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Erscheint wöchentlich einmal.
Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich.
Verlag der Buchhandlung der Pilger,wlrrwn Sichen.
Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel und die Prediger der Pilgermission. Druck von I. G. Oncken Nachfolger, G. m. b. H., Cassel.
Nr. 32.
Sonntag, den 12. August 1917.
10. Iahrg.
„Sind Sie - ?“
Die Kirche einer kleinen Dorfgemeinde ging aus, und die Glieder derselben zerstreuten sich. Einer von ihnen, Herr V., lenkte seine Schritte in die Anlagen seines reichen, schön bewaldeten Gutes. Aber nichts um ihn her fesselte ihn heute; er ging rastlos vorwärts bis hinter den Wald an die Küste, wo die Lee plätschernd das Land bespülte.
Auch hier schien der junge Gutsherr das Ziel seiner Wanderung nicht erreicht zu haben. Was trieb ihn rastlos weiter? Was beschäftigte seinen Geist? Es waren die Worte, die den Text der heutigen Predigt bildeten: .,Wahrlich, wahrlich, Ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen." (Joh. 3, 3.)
Wie wunderbar aber, daß diese Worte, mit benen er doch von früher Jugend auf so wohl ver- waut war, heute einen solchen Sturm in seiner Seele erregen konnten. Er konnte sich darüber keine Rechenschaft geben. Sie erfüllten sein ganzes Innere. Immer wieder mußte er sich sagen: Wenn dieses Wort sich an alle richtet, dann auch an mich. Wenn die neue Geburt eine unabweisbare Notwendigkeit für jeden ist, wie heute der Pfarrer aus Gottes Wort gezeigt hat, dann ist sie es auch für mich. Mag dieselbe sich vollziehen, wann und wie sie will, das steht fest, es muß eine wirkliche Umwandlung sein; es ist eine Einführung in eine ganz neue Ordnung der Dinge, in eine ganz neue Stellung: und auch das steht fest, daß ich solche an mir nie erfahren, nie erlebt habe. Wohl singe ich jeden Sonntag in der Liturgie der Kirche mit: „HErr, erbarme Dich unser!" Aber eigentlich habe ich noch nie um Er- barmen zu Ihm gerufen, es nie begehrt. Ferner habe ich Gott oft im „Vaterunser" als Vater angeredet, aber ich bin nicht Gottes Kind, sonst wären ganz andere Gefühle in mir. Mein Herz ist die Woche über von gar vielem erfüllt, nur nicht von Gott und von Seiner Liebe. Hierfür ist es tot, es lebt nur für die Dinge dieser Welt.
Wenn ich doch nur jemand wüßte, sagte der Gutsherr weiter zu sich selbst, indem er seine Schritte heimwärts lenkte, der mir ehrlich sagen könnte, was die Wiedergeburt eigentlich ist, und ob er diese innere Umwandlung tatsächlich an sich erfahren habe. Es mag aber wohl nicht leicht sein, einen solchen zu finden. Und doch — ohne sie kann niemand das Reich Gottes sehen. Hiernach gehen viele Menschen verloren. O, wie furchtbar denn! Ich muß jedenfalls über diesen Punkt Klarheit erlangen.
* *
*
Nicht viele Tage später saß Pfarrer Ed. Longdale in seiner Stndierstube und arbeitete emsig an einer Abhandlung über den Glauben, als sein Diener hereiutrat und ihm ein Brieschen von Herrn V. überreichte, darin dieser ibn bat, heute bei Tisch sein Gast zu sein. Der Pfarrer schrieb schnell einige Zeilen, daß er die freundliche Einladung annehme, und übergab sie dem Diener; dann warf er sich unzufrieden in seinen Stuhl zurück und seufzte: Welchen Mittag werde ich da haben nach meinem mühevollen Studium. Der Gutsherr uud feine Freunde scheinen nichts Höheres zu kennen als ihre Hunde und ihre Pferde. Nur von diesen Dingen sind ihre Herzen erfüllt
Doch was ist das? fuhr er fort, indem er das Brieschen nochmals zur Hand nahm und las. Auf der Rückseite der Einladungskarte hieß es: „Ich muß aber um Entschuldigung bitten, daß Sie nicht noch andere Gäste bei mir finden werden und ich Ihnen nur meine Gesellschaft anzubieten habe. Es liegt mir sehr daran, Sie über einen Punkt, der mich schon seit Sonntag außerordentlich beschäftigt, allein zu sprechen."
Gut, sagte sich der Pfarrer, wenn eine theo- logische Frage Herrn V. zu schaffen macht, dann hoffe ich ihm dienen zu können.
Einige Stunden später saßen beide beim gemeinsamen Mahle, der blasse Theologe und sein freundlicher Gastgeber. Das Mahl ging zu Ende,


