Ausgabe 
3.2.1918
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GemefnscUaftsblatt für dessen. i

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Verlag üer Luckbamllung der pilger-vi?ei-a Sitzen

Redakteur: Stadlmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel und die Prediger der Pilgennission. Truck von I. G. Sinken Nachfolger. G. m. b. H.. Cassel.

Nr. 5.

Sonntag, den 3. Februar 1918.

11. Fahrg.

Münchener Ehepaar von 1825.

Es ist sehr zu bedauern, daß es in unserem Lande Städte gibt, wie z. B. München, Dortmund, Nordhausen u. a., deren Namen uns immer wieder sn den Rauschtrank erinnern, der innerhalb ihrer Mauern hergestellt wird. Ob das Mün­chener Ehepaar auf unserem Bilde von 1825 den Alkohol geliebt und genossen hat, ob ks durch dasBier" zu Wohl- stand und Ansehen gekommen ist, wissen wir nicht. Aber das wissen wir, daß heute von den Münchener Branercieii poße Mengen Bier herge- stellt und von deutschen Män- aern und Frauen getrunken »erden.

Gott möge Sich in Deiner Gnade über unser Lolk erbarmen und uns rie Augen öffnen für den Lchaden, der auch durch mäßigen Alkoholgenuß ange- eichtet wird.

Wie wir hören, hat China den Opiumhandel ab- geschafft, Rußland die Wodka ausgerottet, Frankreich den Absinth verboten, und andere Böller sind bestrebt, den Ver- braüch von berauschenden Getränken sehr zu be­schränken. Wir wollen die Hoffnung nickt aufgeben. daß auch unser deutsches Volk mit geöffneten Augen diesen großen inneren Feind erkennt. Welch Elend »at doch der Alkohol schon gebracht!

Vor dem Kriege wurde ich, so erzählt R. F., snit einer bedauernswerten Familie bekannt. Das >chte Stück Brot, die letzte Kartoffel war ausgezehrt

und kein Geld vorhanden, weil der Mann seinen Verdienst für Bier und Branntwein ausgab. Wer die hungrigen Gesichtchen der kleinen Kinder, die verhärmten Züge der Mutter und die ganze Armut in der Wohnung sah, mußte von diesem Elend tief gerührt werden.. Am Abend saß ich in der Küche und. wartete auf den Mann. Er kam in angetrunkenem Zu­stand herein. Kaum hatte er erkannt, mit welcher Absicht ich gekommen war, da stimmte er eine gewaltige Rede an. Er redete mit Macht von seinen guten Eigenschaften Mit Begeisterung sprach er über die Segnungen deS Blauen Kreuzes, die er am eigenen Leibe erfahren. Er redete von der Macht seiner Selbstbeherrschung und hob besonders hervor, daß er sich selbst vor dem Teufel nicht fürchte. Wie entsetzlich wa, es, diesen prahlerischen Wor­ten zuhörcn zu müssen, wäh- rend einen in dem kleinen Raume das Elend aus jeder Ecke und aus jedem Auge anstierte I Als es mir später doch gelang, den Mann zu überzeugen, daß er ein an­deres Leben beginnen müsse, da fand der Gewaltige nicht den Mut, er fürchtete sich vor dem Spott seiner Freundei Nicht lange dauerte es, da wurde es mit ihm ärger als zuvor, und Frau und Kinder mußten sich ihr täglich Brot kläglich zusammenbetteln.

Doch wir wollen keine weiteren Beispiele über das Elend, das der Trunk bringt, ansühren, denn der Leser kennt solche genügend aus eigenen Beobachtungen.