Er fuhr mit der Hand in die Tasche und holte einen Brief heraus.
„Wissen Sie, was das ist? Das ist ein Brief von meinen Eltern. Ich wage es nicht, ihn zu öffnen, weil ich fürchte, daraus zu lesen, daß die arme» Eltern wieder erfahren haben, wie es um mich steht. Ich habe gesehen, wie mein Vater Jahr um Jahr gebückter einhergeht, und weiß, daß der Kummer um mich daran schuld ist; meine arme Mutter hat ihre alten Augen blind geweint. Und wenn das alles mir nicht geholfen hat, glauben Sie, Ihre Vorstellungen werden mir helfen? Ich will Ihnen sagen, warum Sie mir nicht helfen werden: Sie kommen zu spät. Warum hat mir niemand gesagt, als ich das erste Glas nahm, daß es mir so gehen könnte, wie es mir nun ergangen ist? Jetzt gi.t es für mich keine Hilfe mehr!"
Sprach's und stürzte davon. Dr. T. H.
Auffassung von Sünde.
In dem Buche „Harte Reden" (Verlag G. Koezle) berichtet F. B, daß nach Schluß einer Versammlung ein Student ihn anredete und begann: „Sie scheinen ja eine merkwürdige Auffassung von Sünde zu haben. Sie tun ja gerade, als wenn Sünde das Aller- bestimmteste und Unveränderlichste wäre. Was Sünde ist, das entscheidet sich doch nur von Jahrhundert zu Jahrhundert, und da noch von Volk zu Volk, und da noch von Stand zu Stand und Fall zu Fall. Sünde ist doch eigentlich etwas s e hr Un best i mmtes. Ich begreife nicht, wie man ein so großes Gerede von der Sünde machen kann!"
„Wissen Sie das so genau?" fragte ich.
„Aber sicher!" betonte er.
„Nun, dann wollen wir einmal sehen," fuhr ich fort. „Wissen Sie sich einer Tat aus Ihrer Kindheit zu entsinnen, von der Sie heute wünschen, daß sie doch nie gescheben iväre?"
Nach kurzem Besinnen sagte er bestimmt: „Jak"
„Dürfen wir diese Tat Sünde nennen?"
„Meinetwegen!"
„Gut, ivissen Sie sich einer ähnlichen Tat aus Ihrer Knabenzeit zu entsinnen?"
Ohne Bedenken nickte er.
„Dürfen wir die auch Sünde nennen?"
Er zuckte mit den Achseln und sagte wieder? „Meinetwegen!"
„Und aus Ihrer gegenwärtigen Lebenszeit? Nicht wahr, da haben Sie auch einiges Unvergeßliche, von dem Sie wünschen: Ach, wäre es nie geschehen!"
„Jawohl, mehreres!" gestand er ehrlich.
„Und sollen wir auch das Sünde nennen?"
Er zog den Hals s hief und die Lipp.n hoch und sagte zum dritten Male: „Meinetwegen!"
„Gut," forschte ich iveiter, „werden diese Dinge in zwanzig Jahren sich so verändert haben, daß Sie sie weniger oder gar nicht mehr ungeschehen wünschen und in keiner Weise mehr Sünde nennen lassen möchten?"
„Das glaube ich nicht!" gab er nach einigem Nachdenken zu.
Und in weiteren zwanzig Jahren?"
„Ich denke, es wird ebenso sein."
„Und aus Ihrem Sterbebett?"
Nachdenklich hob er die Schultern und schwieg.
„Sehen Sie," konnte ich nun sagen, „es gibt nichts, das sich so furchtbar selber gleichbleib! wie die Sünde! Meine Auffassung von der Sünde, die Sie vorhin merkwürdig fanden, ist die uralte de: Bibel, und Sie haben eben gesehen, Ihr Gedächtnis und Gewissen decken sich mit dieser uralten Auffassung. Sie wußten es nur nicht."
„Ich gestehe," erklärte er, „daß ich in dieser fatal persönlichen Weise noch nicht über Sünde nach- gedacht habe."
Ja, so ist es: Mangelndes Nachdenken ist die gewöhnlichste Ursache der mangelnden Sünden erkenn tnis der Menschen.
Dcrfatnmluit gs-Anzeigen.
Bezirk Friedberg.
Stadtmrfsion Lricdbcrg, kl. Aöhlergaffe 8.
Jeden Sonntag, nachmittags 2 Uhr: Sonntagsschule; 4 Uhr: Jungfrauenverein; abends 8'/ä Uhr: Evangelisationsversammlung.
Jeden Donnerstag, abends 8'/r Uhr: Bibel- und Gebetsstunde. Dienstag, den 24. April und 8. Mai: Jugendvcrjammlung.
Sonntag, den 29. April, nachmittags 3 Uhr: Versammlung in Wohnbach; den 6. Mai: Jahres- fest in Watzenborn; den 13. Mai, nachmittags 3V- Uhr: Stammhcim. Donnerstag (Himmelfahrt), den 17. Mai, nachmittags 3 Uhr: Versammlung in Freien. Sonntag, den 20. Mai, nachmittags 4 Uhr: Versammlung in Assenheim.
Anzeigen für die Nummern 21—24 spätestens bis zum 13. Mai d. 3s. erbeten.


