrauten den liebenden Händen,
Auch wenn Seine Liebe mal hart uns.erscheint,
Uns willig Ihm fügen, wie immer Er's mernt!
Viel ging uns verloren an das wir gekettet,
Wohl dem, der den Frieden der Seele sich rettet!"
Ta zucki es im Antlitz des Alten so weich:
„Sie haben ganz recht, mit Gott ist man reich!
. Ich hosi', daß bei mir wieder Ordnung bald wird.
Ich habe mich wirklich nur trotzig verirrt.
Ich wollte nur an ein Unrecht stets denken,
Es ist ja so schioer, Gott Vertrauen zu schenken,
Wenn alles zerbricht, das mau liebend gehegt ..."
Hier hielt er inne — tief war ich bewegt Und ach, so glücklich, der Trotz war gebrochen.
Dann haben wir lang' noch zusamnien gesprochen Von Gottes Liebe und von Seinem Wort,
Er holt daheim es sich wieder vom Bord,
Wird suchen den Weg sich zum köstlichsten Frieden Den Jesus, der Heiland, gibt gerne hienieden,
Er wird wieder reich sein, trotz Trübsal und Web, Wenn sagen er lernt: „Dein Wille gescheht"
Ed. Fr.^
K
Eine Krweckung.
Zn einem Dorfe im Schweizer 2ura lebte ein alter Christ. Er war in leiblicher Hinsicht ein bedauernswerter Mann, aber es erging ihm wie dem Apostel Paulus. Er erfuhr die Kraft der Worte des HErrn: „Meine Gnade genügt dir, denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht."
Nicht lange vor feinem Heimgang unterhielt er sich eines Tages mit einem Diener des HErrn über das Wirken des Heiligen Geistes an verschiedenen Orten. Plötzlich, mitten in der Unterhaltung, rief er: „Ich bin ganz neidisch! Überall hört man von dem Wirken der Gnade, nur in unserer Gegend merken wir nichts davon."
Nun lebte in dem gleichen Dorfe eine junge, schwerkranke Christin von etwa zwanzig
Jahren. Der Tag. an dem die obenerwähnte Unterredung stattfand, schien ihr letzter aus Erden sein zu sollen. Totenbleich lag sie da. Plötzlich verklärte ein geradezu überirdischer Aus- ! druck das blasse Antlitz, und leise kamen die Worte iiber ihre Lippen: „2 wie schön, wie schön! Welch ein Licht, welch ein wunderbares Licht!"
Das Gesicht, auf das der Tod bereits seinen Stempel gedrückt hatte, strahlte in himmlischem Glanze. Und nun war es wunderbar zu sehen, wie das sterbende Mädchen mit einemmal neue Kraft zu empfangen schien. Mit klarer Stimme bat sie ihre Umgebung, sofort eine. Anzahl ihrer ehemaligen Freundinnen, die sie mit Name» nannte, an ihr Bett zu rufen. Auch den Arzt, der sie behandelt hatte, wünschte sie zu sehen,
Es dauerte nicht lange, so erschienen die jungen Mädchen im Sterbezimmcr. Die Kranke warf einen langen Blick auf die Eingetretenen und sagte dann, allen -vernehmbar: „Meine lieben Freundinnen! Ich habe euch noch etwas zu sagen. Wie ihr seht, stehe ich schon mit einem Fuße in der Ewigkeit. Nur noch wenige Stunden, und ich werde dort sein


