Ausgabe 
3.2.1918
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Der teuere Leser bat vielleicht me in seinem hebert Neigung zum Trinken gehabt und ist doch noch ein in der Gottesferne lebender Sünder. Aber Gott will, daß allen Menschen, allen Sündern ge­holfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Er, der Gott aller Gnaden, tat das größte aller Wunder, als Er Jesnm, Semen vielgeliebten Sohn, sandte. Er gab Ihn dahin, damit die für ewig verlorenen Sünder in Jesu Blut und Wunden Gnade finden sollten O D.

K

Worte eines eyematigen Schenkwirtes.

In der Versammlung einer Mäßigkeitsgeiellschast bat ein kleiner, gut aus ehender Manu um das Wort und hob also an:Herr Präsident, ich war ein

Schenkwirt." Die Zuhörer horchten auf.Was ich alles erfuhren, während ich Branntwein und Num ausschenkte, kann ich Ihnen nicht erzählen, denn nun, da ich daran zunickdenke, überwältigen mich Schrecken und Furcht; lieber blicke ich in die Zukunft, mit dem Vorsatz, Besseres zu tun. Nur eine Tatsache möchte ich Ihnen mitteilen: Während der letzten fünf Jahre kam öfter ei» Mann in meine Schenke, der verheiratet und Vater von fünf kleinen Kindern war. Er blieb immer den ganzen Abend da, und mehr als ein mühsam gewonnener Taler wanderte aus seiner Tasche in die meinige. Nach und nach wurde er ein ausgesprochener Säufer, der viel mehr ver­brauchte, als er verdiente. Die ganze Sorge für den Unterhalt der Familie fiel seiner armen Frau zu, die durch Waschen Geld verdiente. Der Mann hatte seinen Wvchenverdienst -gewöhnlich schon am Mittwoch vertrunken, und seine Schulden häuften sich so sehr, daß ich mich weigern mußte, ihm noch weiteren Branntwein zu geben. Nun brachte er mir einst als Ersatz für die Bezaylung eine schöne goldene Nadel, wertvoller wohl als die zu deckende Schuld, aber ich nahm sie an, ohne mich zu besinnen, ob sie nur auch sein rechtmäßiges Eigentum sei. Bald je­doch hatte er neue Schulden bei mir, die er durch ein Paar Leuchter deckte. Zum dritten endlich brachte er mir eine große Familienbibel. Auch diese nahm ich an, weil ich dockte, mit der Zeit könnte ich sie wieder an ihn verhandeln. Eines Sonntags nahm ich gedankenlos die Bibel her und fing an, darin zu blättern. Meine Aufmerksamkeit wurde rege durch das vorn eingeschriebene Familienregister. Als ich den Namen seiner Frau las. die ich früher gekannt hatte, dachte ich: »Armes Geschöpf, du bist in einer traurigen Lage.« Weiter fand ich die Geburtstage von fünf Kindern eingezeichnet. Eine Empfindung, wie ich sie noch nie gehabt, bemächtigte sich meiner. Es war, als öffnete sich eine endlose Kluft zwischen mir und dem Buche, das vor mir lag. Um diese Eindrücke zu ersticken, schlug ich mechanisch die Mitte aus, und mein Blick fiel aus die Worte: »Der Wein

macht loie Leute, und starkes Getränk macht wild; we, baut Last hat, wird nimmer weise.» (Spr. 20, 1.) Eben diesen Gedanken wollte ich entgehen, darum wendete ich wieder um und las weiter: »Wo

Weh? wo ist Leid? wo ist Zank? wo ist Klage) wo sind Wunden ohne Ursache? wo sind rote Augen? Nämlich, wo man beim Wein liegt und kommt aus zusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein nichi an, daß er so rot ist und im Glase so schön steht, er geht glatt ein, danach beißt er wie eine Schlang, und sticht wie eine Otter.« (Spr. 23, 2932.) Trotz dem Versuch, das Buch von mir zu schieben, könnt, ich es nicht lassen, immer wieder darin zu blättern, und gerade als müßte ich es lesen, fielen meine Augen auf die Morte: »Wehe dir, der du deinem Nächsten Wein einschenkst und ihn berauschst.« Nun macht, ich die Bibel zu und warf sie von mir. Ausgereg! wie noch nie ging ich in meinem Zimmer hin und her. Mein Gewissen zeugte laut gegen mich, das ich bisher dazu geholfen, die Unmäßigkeit mit ihren schrecklichen Folgen zu fördern. Was ich an diesem und den folgenden Tagen gelitten, vermag ich nichi zu beschreiben. Wieder öffnete ich die Bibel de, Trunkenboldes. Diesmal wollte ich Trost suchen Ich las in den Psalmen, und obgleich ich nicht plötz lich das fand, was für meine Lage paßte, fühlte ick während des Lesens ein wachsendes Verlangen, meiner Beruf aufzugeben, weil er soviel Unglück für mein: Nebeninenschen brachte. Es war vergebens, daß ick des Abends mich zu Bette legte, ich fand keiner Schlaf. Alle die Gestalten tauchten vor mir aus welche ich durch meinen Branntweinschank trunker gemacht hatte und deren Familien ruiniert waren Einmal sah ich während eines kurzen Schlummert im Traume eine lange Reihe von Trunkenbolden mit ihren in Lumpen gehüllten Frauen und Kindern unt hörte eine Stimme rufen: »Wer hat das getan?«

Dann hörte ich wieder wie Donnerhallen eine ander, Stimme, die rief: »Du bist der Mann!« Ich fuhr auf und konnte keinen Schlaf mehr finden. Del anderen Morgens wartete meiner ein heftiger Kamps: Sollte ich meine Schenke öffnen? Sollte ich nicht lieber für immer den schrecklichen Handel mit flüssigem Gist aufgeben? Durch Gottes Gnade kam ich zr dem Entschluß, nie wieder auch nur ein Glas bei berauschenden Getränks zu verkaufen. Ja, um all, Versuchung abzuschneiden, ging ich eilends an mein, Branntweinsässer und öffnete die Hahnen, damit bai Gift auslause. Dann ließ ich mich ausnehmen ir die Mäßigkeitsgesellschast und hatte nicht eher Ruhe, bis ich den Eigentümer der Bibel überredet hatte, ein Gleiches zu tun. Nun, Herr Präsident," setzt, der Redner hinzu,habe ich an der Stelle, da mein. Schenke stand, ein Spezereigeschäft eingerichtet unt habe bis jetzt mit Gottes Hilfe guten Fortgang ba- bei. Wenigstens sechs Familien leben hier, die einst durch meine Schenke unglücklich geworden sind; ick trachte danach, ihnen jede Woche einen kleinen Vorrm