Ausgabe 
30.9.1917
Seite
3
 
Einzelbild herunterladen

»einem Gedächtnis zahlreiche Beispiele von seines Vaters Liebe auf, von seiner Bereitwilligkeit, seine frühere Widerspenstigkeit zu vergeben, von seinem geduldigen Erleiden seines jugendlichen Übermutes. Er hatte Gelegenheit gehabt, seines Vaters Sinn und Wesen kennen zu lernen, und jetzt erschien ihm alles in voller Lieblichkeit. Selig, wenn der er­wachte Sünder ein Herz zu Gottes Liebe und Barm­herzigkeit fassen kann! Kein Kind kann sich mit solcher Gewißheit darauf verlassen, daß sein Vater es annehmen wird, wie der größte Sünder darauf, daß Gott ihn nimmermehr hinausstoßeu will. Gott hat uns also geliebt, daß Er Seinen eigenen Sohn für uns dahingab; und sollte Er, der auch Seines eigenen Sohnes nicht verschont hat, uns mit Ihm nicht alles schenken?

Der verlorene Sohn faßte den Entschluß, zurück­zukehren und öffentlich seine Sünden zu bekennen, um Vergebung zu bitten und Erlaubnis zu erflehen, nur ein Knecht, wenn auch kein Sohn in seines Katers Hause sein zu dürfen.

Haben wir je den ernsten Entschluß gefaßt, zu Gott zurückzukehren? Können wir uns der Zeit erinnern, da wir es inne wurden, wie wir fern von Gott waren und verdient hatten, von Ihm verstoßen zu werden? Jeder wahre Gläubige hat seine Sün­den bereut und hat mit Beten und Flehen Vergebung gesucht.

Aes verlorenen Sohnes Annahme.

(Luk. 15, 2024.)

Als der verlorene Sohn sich aufmachte, zu seinem Vater zurückzukehren, hoffte er wohl auf die der- gebende Liebe desselben; aber alle seine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen durch die ehrenvolle Aufnahme, die der Vater ihm mit so zärtlicher Liebe bereitete. Wäre er zurückgekehrt als der Retter seines Vaterlandes von einem mächtigen Feinde, er hätte nicht mit mehr Ehre bewillkommt, hätte er das Vaterhaus verlassen, um seines Vaters Leben zu schützen, er hätte bei seiner Rückkehr nicht mit größerer Liebe ausgenommen werden können.

Was ist der Grund, daß der Sünder, der vor dem Throne der göttlichen Barmherzigkeit niederfällt, mit so vieler Ehre und Liebe behandelt wird? Jst's nicht der, daß er angenommen wird in seines Hei­landes Namen, mit all der Ehre, welche dieser Heiland gewann, indem Er Satan den Kopf zertrat, und mit all der Liebe, welche dieser Heiland für Seinen Tod am Kreuze verdiente?

Tief muß es den verlorenen Sohn gedemütigt Men, als er dem elterlichen Dache nahe und näher mm; wie tief muß es den natürlichen Stolz seines Herzens verwundet haben, in Lumpen, mit abgezehrtem Gesicht und mattem Auge zurückzukehren! Wenn aber wahre Reue treibt, so ist der natürliche Stolz

größtenteils unterjocht; hingegen wo sie nur ober­flächlich ist, hält der Stolz oft den Menschen zurück, um Vergebung zu bitten. Ohne Zweifel wäre schon damals, als er ein Schweinehirt wurde, der verlorene Sohn gern zurückgekehrt, aber nicht eher, als bis er zu sich selbst gekommen war, war seine Buße so tief, daß er allen mit diesem Schritt verbundenen Deniütiguugen hätte begegnen können. Jetzt fühlte er, daß er den Spott und Hohn gefühlloser Zuschauer leichter ertragen würde, als die Beschuldigungen seines Gewissens besser, als die Erinnerung an sein verachtetes Vaterhaus und seinen beleidigten Vater. Er wurde aber von dem empfindlichsten Teile der zu erwartenden Demütigung verschont durch die zärtliche Liebe dieses Vaters, welcherihnsah, daer nochfernvondannen war, und jammerte ihn, lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Hielt der ver­lorene Sohn sein demütiges Bekenntnis zurück, weil er sah, daß ihm schon vergeben war? O nein, er sagte alles, was er hatte sagen wollen, ausgenommen: Mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Nachdem er wie ein Sohn ausgenommen worden war, konnte er nicht mehr bitten, ein Knecht zu werden. Das beste Kleid wurde ihm angelegt, ein Ring an seine Hand, Schuhe an seine Füße getan, ein Mahl wurde bereitet, und nach allen Seiten wurde die Freude laut.

Konnte der wiedergekehrte Sohn jetzt noch seines Vaters volle und freie Vergebung bezweifeln? All seine Übertretungen schienen vergessen zu sein; seines Vaters Liebe war nicht im geringsten vermindert, und eine Aussicht auf eine auch seine kühnsten Er­wartungen weit übersteigende Glückseligkeit lag vor ihm offen.

Dies ist der Weg und die Weise, wie der HErr mit dem zurückkehrenden Sünder umgeht. Er kleidet die arme Seele in das fleckenlose Gewand der Gerechtigkeit Jesu Christi und sättigt die hung­rige Seele mit der himmlischen Speise Seiner Gnadenverheißungen. Warum denn weigern sich die Sünder solange, zu Gott zu kommen? Sie glau­ben nicht, daß Er sie so freundlich aufnehmen und sie so selig machen wird. Der Vater des verlorenen Sohnes ist aber wahrhaftig unser Gott und unser Heiland, und die, welche Seine Gnade gesucht haben, können bezeugen, wie Er sie angenommen, wie selig Er sie gemacht hat.

Es ist ein trauriger Gedanke, daß jemand im Elend bleibt, weil er nicht aufstchen und zurück­kehren will zu Dem, der allen volle und freie Vergebung anbietet. Der Weg mag wohl lang scheinen, aber er wird ihnen abgekürzt werden, der Vater wird ihnen entgegenkommen, wenn sie noch fern von dannen sind, und sie selbst hinein­führen in Seine herrliche Wohnung.

K