Ausgabe 
10.9.1916
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dem Arzt. Sie kann mit ihrem Verstände nicht ergründen, inwiefern es tatsächlich richtig ist, daß der Arzt ihrem Liebling den rechten Arm abge- nommen hat. Sie muß sich mit der Tatsache ab- finden. Zweifelt sie nun an der Existenz des Arztes, weil sie nicht imstande ist, den logischen Zusammen- Hang der ärztlichen Handlung zu erklären? Zweifelt sie an der Existenz des Arztes, weil er dem Kinde starke Schmerzen zufügt? Nein! Wenn nun Gottes gerechtes Verhalten der Welt gegenüber oft nicht zu begreifen ist, warum und wie es tatsächlich gerecht zu nennen ist, ist man dann gezwungen, seine Exi­stenz zu leugnen? Nein! Wenn Gott aus inneren Ihm bekannten Gründen heraus blutige und schmerz­liche Operationen an der Menschheit vornimmt, um damit dem Gesamtorganismus wie der Arzt dem Kinde eine Hilfe zu erweisen, muß dann deshalb die Existenz Gottes geleugnet werden? Nein! Wenn ich Mensche» nicht wegleugne um ihrer mir unver­ständlichen gerechten Praxis willen, wie kann ich Gott wegleugnen, wenn ich unfähig bin, sein höheres gerechtes Verhalten als gerecht zu beurteilen? Wenn ich glaube, daß aus dem gerechten, mir aber als solches unverständlichen Verhalten eines Mensche» Gutes kommt, wieviel mehr hat die Über­zeugung Berechtigung, daß aus dem Verhalten Gottes zur Welt auch in schwerster Heimsuchung Gutes kommen muß!

Die Liebe zur Wahrheit nötigt uns, an Gottes Gerechtigkeit und darum auch an Seine Existenz zu glauben in den Tagen dieses blutigen Krieges, wo Gott allein mächtig ist, zu erkennen Sein Tun als einen Ausfluß Seiner ewigen Gerechtigkeit.

Wie ist mir doch so weh ums Herz!

Es drückt mich hart so reicher Schmerz!

Wie soll ich das verstehen,

Was an mir ist geschehen? - Ich weiß es nicht!

Unfähig bin ich zu verstehn,

Ob das gerecht ist, was gescheh'n,

Das Schwerste zu erleiden!

Wer will es klärlich deuten,

Ob es gerecht?

Es ist ein Gott in guter Zeit!

Es bleibt ein Gott in schwerstem Leid!

Kann ich ihn nicht verstehen,

Ich werde es noch sehen:

Gerecht ist er!"

Aus dem Schützengraben. Meng.

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Sekunden und Wikirneter. -

Im Felde, 8. Juni 1916.

Im Kriege ist so manches umgewertet worden. Menschenleben werden für nichts erachtet, Wald und Flur durch Millionen von Granaten in Wüsten »ingewandelt. Leute, die früher unbedingt vier bis fünf Gänge bei Tisch brauchten, sind jetzt oft froh,

wenn sie ihren Hunger mit etwas Brot stillen können; ein Schluck Wasser hat im Felde mehr Wert als daheim eine Flasche Sekt.

Wer hat früher auf den Wert einer Sekunde, eines Millimeters geachtet? Heute hört man oft- mals erzählen, daß dieser oder jener eben, vor etlichen Sekunden oder Minuten den kritischen Punkt glück- lich passieren konnte, als auch schon die feindlichen Geschosse am fraglichen Platze einschlugen. Infan­teristen sind beim Schanzen; plötzlich bersten in der Nähe etliche Granaten. Der eine Soldat wird von einem Splitterchen getroffen, welches aber nicht mehr die Kraft hat, die Uniform zu durchschlagen. Dank- bar betrachtet er das Stückchen Eisen, das ihm so leicht verderblich werden konnte, wenn es nur wenige Millimeter tief eingedrungen wäre. Hat man nicht genug Beispiele davon gehört, daß Soldaten gerade den Unterstand verlassen hatten, als die Decke des­selben von einem Geschoß durchschlagen wurde? Sekunden, Millimeter Kleinigkeiten, aber im Felde je und je von unberechenbarem Wert.

Ich komme auf einen anderen Krieg, den Kamps zwischen Christentum und Unglauben. Da fällt mir eine kleine Geschichte aus dem Altertum ein. Der gefangengesetzte Paulus verantwortet sich vor Agrippa, dem jüdischen König, so gut, daß letzterer aüsruft: Es fehlt nicht viel, du überredest mich, daß ich ein Christ würde." Aber er wurde dennoch kein Christ. Irdisches Wohlleben stand ihm viel höher als ewiges Glück, Frieden mit Gott. Agrippa bekannte selbst, es fehlt nicht viel, daß er ein Christ würde. Aber dies Wenige war ihm noch zuviel.

Ich weiß nicht, ob du, der du diese Zeilen liest, ein Jünger Jesu im wahren Sinne des Wortes bist, oder ob du Ihm mehr oder weniger fern gegenüber- stchst.^ Aber ich kenne folgende Worte der Heiligen Schrift, die dir wie mir gelten. Jesus spricht: Kommt her zu Mir alle, die ihr mühselig und be­laden seid, Ich will euch erquicken." (Matth. 11, 28.)

Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3, 16.)

Ich (Jesus) bin kommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben." (Joh. 10, 11.)

Und darum wünsche ich dir wie Paulus dem König Agrippa gegenüber, daß du alle Zweifel, alle selbstsüchtigen Gründe einmal beiseite läßt und in die Nachfolge Dessen trittst, von dem gesagt wird: Es ist in keinem anderen Heil als in Jesu Christo, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden"; in die Nachfolge dessen, der von sich gesagt hat: Himmel und Erde vergehen, aber Meine Worte werden nicht vergehen" (Matth. 24, 35), und dem die Jahrhunderte recht gegeben haben. Bark.

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