Seseh und Suade.
Es war ungefähr im Jahre 1492 v. Ehr., als Israel am Sinai das Gesetz des HErrn empfing. Welch ein ergreifender Augenblick war das! Der Berg rauchte und zitterte, die Felsen bebten, die Blitze zuckten, die Donner brüllten, der Sturm heulte, es war, als ob die Welt untergehen sollte. Und das Volk stand bebend und staunend da. Nachdem das Unwetter ausgetobt hatte, wurde es still, feierlich still, so still, daß man das Pochen des Herzens in der eigenen Brust hörte. Als so die ganze Natur schweigend auf ein besonderes Ereignis harrte, da tönte es . in diese heilige Sülle mit gewaltiger Stimme aus einer anderen Welt hinein: „Ich bin derHErr, dein Gott, der
Ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben Mir. — Du sollst den Namen des HErrn, deines Gottes, nichtmißbrauchen. — D n sollst nicht töten — Du foIIft nicht ehebrechen. — Du sollst nicht stehlen." (2 Mose 20.) Und als die gewaltigen, in langen schauerlichen Pausen gesprochenen Sätze verhallt waren, da rauschten ivieder die schwarzen Wetterwolken gleich unheimlichen Kriegsgeschwadern am Himmel daher, und es rollten wieder die Donner und zuckten wieder die Blitze, und es zitterten wieder die Grundpfeiler der Erde, und es ergriff wieder eine namenlose Angst das Volk. Es wird nach diesen sittlichen Forderungen von der Angst eines Verlorenen gepackt, der keine Hilfe hat, von der Angst eines Verbrechers, dem das Todesurteil gefällt ist, von der Angst eines Menschen, der zur Hölle fahren muß. Der soll selig werden, der alle diese Gebote hält — so hält, wie Gott, der Heilige, sie gehalten haben will'? Wer ist denn dazu fähig? Zu grausigen Urteilssprüchen und Flüchen werden diese Gebote, die über ihre Häupter rollen, und schrecklicher als des Donners Laut da draußen spricht die richtende Stimme in der Brust: „Du bist schuldig! Du bist verloren!" Die zehn Gebote gleichen zehn scharfen Schwertern, die vor der Himmelstür wie verzehrende Blitze zucken und jedem Sterblichen den Einzug unmöglich machen.
Dies feurige Gesetz beleuchtet den Gott, dem du mit Tun und Denken verantwortlich bist. Denn was muß das für ein Gott sein, der ein so vollkommenes Gesetz geben konnte!
Dies feurige Gesetz wirft auch Licht auf die Taten unseres Lebens und enthüllt sie. Wir wüßten nicht, was Sünde wäre, wenn wir Gottes Willen nicht hätten; aber im Lichte dieser brennenden Fackel wird das, was Finsternis ist. offenbar. Indem das Gesetz vom Menschen eine höhere Gerechtigkeit fordert, als er besitzt, wird es zu einem Trompetenton, der das Gewissen aus dem Schlummer weckt und das
Böse als Sünde erkennen läßt. Wer sein Leben von diesem Lichte bescheinen läßt, der muß aus- rufen: „Unrein!"
Dies feurige Gesetz leuchtet aber auch ins Herz, in die Gesinnung hinein, in diesen Pfuhl, aus dem die ekelhaften Lüste und unsauberen Begierden aufsteigen, und spricht: „Du sollst nicht
begehren!" Wer kann noch von innerer Reinheit sprechen, der seine Phantasie, Gefühle und Wünsche in diesem Lichte besieht? Nein, hier gilt's, an die Brust zu schlagen mit dem Seufzer: „Wenn Du, HErr, willst Sünde zurechnen, wer kann vor Dir bestehen!"
O wehe, wehe dem Mann mit unvergebeuer Schuld! Es ist, als ob sich ihm zehn Schwerter in die Seele bohren, denn hier wird er erkennen, daß er nicht ein Gebot gehalten und deshalb verloren ist. Wie der Sturm durchs Takelwerk des Schiffes pfeift, so wird es durch seine Seele heulen: „Verflucht ist, der nicht alle Worte des Gesetzes erfüllt!"
Gibt's denn aber keine Rettung vor diesem Dräuen und Verurteilen des Gesetzes? Was tat Israel, als es am Sinai von diesen Blitzen zu Boden geschlagen war? Es ging zu Moses und sprach: „Rede du mit uns, wir wollen gehorchen, und laß Gott nicht mit uns reden, wir müßten sonst sterben". Israel fühlte, daß es einen Mittler nötig hatte. Und den brauchen auch wir, wenn uns das Gesetz nicht verdammen soll. Dieser Mittler ist jener Mann, der l500 Jahre später auf dem Berge der Selig- keit stand und rief: „Selig, selig, selig, sind . . ." (Matth. 5.)
Für uns dreht sich alles um die Frage: „Wie kann ich so untadelig werden, daß Gottes Gesetz an mir nichts zu verdammen findet?" Die Antwort lautet: „Gott hat Den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in Ihm Gerechtigkeit Gottes." Und „Christus hat uns erlöst vom Fluche des Gesetzes, da Er ward ein Fluch für uns." Durch Sein heiliges Leben erfüllte Jesus das feurige Gesetz, und wer Ihn zu seinem Heiland gemacht hat durch lebendigen Glauben, dem wird diese Gesetzeserfüllung zngerechnet. Durch Seinen Kreuzestod starb Er stellvertretend für uns, und wer Jesum als seinen Bürgen im wahren Glauben augenommeu hat, der ist erlöst von der Verdammnis und erlangt das ewige Leben. Es kommt bei uns alles auf die Frage an: „Wie stehe ich zu Christo, hat Er mich erlöst vom Fluche des Gesetzes und mir die Seligkeit erworben?" Wer diese Frage noch nicht mit „Ja" beantworten kann, steht noch unter dun Fluche des Gesetzes und wird dessen ganze Furchtbarkeit empfinden, wenn er ohne Christum stirbt. „Christus ist des Gesetzes Ende, und wer an Ihn glaubt, der ist gerecht." F. W. H.
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