Ausgabe 
6.5.1917
Seite
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sie zugleich; denn ein dunkles Vorgefühl jagte ihr auch schon von den Kämpfen und Nöten, denen ihr Bekenntnis zu dem Heiligen und Gerechten, den ihr Volk verworfen, sie aussetzen würde.

In Palästina angelangt, gibt Leila ihren Ein- druck beim Anblick dieses Landes in folgenden Worten wieder:O, wie traurig liegt jetzt die Gegend da, die ehedem von Leben und Freudenschall ertönte! Welch ein Schweigen in den Wäldern und Tälern, die einst vom Klang fröhlicher Musik wider­hallten I Welche Leere und Öde in den Gefilden, die früher der Garten des HErrn waren! Also diese Höhen und Talgründe, die von ungetrübtem Sonnenglanz beschienen, uns auch jetzt noch so freundlick) anlächeln, das ist das Vaterland der Inden, dieser verbannten, über die ganze Erde zer­streuten Wanderer! Jerusalem, immer noch ihres Herzens Wonne, gehört ihnen nicht an,; ein Mann vertreibt sie vom Grabe Abrahams! Kaum wagen sie, einen verstohlenen Blick auf die heiligen Slättcn zu werfen, die die Asche ihrer Väter decken. Heiden, Franken, Tartaren haben einander ihr Land zer- treten. Es ist, als laste ein Fluch auf diesem Boden."

Eine etwas spätere Stelle zeigt, daß sie auch über die Veranlassung dieses Fluches nicht lange im Unklaren blieb.Ich habe," schreibt sie,die Ge- schichte unseres Volkes gelesen und finde in derselben nur eine einzige Tat, zu welcher sich dies ganze Volk jederzeit mit einstimmiger, ununterbrochener, unerschütterlicher Zustimmung bekannt hat; ich meine die Kreuzigung Jesu von Nazareth, des Sohnes Gottes. Ja, ich zweifle nicht mehr daran, daß Er der Messias ist. Das Nene Testament stimmt voll- kommen znm Alten; das 26. Kapitel des Matthäus ist die Erfüllung des 53. Kapitels in Jesaja."

Während ihres Aufenthaltes in Jerusalem wurde sie ernstlich krank. Die Gemütsbewegungen der letzten Zeit hatten ihren zarten Körper zu sehr erschüttert. Wir finden in ihrem Tagebuch, von Jerusalem datiert, folgende kurze aber bezeichnenden Worte: Prachtvoller Anblick! Aus meinem Fenster sehe ich den Ölberg, das tiefe Bett des Kidron und das Tal Josaphat, wo meiner Väter Grüfte sind. Unter­halb meiner Wohnung dehnt sich der größte Teil der heiligen Stadt aus. Ein wenig seitwärts er- blicke ich den Berg Morijah und die Fläche, auf der einst der Tempel sich erhob; auf der anderen Seite die dunkle Gruppe von Olbäumen, die die Stelle des Gartens Gethsemane bezeichnen sollen, die Stätte des angstvollen Kanipfes meines gött­lichen Erlösers. Feierliche Stille herrscht um mich her, und mein Gemüt ist im Einklang mit diesem erhabenen Schauspiel."

Sobald ihre Gesundheit es erlaubte, trat sie mit ihrem Vater die Rückreise an, und bald langten beide wieder an ihrem alten Wohnsitz an. Ein Gedanke erfüllte nunMe Seele des jungen Mädchens: eine Gemeinschaft einfacher, frommer Christen auf­

zufinden, aus deren Munde sie weiteren Unterricht tit_ der Wahrheit empfangen könne, um dann auch öffentlich mit dem Bekenntnis ihres Glaubens her- vorzutreten." Eine christliche Kapelle, in einem ungefähr eine Meile von ihrer Wohnung entfernter: kleinen Dorfe, bot ihr die erwünschte Gelegenheit: ohne daß ihr Vater etwas davon merkte, begab sic sich, dicht verschleiert und meist in der Dämmerung in diese Kapelle. Ihr Durst nach Wahrheit wai so groß, daß sie, trotz ihrer natürlichen Furchtsam­keit, sich nicht scheute, diesen weiten Weg im Dunkeln allein zu machen.

Nicht vergeblich suchte Leila in dieser christ- lichen Gemeinde die Befriedigung ihrer inneren Be­dürfnisse:Ja," schreibt sie damals,ich glaube, daß Jesus für mich gestorben ist. Hochgelobter Heiland, ich hoffe auf Dich; mache Wohnung in meinem Herzen; regiere, leite Du meine Gedanken und jede meiner Handlungen." Und bald nachher konnte sie sich in dem Gott ihres Heils freuen, und ihr Herz und Mund floß über von Freude und Lob ihres HErrn.Ich bin nun," so lesen wir in ihrem Tagebuch,glücklicher, als ich es auszusprechen ver- mag, und empfinde in der Tat eine unaussprechliche und herrliche Freude. Mir ist, als wäre ich an der Pforte des Himmels. O, wie fühle ich mich ge- hoben; Christus ist mein, und ich bin Sein!"

Aber zwischen diesem seligen Vorgeschmack der Himmelsfreuden und der Pforte des Himmels lagen für sie noch lange Tage der Angst und des Schmerzes. Der Fluch des jüdischen Vaters traf das Haupt der zarten Tochter, die in ihrem Heiland Frieden und Ruhe gefunden hatte.

In einem langen Briefe, den sie ihrem Vater abends beim Nachtessen übergab, legte sie ein klares Zeugnis ab von dem Frieden, den sie in Jesu ge- fanden hatte, und brachte dann die Nacht in heißem Gebet zu. Dieser Brief enthält eine Darlegung der Gründe, die sie bestimmt hatten, sich dem HErrn Jesu zu ergeben. Der Vater war zwar kein strenger Jude und liebte seine Tochter unbeschreiblich, aber dennoch war er so sehr von den leidenschaftlichen Vorurteilen seiner Nation beherrscht, daß er Leila von sich entfernte und in eine ihm verwandte Familie brachte, wo sie um ihres Bekenntnisses zu Jesu willen viel und bitter leiden mußte.Ach mein Heiland," schrieb sie zu jener Zeit,mache micks tüchtig, alle Hindernisse zu überwinden, die sich mir auf dem Wege zum Himmel entgegcnstellen! Ja, ich bin des gewiß, Er wird für mich streiten in der Stunde der Versuchung. So will ich denn ver­trauend alles aus Seiner Hand annehmen. Ich sagte der Ewigkeit zu; mag denn die Überfahrtauch stürmisch sein, ich werde mich nur desto mehr der Ruhe im himmlischen Hafen freuen. So fürchte denn nichts, meine Seele, Jesus ist allezeit bei dir!"

In dieser Zuversicht wurde sie auch nicht zu­schanden. sondern erfuhr den mächtigen Beistand