r Gemeinschaftsblatt für Ressen.
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Erscheint wöchentlich einmal.
Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich.
Verlag der Buchhandlung der Pilgermission Liehen.
Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel und die Prediger der Pilgermission. Druck von I. G. Oncken Nachsolger, G. m. b. H., Cassel.
Nr- 28.
Sonntag, den 22. Juli 1917.
Der ölinde Bartimäus.
(Mark. 10, 46-52.)
In der Geschichte irdischer Fürsten hören wir sehr selten von Armen und Leidenden, sondern vielmehr von tapferen Generalen und weisen Senatoren; in der Geschichte des Friedefürstcn aber stoßen wir sortwährend auf Erzählungen von Bettlern und Elenden. Die von Menschen Übersehenen uub Verachteten waren der Gegenstand Seiner zartesten Rück- sicht, und die Blinden, die Hilflosesten, erhielten besondere Beweise Seiner Liebe. Bartimäus scheint keine Freunde zum Beistand gehabt zu haben; oder vielleicht war jener Blinde sein Freund, der mit ihm am Wege gesessen und ebenso hilflos war, wie er selbst. Die Menge, weit davon entfernt, den Armen ju ermutigen, tadelte ihn vielmehr und bedrohte ihn, er solle stillschweigen. Manche um ihr Seelenheil bekümmerte Seelen haben ähnliche Erfahrungen gemacht; statt auch nur einen Freund zu haben, der sie zum Heiland führen wollte, gab es deren genug, die sic ihres Kummers wegen tadelten.
Alles war wider den armen Bettler, statt aber oerzagt zu werden, schrie er desto mehr: „Du Sohn Davids, erbarme Dich meinerl" Viele haben so bald im Beten nachgelassen und sind ermüdet, ohne soviel Entmutigungen wie der arnie Blinde durchgemacht zu haben; wenn ihre kalten und gleichgültigen Gebete nicht sogleich Erhörung fanden, gaben sie das Beten auf. Wer aber im anhaltenden Beten bleibt, wird, wie der blinde Bartimäus, erhört.
Zuletzt stand Jesus still; so ehrte Er den Bettler in Gegenwart der Ihn umringenden Menge. Er hieß ihn zu Sich rufen. Wie mögen die, die ihn vorher bestraft hatten, sich jetzt geschämt haben! Der Blinde war augenscheinlich aufgeregt und verlegen, denn die, welche ihn riefen, sagten zu ihm: „Sei getrost, stehe auf, Er ruft dich!" Welch sin freudevoller Augenblick war das! Mit welcher ^sle folgte der Arme der Aufforderung! Er warf sein Oberkleid von sich, um desto schneller zu seinem mitleidigen Freund zu kommen. Obgleich der HErr
sein Begehren gar wohl kannte, so veranlaßte Er ihn doch, es mit seinen eigenen Worten auszusprechen; denn Er hört so gern die Bitten der Seinen, und gab ihm darauf nicht nur das Gesicht »wieder, sondern sprach auch das Wort des Lobes über ihn aus: „Dein Glaube hat dir geholfen," und gewiß ist dieser Ausspruch dein Blinden köstlicher gewesen, als sein Augenlicht; enthielten doch diese Worte eine Verheißung ewiger Seligkeit.
So sammelte der HErr auf Seiner Reise nach Jerusalem neue Denkmäler Seiner Macht und Gnade. Der Zug irdischer Sieger ist mit Blut gefärbt, rauchende Dörfer und Städte, verstümmelte Leichen bezeichnen den Weg, den sie betraten, während trauernde Gefangene in Fesseln ihre Triumphwagen begleiten. Wohin aber der Heiland kam, ließ Er Freude zurück und sammelte neue Trophäen Seiner Barmherzigkeit, und wenn Er an ©einem große« Tage wiederkommen wird, werden diese Gesammelte« Seine Begleiter sei». Und wer sind diese? Sünder, die Er von der Blindheit der Sünde, vom Grabe und der Verwesung, von der Hölle und ihren Schrecken er- löst hat. Werden auch wir zu diesem Triumphzutz gehören? Hat Jesus unsere Geistesaugen geöffnet? Folgen wir Ihm jetzt nach auf dem Wege?
Was soll das mächtige Gedräng'?
Was will die große Menschenmeng'
Und die Versammlung Tag für Tag ?
Sagt, was dies wohl bedeuten mag!
Horch, da ertönt der Freudenschrei:
„Jesus von Nazareth geht vorbeiI"
O kommt, ihr armen Sünder, doch;
Er macht euch frei vom Sündenjoch.
Ihr Armen, hört's, wir rufen euch:
Glaubt's, Jesus macht euch froh und reicht Erlöste, rühmet seine Treu' l .Jesus von Nazareth geht vorbei!"
Doch hört's l Verstockt die Herzen nicht!
Denn bald verlöscht der Gnade Licht I Weh' euch, wenn ihr die Lieb' verschmäht Und mit der Buße kommt zu spät! yZu spät!" schallt dann der Jammerschrer


