Ausgabe 
12.8.1917
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und als der Nachtisch aufgetragen war, zog sich die Dienerschaft zurück, und beide waren nun allein

Eine Pause entstand nun in der nicht regen Unterhaltung; dann sagte der Pfarrer:Sie er­wähnten in Ihrer Einladung, daß Sie mit mir über eine Frage zu sprechen wünschten, die Sie seit letzten Sonntag beschäftige!"

Ja," entgegnete der Angeredete seufzend,und ich freue mich, daß Sie die Sache zur Sprache bringen; ich hätte es wohl kaum zu tun vermocht, obwohl ich's kaum erwarten kann, Aufschluß über den betreffenden Punkt zu erlangen. Der Gegenstand Ihrer Predigt vom letzten Sonntag hat mich nämlich tief bewegt und beschäftigt."

Was ist es denn," fragte gespannt der Theo- löge, was Sie darüber zu wissen begchren? Was ist Ihnen nicht ganz klar geworden?"

Nun," entgegnete der Gutsbesitzer mit Heftig­keit,ob sie eine wirkliche Tatsache ist!"

Was denn?" forschte der Pfarrer.

Nun, die Wiedergeburt, die zur Seligkeit unumgänglich nötig sein soll. Ist sie nur eine bloße Theorie, ein, ein . . . theologischer Traum oder eine wirkliche und tatsächliche Umwandlung?"

Ganz gewiß," erwiderte der Pfarrer.Die Heilige Schrift läßt keinen Zweifel darüber zu. Das Wort im Urtext bedeutet soviel als »von neuem­oder »von oben« geboren werden, was soviel sagen will, als daß die Seele dabei in ein ganz neues Leben eintritt. Eine bloße religiöse Reformation und Sittlichkeit, wenn sie auch noch so streng durch- geführt würde, vermöchte dies nie herbeizuführen. Dieselbe vermöchte der Seele keine neuen Kräfte zu verleihen noch sie in ein neues Sein zu versetzen mit geistlichen Bedürfnissen und göttlichem Leben. Die Heilige Schrift drückt diese vom Herrn geforderte Wiedergeburt auch noch anders aus; aber in jedem Falle bedeutet sie einen völligen Übergang aus einem Zustand des Daseins in ein anderes. Sie wird z. B. genannt ein »Hinübergehen vom Tode zum Leben« (Joh. 5, 34), ein Verpflanzen »aus der Finsternis ins Licht« (Apg. 26, 18), ein Passend- werden »um Anteil zu haben am Erbe der Heiligen im Lichte«, eine Errettung aus der Gewalt der Finsternis« und »eine Versetzung in das Reich des Sohnes Seiner Liebe«. (Kol. 1, 12. 13.) Eine an­dere Antwort kann Ihnen demnach die positive Theologie nicht geben."

Es ist also die Wiedergeburt wirklich eine innere Erneuerung und Umwandlung, welche die Seele praktisch in dieser Welt an sich erfahren muß?" fragte der heilsverlangende junge Gutsherr weiter.

Ja, ohne Zweifel," entgegnete der Pfarrer, dem die ernste Unterhaltung augenscheinlich eine allzu ernste Wendung nahm. Er fühlte sich unter de» tiefen, ängstlich blickenden Augen seines Gastgebers nicht mehr wohl.

Und wie geschieht die Wiedergeburt?" forsch» dieser weiter.

Der Pfarrer war sichtlich verlegen. Sein feil - fühlender Sinn gewahrte, daß er hier einen Fall vor sich habe, bei dem sein orthodoxes Wissen und seine theologische Kunst zu kurz kam und unzureichend war. Ja, hier saß ihm eine göttlich aufgeweckte, heilsbedürstige Seele gegenüber, deren Bedürfnissen er nicht mehr zu dienen vermochte. Hier war nur das Christentum der Erfahrung am Platze.Ja," sagte er wie träumend,darüber herrschen unter den theologischen Schulen Meinungsverschiedenheiten."

O lassen wir, bitte, die theologischen Schulen fort; Bücher und Theorien nützen mir hier nichts," entgegnete der Gutsbesitzer fast heftig, und dann, in das bleiche Antlitz seines Gastes blickend, fuhr er bc- sänftigend fort:Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Pfarrer, meine Seele ist in ihrem tiefsten Innern erregt; ich suche Licht und Frieden. Die Ewigkeit ist auf dem Spiele, und ich tappe in der Finsternis und sehe kein Licht. Sagen Sie mir, ich flehe Sie an, wie geschieht die Wiedergeburt; und wer hat sie an sich erfahren? Ist es etwas, das man wirklich an sich erfährt? Kurz: Sind Sie?"

Der schwere Tisch schwankte, als der starke Mann diese Frage begann. Er zitterte, und seine bebenden Lippen konnten die Frage nicht vollenden. Aber es war auch nicht nötig. Die Todesblässe des Gefragten, der sein Haupt senkte und sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, war ihm Antwort genug.

Erschrocken über diesen unerwarteten Ausgang der Dinge und wirklich betrübt über die peinliche Lage, in die er seinen lieben Gast gebracht, erhob sich öer Gutsherr und trat an das offene Fenster. Stumm stanö er lange da und schaute seufzend hinaus in die Ferne; er wußte nicht, wie lange. Da legte sich auf einmal eine Hand auf seine Schulter; er- schrocken wandte er sich um und sah in das tränen­feuchte Angesicht seines Gastes, der in flüsterndem Tone sagte:Geliebter Freund, wir wollen beten!" Herr V. begriff rasch die Lage der Dinge; er sah, wie es stand. Sie waren beide noch nicht wieder­geboren; sie batten sich beide noch nicht wirklich als verlorene Sünder um Versöhnung und um neues, himmlisches Leben zu Jesu Christo gewandt. Sie waren bis jetzt nur Christen dem Namen nach, noch nicht im Geiste und in Wahrheit. So stark Herr V. auch war, fühlte er sich doch seiner Gefühle nicht mehr Herr: die Tränen kamen auch ihm. Er ergriff seinen Gast bei der Hand und sagte:Wir wollen hinüber ins Bibliothekzimmer gehen, da wird uns niemand stören."

Sie gingen dorthin und schlossen die Tür hinter sich zu; und niemand war Zeuge von dem, was dort zwischen ihren Seelen und Gott sich ereignete. Sie riefen zu Gott um Erbarmen, um Heil und ewiges Leben und ergaben sich als gebeugte und heilsverlangende Seelen Jesu Christo, der gesagt ba»